Kundenrezension – Macht und Verführung

‚Ich hab keine Ahnung, was ich kaufen soll!‘ – So geht es vielen zur Zeit mit denen ich spreche, gerade im Elektronik-Bereich. Man will vielleicht gerade was anschaffen, hat aber keine Ahnung welche Marke oder welches Modell – bisweilen scheitert es schon an der richtigen Preiskategorie.

Da man auf die Beratung in den Geschäften bisweilen getrost verzichten kann (ich erinnere an »Was uns der geile Geiz gekostet hat…«) und die Produktvielfalt bzw. die immer kürzeren Produktzyklen keinen Überblick mehr erlauben, stehen viele potentielle Konsumenten ratlos da.
Ich sag ja nur ungern ‚früher war alles besser‘, aber ‚früher‘ hatte man – bspw. bei Stereoanlagen – so ein paar Produktklassen (Ramsch, Solide, High End) und innerhalb der Klassen jeweils eine Handvoll ernstzunehmende Kandidaten. Jetzt guckte man nur noch in den Geldbeutel, was die Klassenentscheidung erleichterte, las ein paar Testberichte im Stehen am Kiosk (das war damals einfach aufgrund der begrenzten Produkte noch machbar sich einen Überblick zu verschaffen) und stapfte mit 2-3 Favoriten in den Fachladen. Dort wurde Probe gehört und nach Beratung entschieden.
So leicht war das einmal, aber auch das war manchem schon zu kompliziert.

Als unsere Ober-Verbraucherschützerin Künast vor einiger Zeit einmal anmerkte, dass unser offener Markt den Verbraucher zu überfordern beginnt, legte sie da den Finger in die Wunde. Die Menschen wollen konsumieren, sie trauen sich aber zum Teil einfach nicht mehr, weil sie nicht wissen, ob sie etwas Gutes für ihr Geld bekommen oder eben nicht. Ob das Produkt gerade ein Auslaufmodell, ein Ladenhüter mit gesenktem Mondpreis, ein Billigteil mit Lizenz-Marken-Label oder oder oder. Bsp. SONY: Wer weiss schon noch, ob das gerade die Billig-Linie zum Mondpreis oder die HighEnd-Linie zum Top-Angebot ist. UVPs sind sowieso nur noch ein kleiner Scherz am Rande, vor allem wenn man bspw. bei Amazon bereits vor Veröffentlichung das Produkts mind. 10% unter UVP vorbestellen kann (so bspw. bei meinem letzten Siemens Gigaset).

Diesen Aspekt sollte man einmal diskutieren, wenn man über Kaufzurückhaltung spricht!
Und: Wer wundert man sich da überhaupt noch, wenn man dann nur noch auf ‚Hauptsache billig‘ zugreift?!

Aber das war ja eigentlich gar nicht mein Thema…
Wenn man also Herstellerpreisen nicht mehr trauen kann, eine Beratung in den Großmärkten Glückssache ist und das Verschaffen eines Überblicks im Fachzeitschriftenmarkt aufgrund der Vielfalt und der ständigen Veränderung nicht mehr so richtig klappt, dann sucht man nach Alternativen, nach weiteren „weichen Faktoren“, die einem die Kaufentscheidung vereinfachen: Kundenrezensionen!

Wenn – von Kunde zu Kunde – ein Produkt bewertet wird, dann liest man doch gerne einmal quer. Die persönlichen Erfahrungen, die individuelle Zufriedenheit – ich gebe gerne zu, dass diese Kundenrezensionen, wie bspw. zu lesen bei golem.de (dort die Kommentare), amazon.de oder guenstiger.de (dort gleich mit Preisvergleich), bei mir zwischenzeitlich mind. 10% Kaufentscheidung ausmachen. Ein dort verissenes Produkt kann nur noch schwerlich bei mir punkten, eine gemischte Bewertung lässt mich zumindest nachdenklich und kritischer werden.

Kundenrezensionen sind mittlerweile eine Macht, sie können – an der richtigen Stelle – ein Produkt ernstzunehmend gefährden. Erfolge von Portalen wie ciao.de, von denen ich allerdings persönlich wenig halte (mir haben sie jedenfalls nie was gebracht bisher), belegen das.

Das Problem: Das wissen die Firmen zwischenzeitlich auch!
Das Zauberwort heißt Guerilla-Marketing. Auch wenn es niemand offen zugeben will, so werden doch Menschen von Firmen beauftragt, unter privaten Namen ein bisschen ‚gute Stimmung‘ in Foren und bei Kundenrezensionen zu machen. Man sei also gewarnt, wenn man Kundenrezensionen liest. Denn auch wenn manche bei solchen ‚Werbemaßnahmen‘ wenig Geschick zeigen und sehr schnell zu erkennen sind, so gibt es doch einige wahre Profis in diesem Geshäft.

Hier ein Beispiel, das gut passen könnte – man will ja nichts unterstellen, aber ein wenig komisch liest sich das doch. Man meint fast, jemand von Nokia traf jemand von Siemens…

Ich habe keine bessere Botschaft als diese: Frau Künast hat wohl Recht! Dem Kunden wird eine ganze Menge abverlangt und vielleicht wird er bisweilen auch überfordert dabei.
Ein Bauchgefühl dafür zu entwickeln, was und wem man trauen kann im Netz, das kann einem eben niemand abnehmen.

Update 05.09.2005: Nun hat sich auch der PR-Blogger des Themas angenommen.
Wie wichtig sind Online-Rezensionen?
http://klauseck.typepad.com/prbloggerweblog/2005/09/wie_wichtig_sin.html