Ungeschriebene Gesetze: Das Ende wird nicht verraten

Es gibt so ein paar Regeln der modernen Zivilisation, die irgendwie ‚heilig‘ sind und die niemand bricht und derer sich sogar die Medien in ihrer Breite unterwerfen. Eines davon ist: Das Ende wird nicht verraten.

Sich ein Fussball-Spiel seines Lieblingsclubs als Aufzeichnung zeitversetzt anzusehen ist eigentlich so gut wie unmöglich. Auch bei totaler Informationsblockade kommt bestimmt spätestens zwei Schritte vor der Haustür der Nachbar mit dem nett gemeinten: »Glückwunsch zum Sieg!«. Da werden freudig erwartete 90 Minuten zum Ärgernis.
Und dabei gab es früher sogar einmal in der Tagesschau vor der Sportschau nur eine tonlose Einblendung der Ergebnisse – mit Vorankündigung!

Aber Filme und Bücher – da hält man noch heute dicht. Zwar gibt es bei Filmen Trailer und Rezensionen, aber das Ende wird i.d.R. nicht verraten. Und bei Büchern haben erst Recht alle tiefsten Respekt. Die Freude auf einen spannenden Roman, das hat was, das will man nicht zerstören. Und auch im Privaten: Wer da beim Abendessen nur beiläufig erwähnt, dass ‚das Ende aber sehr überraschend‘ wäre, gilt in Anwesenheit wenigstens eines Lesewilligen des betroffenen Buches als schwerer Fettnapftritt – und zu Recht.

Wenn man sich jetzt in Weblogs einen Spaß daraus macht, bereits in einer Überschrift oder via RSS den Inhalt und das Ende eines Buches (oder wesentliche Elemente) zu verraten, der bricht nicht nur mit dem beschriebenen Gesetz, der missbraucht auch das Vertrauen der Leser in den Schreiber. Es ist wie eine – im allerweitesten Sinne zu verstehenden – Informations-Vergewaltigung.

Wahrscheinlich hört man mir gerade an, dass ich mich maßlos ärgere. Stein des Anstoßes sind dabei zwei Berichte bei Spreeblick und (mit Verweis darauf) bei Nerdcore, die einen wesentlichen Punkt des neuen Harry Potter-Roman verraten. Läßt Johnny von Spreeblick wenigstens noch die Wahl, ob man weiterklickt und liest oder nicht, gibt René von Nerdcore einem diese Chance nicht.

Aber auch Nerdcore ist – um das einmal einzuschränken – ja auch nur Nachahmer und eben zufällig mein Stein des Anstoßes gewesen.
Die Frage ist doch: Führt die Weblog-RSS-Feed-Kultur dazu, dass man zwangs-informiert wird? Geht es im Beispiel ja ’nur‘ um ein Buch, so läßt die Fantasie im multimedialen Bereich viel Spielraum – Bilder, Sequenzen, Schlagworte – politisch motiviert, religiös anstößig, nicht jugendfrei. Vielleicht ist das eine echte Gefahr des ‚unkontrollierten‘ Medienbooms in Weblogs. Wenn keine Regeln bestehen, keine Kontrolle, dann gibt es eben auch Entwicklungen, die man als ’negativ‘ einstufen könnte.
Und sei es nur – wie im Beispiel -, weil man es halt lustig findet und man es eben ‚kann‘.

Es bleibt einem nur sich gut auszusuchen, was man abonniert und wen man liest – oder an die Vernunft zu appelieren. Da dies im angesprochenen Fall nicht geholfen hat (was mich wundert, weil man dort sonst ein gutes Buch zu schätzen weiß) und der Blogartikel noch immer besteht, will ich zu Nerdcore heute noch nicht mal verlinken. 🙁

Spreeblick: Harry Potter in drei Minuten

Update [02.08.2005]: Dass das Ganze auch offline funktioniert, darauf weißt SPON nun in einem Artikel hin. Man kann sich T-Shirts bestellen, auf dem wesentliche Inhalte des neuen Potter einfach durch die Gegend getragen werden.
Dumm nur, dass auch SPON mit seinem Artikel durch die Abbildung eines Ausschnitts eines solchen T-Shirts wieder ein Detail verrät: Die Seitenzahl! – Ein Versehen?

SPON: Wollen Sie sich mal so richtig unbeliebt machen?