Wikipedia ist für viele ja ein Rätsel. Man stellt sich Fragen wie: Warum gibt es so viele Menschen, die kostenlos Wissen weitergeben? Oder: Warum stecken Menschen so viel Mühe ohne erkennbaren Lohn in das Projekt? Aber auch Fragen wie: Was sind diese Informationen denn wert? Sind sie verlässlich?
Nun, die letzten beiden Fragen kann man nur so beantworten: Es kommt darauf an. Manche Informationen sind sehr gut recherchiert und absolut Lexika-tauglich, die anderen unvollständig oder auch schlichtweg falsch. Letzteres aber eher selten, ich habe jedenfalls noch keinen offensichtlich falschen Eintrag gefunden. – Wie das gehen kann? Da wären wir wieder bei den ersten beiden Fragen. Weil es viele Menschen gibt, die sich für Wikipedia einsetzen und sich kümmern. Laut Wikipedia-Statistik gibt es ca. 117.000 registrierte Benutzer, sog. Wikipedianer, davon 160 mit Administratorenrechten. Die kümmern sich, lesen und korrigieren, wenn was falsch ist. Und damit man das gut verfolgen kann, was so alles passiert, werden alle Änderungen auf einer Spezialseite fein säuberlich dokumentiert.
Ich sagte »Administratorenrechte«? Dachten wir nicht, dass alle alles können? Nicht ganz, aber ein Vergleich mit George Orwells ‘Farm der Tiere’ (»alle sind gleich, aber manche sind gleicher«) liegt zwar irgendwie als Wortspiel nahe, ist deshalb aber noch lange nicht berechtigt, denn der Umstand, dass es unabhängige Administratoren gibt, macht natürlich Sinn, gerade wenn es um das finale Löschen von Artikeln geht, was naturgemäß höchst umstritten ist.
‘Umstritten’ ist aber mein Stichwort. Bei aller Freude über so viel Engagement, Offenheit und Freiheit gibt es natürlich auch eine Menge Probleme. Es liegt ja nahe, dass so mancher Informationen einstellt, ändert oder löschen will, die er anders sieht oder gerne anders sehen möchte. So eine Enzyklopädie ist ja auch eine Art Geschichtsschreibung und ein Podium zugleich. Wer oder was hier erwähnt wird, hat gewisse Bedeutung, und wie ‘wer oder was’ beschrieben wird, prägt natürlich die öffentliche Meinung. Das kann gerade in politischen Bereichen sehr problematisch sein, wie auch bei der Darstellung von Personen im Allgemeinen, bei Unternehmen und Produkten oder auch von allgemeinen Ereignissen.
Nicht selten kommt es – gerade bspw. vor Wahlen, wie zuletzt in den USA – zu wahren Überarbeitungsschlachten einzelner Artikel, z.B. um einen Politiker in ein mehr oder weniger gutes Licht zu stellen. Dieses Phänomen wurde auch bereits als »Wikipedia Edit-War« beschrieben und kommentiert.
Doch der ‘Wikiwar’, wie ich ihn einmal vereinfacht und weiter gefasst nennen will, ist nicht auf die subjektiv gefärbte Überarbeitung von Artikeln aus Idealismus oder Verblendung beschränkt. Wer an solchen Wiki-Projekten teilnimmt, wie auch an vergleichbaren User-basierten Webprojekten, der muss sich warm anziehen und gut vorbereitet sein, denn was ihn erwartet ist – im weitesten Sinne – “Krieg”, jedenfalls in der Definition, dass Krieg Streiten bedeutet, ggf. mit der Anwendung oder Androhung von Gewalt. Die Waffen sind dabei Worte, die Gewalt sind fortwährende Störmaßnahmen durch Kommentare, Mails oder schlichtem Cyber-Vandalismus – oder eben der Einsatz von Rechten (wie Administratorenrechte).
Ich bin nun seit bald 10 Jahren im Internet unterwegs und das Phänomen des Wikiwar habe ich oft erlebt. Wo immer Menschen die Freiheit haben, sich öffentlich zu präsentieren und dabei auch noch nicht einmal persönlich in Erscheinung treten müssen, wird es problematisch. Gibt man dann noch einigen der ‘Gleichen’ etwas mehr Rechte als dem anderen, ist die Lunte ans Pulverfass gelegt und böse Zungen haben schon manches mal den Begriff des Blockwartes in die Runde geworfen, und damit den Administrator eines Chats, eines Wikis oder eines Forums verunglimpft. Das geht natürlich gerade in Anbetracht des historischen Bezugs zu weit.
Es ist dieses Misstrauen in den ‘Nachbarn’, also des Mitnutzers des Chats, Forums oder Wikis, der aus irgendwelchen Gründen mit Rechten ausgestattet wurde. Rechte um ‘mich’ zu reglementieren, zu bevormunden oder sogar zu verbannen. In der ‘idealen Gesellschaft’ käme es nun nie vor, dass diese Administratoren so eine Position ausnutzen würden, doch haben wir keine ideale Gesellschaft und es gibt leider schwarze Schafe.
Ich erinnere mich selbst noch gut an einen Dienst namens Shortnews (jetzt vom Stern aufgekauft), bei dem man selbst News posten konnte und dafür Credits bekam, für die man später z.B. Handy-Prepaid-Guthaben eintauschen konnte. Das war als Student sehr nett, auch weil das posten Spaß machte, und man konnte zugleich für bestimmte Quellen, die man schätzte und mochte, ein wenig Promo machen. Also alles wunderbar, wären da nicht die Administratoren gewesen.
Natürlich war es wichtig, Regeln einzuhalten, und auch richtig, dass einige erfahrene Nutzer mit gewissen Rechten diese auch überwachten, die Praxis sah aber anders aus. Da wurde schon einmal relativ penibel eine News zur x-ten Bearbeitung zurückgewiesen, während andere Nutzer so ziemlich alles durften. Nur ungern erinnere ich mich noch an einen Admin namens »WhiteChariot« (oder so ähnlich), für den ich so manche Kerbe in meine Tischkante biß. Mit dem Resultat, dass ich irgendwann keine Lust mehr hatte und die Sache sein ließ.
Nicht anders bei Wikipedia. Auch dort hatte ich mich schon früher einmal eingebracht, scheiterte aber an den Nutzern und Administratoren. Sobald man irgendwas schrieb oder anregte, musste man sich rechtfertigen und diskutieren. Das ist an sich ja auch gut und richtig, der Stil und die Wortwahl waren aber nur schwer mit meiner Auffassung von gegenseitigem Respekt und Höflichkeit vereinbar. Da wurde einem so manches unterstellt, abgesprochen und in den Mund gelegt. Und als Neuling wurde man erstmal sowieso kritisch beäugt. Zur Krönung setzte dann auch mal ein Administrator hoheitlich meinem neuen Artikel ein Ende, auch wenn es andere Stimmen gab. Man konnte es halt, so als Admin.
Wie sagte einst Abraham Lincoln:
Willst du den Charakter eines Menschen kennenlernen, so gib ihm Macht.
Aber auch in Foren und in den Kommentaren von Newsmagazinen und Weblogs muss man ein dickes Fell haben. Und das nicht nur wenn ein »Troll« dabei ist, wobei Troll als Synonym für einen besonders hartnäckigen, aggressiven und auch respektlosen Schreiber von Kommentaren steht. Besonders bekannt der Heise Troll.
Kurzum: Wer sich ins Internet einbringen möchte, wer also beginnt nicht nur zu konsumieren sondern auch zu schreiben – sei es als Autor eines Weblogs, in einem Wiki oder Forum, oder sei es nur in Kommentaren -, der sollte wissen was auf ihn zukommt.
Warum ich das alles schreibe? Weil ich gestern irgendwie Lust hatte meine Informationen über die Fischerprüfung in Wikipedia einzustellen. Ich habe danach ja lange gesucht, vielleicht suchen ja auch andere.
Und da kam bei mir das ganze Thema wieder hoch und ich hab mich an so manche Anekdote erinnert – und an so manchen Ärger. Ich bin gespannt, wie das mit Wikipedia diesmal ausgeht. Bisher wurde nur eine kleine Änderung ohne weiteren Kommentar vorgenommen. Na ja, das Thema ist ja auch unspektakulär.
Mein Wikipedia-Eintrag: Die Fischerprüfung
http://de.wikipedia.org/wiki/Fischerprüfung
