Der gemeine Fußball-Fan

Jemand zufällig gestern »Welt der Wunder« von RTL II gesehen (Wiederholung vom 18.09.2005)? Sehr aufschlußreich, da ging es um das Verhalten des Menschen beim Siegen und Verlieren.

»Schon im Kindesalter setzen wir alles daran, schneller und besser zu sein als andere. Später dann hält sich dieser Wille zum Sieg in Beruf oder Sport. Wir kämpfen um unsere gesellschaftliche Position oder eben um eine rollende Lederkugel. Denn Gewinnen fühlt sich gut an. Dafür sorgt unser Körper. Denn der startet ein hormonelles Programm, das in seiner Wirkung einer Aufputschdroge gleicht. Dieses Glücksgefühl wollen wir wieder und wieder spüren.

Doch wo es Kampf gibt, gibt es nicht nur Sieger, sondern auch Verlierer. Auch bei ihm startet der Körper ein spezielles Programm: Das Ende vor Augen, werden etwa die Beine schwer wie Blei und jeder einzelne Knochen schmerzt. Der Grund: Im Angesicht einer Niederlage beginnt der Körper das Stresshormon Cortisol auszuschütten. Das dreht die Wirkung des Adrenalins um. Aus Aufregung wird Angst. Der Kreislauf fällt in den Keller, das Blut sackt ab. All das verleiht uns ein flaues Gefühl in der Magengegend.«
Quelle: Welt der Wunder: Schneller, höher, weiter – Wer nicht kämpfte, überlebte nicht

Und das trifft nicht nur auf die Protagonisten zu, wie es gerade bei Niederlage nach Niederlage des 1. FC Nürnberg (FSV Mainz 05 – 1. FC Nürnberg 4:1) gestern zu sehen war, das trifft gerade und insbesondere auch für den Fan.
Wer Fan des »Club« ist, wie der 1. FC Nürnberg liebevoll genannt wird, der kennt nämlich diese Sympthome nur zu gut: Dieses Gefühl schwerer Beine, das Absacken des Kreislaufs und dieses Gefühl in der Magengegend. – Und da ist das Spiel noch nicht einmal angepfiffen.

Minute für Minute wartet man eigentlich nur auf das Gegentor, das Radio an oder aus dem Augenwinkel den Videotext verfolgend. Selbst bei einer 2:0-Führung in der 85. Minute leidet man. Zu viel hat der Clubberer schon erlebt und gesehen – vor allem eben Niederlagen, unglückliche Niederlagen, schmerzliche Niederlagen, Niederlagen, die so sonst noch keiner geschafft hatte. Wie einst der Abstieg trotz Tabellenplatz 15 am 33. Spieltag – mit einem Kantersieg des designierten Absteigers und gleichzeitiger eigener Heimniederlage, bei dem kurz vor Schluß auch noch der mögliche Ausgleich aus 5 Metern durch den Kapitän freistehend vergeben wurde.

Warum also, warum sollte man Fan des FCN sein? Ist man masochistisch veranlagt? Will man nicht lieber dieses Gefühl des Siegens, das hormonelle Programm des Gewinnens? Will man nicht lieber Bayern-Fan werden? Oder Werder?

Doch wer so denkt, der hat vom Fußball keine Ahnung Fußball nicht im Blut.
»Man sucht sich keinen Verein aus. Der Verein wird einem gegeben.« (Hornby)

Als ich nach langen Jahren des Fan-Legionärs-Daseins, mit wechselnden Liebschaften, ganz nach aktuellem Erfolg, irgendwann zu einem Club-Heimspiel mitgeschleift wurde, da war es geschehen. Seitdem leide ich, jeden Samstag, da konnte auch ein Auswandern nach Hessen nichts ändern. Ganz ehrlich: Ich kann mir das rational nicht erklären!

Keine Sorge natürlich, ich bin und werde kein Fanatiker, ich gucke nicht zwanghaft die Sportschau, und ich schlafe nicht in Fan-Bettwäsche.
Fußball ist schlicht eine wunderbar einfache Sache. Es ist ausreichend komplex, um sich lange damit zu beschäftigen, kulturell so stark verwurzelt, dass auch andere gesellschaftliche Themen berührt werden, und doch so populär, dass man immer ein dankbares Thema hat, wenn auf der Party partout kein Gespräch sonst aufkommt. Und dabei geht es eigentlich um ’nichts‘, nichts existentielles jedenfalls – und vielleicht ist gerade das das Geheimnis. Man verlagert einen Teil seiner Aufmerksamkeit und Emotionen auf ein vollkommen unwichtiges Thema. Kommt der Abstieg, hofft man nach bitteren Momenten eben wieder auf den Aufstieg. Und verliert man, dann kommen eben die nächsten 90 Minuten, die bei 0:0 beginnen. Jede Saison haben am Anfang alle 0 Punkte, jede Saison darf man ein bisschen träumen. Wenn das Leben doch immer so wäre.

Aber vor allem: Als Fußball-Fan hat man eh keine Chance, sich dem zu entziehen.
Der Club-Fan sucht vielleicht das Besondere, hat einen Faible für Tradition, leidet über erlittene Ungerechtigkeit (Verhältnis München-Nürnberg), mag die Rolle des Underdogs und hat vor allem eines: Unbegrenzte Hoffnung auf bessere Tage. Dies sagte auch einmal ein Pastor über den Club: ‚Nürnberg? Eine gute Übung des Glaubens. Man lernt täglich zu hoffen.‘

So hoffen wir auch diesmal auf bessere Tage, nachdem der Club seit Wochen oben beschriebene Symptome der Angst und Verlierens auf dem Platz zeigt und andauernd verliert, und erfreuten uns, als unser Boss Michaela Michael A. Roth verkündete vor einigen Tagen, dass der beliebte Trainer Wolf in jedem Falle bliebe und man lieber am Transfermarkt nachlegen würde, bevor man den Trainer entließe.
Nun, was kümmert das Geschwätz von gestern … Aber auch das ist eben ‚typisch Club‘.

31.10.2005 10:23 – »Boss« Roth rückt von Trainer Wolf ab
http://www.kicker.de/ (Link gekürzt)

31.10.2005 17:48 – FCN: Wolfgang Wolf gefeuert
http://www.11freunde.de/bundesligen/17169

31.10.2005 21:46 – Verhandlungen mit Matthäus
http://www.kicker.de/ (Link gekürzt)

Matthäus? Muss ich da jetzt lachen oder weinen?