Ein Blick zurück, voraus und rundherum

Heute am letzten Tag des Jahres wird ja gern ein Blick zurück geworfen – mit Wehmut, mit Schmerz, voller Zufriedenheit oder auch mit Euphorie. Stets begleitet von einem Gefühl der Neugier, der Vorfreude oder auch der Zweifel und Sorge.

Die letzten Tage sahen bei mir einmal ganz anders aus als sonst. Statt – als erste Amtshandlung – den Rechner anzuwerfen, und wenn es nur zum kurzen Blick auf die Nachrichten und den Posteingang ist, um dann den Tag im Büro vor dem Rechner und online zu verbringen bis man schließlich nachts vor dem Schlafen gehen die Möhre runterfährt – nein, zur Zeit bleibt die Kiste aus, bis auf wenige Routine-Kontrollen.
Und auch wenn ich sonst viel (Frei-)Zeit für meine Kinder veranschlagte, so ist der fast radikale Entzug vom Netz doch äußerst wohltuend. Und – ach! – es gibt auch Fernsehprogramm! Aber ich hatte dabei nichts verpasst zuletzt …

Das zurückliegende Jahr war das Jahr meines Relaunchs hier und – damit verbunden – der Einstieg in die Tiefen des Bloggens. Nicht nur als Blogger, nein, auch als Lesender. Zwar bin ich nun wahrlich kein Newbie im Netz und grundsätzlich war mir das alles auch nichts Neues, aber diese Blogwelt hatte dann doch noch sehr höchst eigene Aspekte zu bieten. Und das sage ich, auch wenn ich sonst so sehr auf die Nicht-Kategorisierbarkeit von Bloggern poche. Bloggen ist einfach eine Art Selbstverpflichtung. Man beginnt Dinge als Blogger wahrzunehmen und stets im Hinterkopf zu haben, ob man das Gesehene oder Gehörte nicht irgendwie verwenden könnte. Doch die Sucht ist ‚endlich‘ – wie mir das gerade auch die letzten Tage wieder gezeigt haben. Man kann tatsächlich ziemlich schnell wieder davon loskommen. Aber – hey – warum denn? Solange es Spaß macht?! Und wenn ich kein Blog mehr mache, dann schreibe ich eben mal ein Buch.

Wie schnell man schier eingemeiselte Tagesrituale vergessen kann, das wurde mir beispielsweise wieder die Tage nach einem Treffen mit meinem Ex-Partner von Autokiste bewußt. Jahrelang gehörte Autokiste zu meinem morgentlichen Aufstehen und zu meinem abendlichen Programm. Nach meinem Ausstieg dauerte es nicht lange, bis eben ein anderer Tagesrhythmus mein Leben bestimmte. Heute ist das vor allem Vorlesen und Frühstück mit meinem Sohn. Also keine Sorge da draußen, der Entzug ist machbar. Das trifft auch sicher für Workaholics zu, die endlich einmal ihren Platz räumen sollten. Allerdings sollte man sich dann wieder eine alternative sinnvolle Beschäftigung suchen, hat man keine Kinder und ist Bloggen nicht so das Ding, dann vielleicht was mit Sport oder was Sozialem?

Aber zurück zum Rückblick. Nach der Erkenntnis, dass ich Bloggen mit Freude seit 2005 betreibe und nun auch mir bestätigen kann, dass ich es auch nicht zwanghaft ausübe, bleiben doch viele interessante Eindrücke aus dieser Welt des Internets.
Lebhaft geht es zu – das kann man in jedem Fall sagen. Blogs zu lesen und deren Schwingungen zu beobachten, wenn mal das eine, dann das andere Thema die Runde macht, das hat schon enorm Potential. Wobei mir nun niemand mehr sagen sollte, dass Kommentare das nonplusultra der Blogwelt wären. Im Gegenteil! Erstens beschränken sich die meisten Kommentare doch auf eine sehr begrenzte Anzahl von Blogs. Dort geht es schnell heiß her, manchmal die Grenzen und den Rahmen sprengend. Allerdings ist das auch nichts Neues. Die Foren waren früher so ziemlich das Gleiche und auch damals gab es nur einige wenige Foren, die wirklich liefen und viele Schreiber verzeichneten. ‚Im Gegenteil‘ sagte ich, weil ich den Kommentaren langfristig (und mit dieser Meinung bin ich nicht alleine) keine große Zukunft gebe. Zum einen ist das Problem des Kommentarspams erst so langsam am hochkommen, das macht schon Ärger genug. Dazu kommt aber dann noch die rechtliche Problematik, die – auch wenn das noch lange nicht geklärt ist (das aktuelle Heise-Verfahren ist da gerade kein gutes Beispiel, auch weil die Richter dies besonders betonen und auch die spezielle Problematik des Einzelfalls verweisen) – zunehmend in Richtung Verantwortung und Moderation geht (was das Ende der Spontanität und damit das Ende des Reizes der Kommentare bedeutet). Viel schwerwiegender ist allerdings, dass gerade der Erfolg des Kommentares Tod ist. Wenn – wie so manches mal bei Spreeblick – über 200 Kommentare abgegeben werden, ist ein Überblick, eine Bezugnahme und ein Studium per se nicht mehr vernünftig möglich.

Anders die – wenn auch noch stiefmütterlich behandelten – sogenannten Trackbacks und „Tags“ (Schlagworte). Auch wenn man das Wort „Web 2.0“ oder „social web“ mancherorts nicht (oder nicht mehr) hören will, so ist diese Art des Austauschs von Informationen doch für mich die Zukunft. Auch wenn ich hier herzhaft über den Relaunch von jetzt.de hergezogen habe (das bezog sich dabei aber mehr auf das Webdesign), so sieht man dort doch schon ein Stück gegenwärtige Zukunft. User schreiben für User, garniert von News und redaktionellen Content, und die Relevanz bestimmen die User durch ihre eigenen Verweise und Bookmarks – oder einfach durch die Häufigkeit des Aufrufs. So entsteht ein dynamisches Netzwerk der Informationen, die sich natürlich trotzdem an den Vorgaben der Massenmedien orientieren, diese aber nicht zwanghaft adaptieren müssen.

Im Jahr 2005 ist – aus meiner Sicht – das Bloggen salonfähig geworden, während alternative Publikationsformen wie Podcasting gerade das Krabbeln lernen. Was kommt aber 2006? Ich denke, dass vor allem UMTS doch langsam unseren Alltag erobern wird. Jedenfalls als Lead-Technology, die Begehrlichkeiten für mobile Anwendungen gibt. Ob die geweckten Bedürfnisse dann per WLAN oder wasauchimmer (Bluetooth, BlackBerry etc. pp.) bedient werden, muss man sehen.
Und ich denke, dass der Aspekt des „social web“ eine wichtige Rolle spielen wird. Das Internet hat gerade dadurch seinen Reiz, dass man nicht z.B. von Verbrauchermagazinen Informationen erhält, sondern direkt vom anderen Nutzer. Dieser 1:1-Austausch von Informationen bedarf aber auch einer Bewertung der Qualität, und das darf nicht wieder pseudo-redaktionell erfolgen. Da wurde dann doch zuletzt viel Vertrauen verspielt, was auch mit den stets rückläufigen Investitionen in diesem Bereich zu erklären ist. (Das sind natürlich subjektive Erwägungen, wenngleich ich viele persönliche Erfahrungen aus und mit der Branche habe).

Wie dem auch sei … Ich wünsche allen, die bis hierher beim Lesen durchgehalten haben, einen guten Rutsch und ein frohes Neues!
Und ich jedenfalls hatte viel Spaß mit diesem Blog dieses Jahr – und ich hoffe der eine oder andere auch. Bis die Tage – bis 2006!