Mehr als Epic 2015 – Gesellschaft im Wandel

Gogglezon

Schon vor längerem beschäftigte die englischsprachige Zukunftsvision »Epic« die Netzwelt und wir saßen mit düsteren Mienen vor den Monitoren. Nun wurde Epic aktualisiert und ins deutsche übersetzt, an seiner Wirkung hat es dabei nichts eingebüßt, im Gegenteil.

»Epic 2015« ist weder ein Epos noch eine Utopie, Epic ist ein Weiterdenken, ein Zusammenzählen, ein vorauseilendes Resümée sozusagen. Niemand wird anzweifeln, dass das, was wir da sehen, nicht einfach nahe liegt.

Doch im Gegensatz zu Zukunftsvisionen à la »1984« (George Orwell) oder »Wargames«, »iRobot« oder »Matrix« (Film) fehlt die innere Ablehnung, es fehlt das Widerstreben, dass es so nie kommen darf. In seiner nüchternen Dokumentation zeigt Epic kein Schreckensszenario, so dass auch kein Erwachen ausgelöst wird – und werden soll. Es ist ganz einfach: so wird die Zukunft aussehen, eher noch ein bisschen extremer. Und niemand wird es aufhalten, niemand will es aufhalten – im Gegenteil: Die Dynamik wird zunehmen, und die Energie, die freigesetzt wird, wird alle Zweifel hinwegwischen. Denn was zu dieser Entwicklung führt basiert auf dem, was die Nutzer freiwillig geben, das Kapital, dass dies alles möglich macht, ist menschliches Kapital, auf dem Silbertablett durch die Menschen selbst vorbeigebracht. Man könnte noch nicht einmal sagen, dass sie es wie die Lemminge tun, oder wie die berühmten Lämmer, die zur Schlachtbank laufen, denn das Ende ist ja kein Schrecken, es ist einfach nur das Resultat einer veränderten Welt, auch wenn diese Welt heute als »Verlust« der Privatsphäre gedeutet werden könnte – oder soll ich sagen »Aufgabe«?
Der Köder: Unentgeltlichkeit – und ein klein bisschen Show und Bühne für jedermann, ergänzt durch das zunehmende Bedürfnis nach Authentizität, nach Realität und Subjektivität, wie dies nur in einem Netz von Gleichgesinnten möglich ist.

Epic bleibt stets sachlich und stärkt seine Aussagekraft durch Weglassen. Es wird nichts Neues erfunden, keine zu abwegige Konsequenz vermutet. Es is einfach 1+1=2.
Dabei liegt so vieles noch Nahe, viel Gravierenderes als die Gründung von Googlezon oder das Google Grid. Und viel Weitergehendes als die Kombination von Einkaufsverhalten, persönlichen Daten und eigenen Publikationen wie Blogs und Pods.

Die Frage ist: Was ist, wenn diese Entwicklung zu einem Paradigmenwechsel unserer Werte führt? Wenn ein komplettes Gesellschaftsmodell abgelöst wird, wenn wir gerade zusehen, wie die Ablösung des Industriezeitalters durch das Informationszeitalters endgültig vollzogen wird und eines die Bedeutung verliert, was wir uns heute gar nicht richtig vorstellen können:
Was wäre, wenn das »Geld« seine Bedeutung verliert?

Es ist eine komische Gleichung, aber ich denke jetzt schon vielleicht zwei Jahre über diesen Gedanken nach und er wird mir immer schlüssiger je mehr ich darüber nachdenke. Wenn die »Information« das einzig wirklich geldwerte Gut wird, wird der Austausch von Informationen zur eigentlichen Transaktion – und irgendwann kann der Ausgleich mit der Zwischenwährung Geld entfallen. Information gegen Information. Persönlichkeitsprofil gegen Werbung, Rezeption gegen Ware, Aufmerksamkeit und Weiterempfehlung für Dienstleistung.

Alles Spinnerei? Vielleicht, aber man sollte nicht vergessen, dass Geld auch nur als Hilfsmittel eingeführt wurde und nicht Gott gegeben ist. Es diente dazu, den Austausch von Waren und Leistungen zu vereinfachen. Also keine 30 Eier gegen einmal Haare schneiden. Und bis vor kurzem kostete ein Analyse-Tool, Webspace, E-Mail, eine Datenbank oder die Gestaltung einer Website auch noch etwas – jetzt kostet es nur noch die Mitgliedschaft bei GMail.

Oder anders: Wenn mein Besuch beim Friseur 15 Euro kostet, in dieser Zeit ich aber Werbung empfange und zugleich etwas zurückgebe, wie Informationen über mich oder über den Dienstleister, und das ein Äquivalent im Wert bedeutet, dann wird das Bezahlen zu einem unnötigen Akt. Zu weit hergeholt? Oder nur zu kurz gedacht? Wenn ein Konzern mein Arbeitgeber und Inhaber des Friseurs ist, was ist dann? Kann er die Dienstleistung Friseur dann nicht seinen Mitarbeitern anbieten und dafür das Gehalt reduzieren? Was ist, wenn er auch Autos in seinem Konzern anbietet, Lebensmittel und andere Leistungen? Ab welchem Zeitpunkt wird das Gehalt zu einer beliebigen Position?

Schon heute reicht es aus, wenn eine Bank sich über Kreditwürdigkeit äußert, um eine Firma zu ruinieren. Schon jetzt genügt eine falsche Information auf dem Börsenparkett, um Aktien in Turbulenzen zu bringen. Und wenn ein eBay-Objekt einmal in einer Ausstellung stand, führt diese Information zu einer Potenzierung ihres Werts.

Geld, Wert, Information. Es verschmilzt die Bedeutung, die Grenzen verschwinden. Die New Economy lebte von blühenden Phantasien und machte Menschen steinreich und andere bettelarm. Und das ohne jeden „Verdienst“, ohne persönliche Fähigkeiten. Zufällig, nahezu beliebig. Liqudität oder wenigstens Kreditwürdigkeit gepaart mit Information genügte, und so reichte allein die Information über den Graumarkt-Wert aus, um beim Zeichnen einer Aktie zu wissen, ob man schon am nächsten Tag zu den Gewinnern gehörte. Es war vollkommen egal, ob man das Unternehmen kannte, die Branche einschätzen konnte oder überhaupt irgendwas mit Aktien sonst am Hut hatte. Kein Wunder, dass viele diese Art des Gelderwerbs als unethisch damals empfanden.

Wird also einmal für den Einzelnen die Zugehörigkeit zu einer Organisation, einem Konzern, entscheidend sein? Anteile haben, Anteilsinhaber.
Googlezon-Mitglied oder Microsoft-Bürger, Member of Nike oder doch von Coca-Cola? Die Symbiosen zwischen denn Welten erlauben einen Austausch, den Grundbedarf bestimmt die Zugehörigkeit.
Wird das ‚ausgrenzen‘? Werden solche Zugehörigkeiten ‚privilegieren‘? Ganz sicher.

Gut, dass ist genau der Gedanke ‚mehr‘, den sich Epic so oder ganz anders verkneift. Und das ist auch gut so. Aber hier? Ist ja meine Welt. Meine Gedanken. Müssen euch ja nicht gefallen. Alleine bin ich damit nicht, das weiß ich.

Mehr über »Epic 2015« findet man hier, hier, hier, hier, sogar hier und natürlich hier

Zum Flashfilm:
Epic 2015 dt.
Epic 2015 engl.
Epic, alte Fassung, engl.