Tammy Nyp zeigt: Blogs können Journalismus nicht ersetzen

Ich hol ganz kurz aus: Plötzlich stand ein Name ganz oben in der Blog-Suchmaschine Technorati, mit dem niemand etwas anfangen konnte »Tammy Nyp«. Blogs, die das Thema „Tammy Nyp“, am Besten noch dekoriert mit Suchbegriffen wie »free download clip«, aufnahmen, verzeichneten unverhofft gigantische Zugriffe und katapultierten sich selbst in die Top 10 der Blogcharts aller Orten. Und je dreister, desto besser. Lies dazu auch »Blog-Karriere eines Sex-Video-Clips« in der netzzeitung.

Nun, ich habe das Thema ja bereits einmal aufgegriffen und mir wird immer noch dabei übel. Dabei ganz abgesehen, ob die Geschichte nun ein Fake ist, oder nicht, und auch mein Mitgefühl mit dem armen Mädchen hält sich in Grenzen (da gab es schon ganz andere Stories, wie die damals des dicken Jungen, der sich selbst im Lichtschwert-Kampf filmte und dann überall verwurstet wurde).
Übel wird mir, weil das Beispiel zeigt, wie real desillusionierend diese Welt doch ist. Da kann man sich den Wolf texten über wirklich wichtige Themen – aber mit einem kostenlosen Download eines privaten Sex-Videos machst du die Quote.
Nicht, dass es mich überrasche, das wussten wir damals bei unserem Auto-Portal doch auch: Berichte über ein paar heiße Renner, garniere alles mit Tuning-Tipps für den Proll-Golf und oben drauf das Girl-des-Monats – und die Page-Impressions sind kein Thema mehr. Allein, wir wollten nicht.
Es überrascht mich also nicht, aber es desillusioniert mich immer wieder auf’s Neue.

Nun aber bekommt die Sache eine neue Dynamik. Nun wird – unter anderem bei fettisch.de, den ich aber hier nicht verlinken mag, auf den ich aber über einen Kommentar hier aufmerksam wurde – vom »Tod von Tammy Nyp« berichtet. Der Gipfel der Geschmacklosigkeit, in der Art und Weise.

Egal ob die Story stimmt oder nicht, es ist in jedem Fall ein Desaster für die Blogosphere, wenn man mich fragt, zeigt sie doch die ganze Problematik der unkontrollierten Blogwelt gegenüber dem Journalismus.

Warum?

1. Primitive Themen blockieren in kürzester Zeit alle Informationskanäle des schönen Web 2.0. Ein Blick auf die Most-Popular-Clouds sagen da mehr, als ich hier schreiben müßte.

2. Es gibt überhaupt keine Gewähr mehr, ob die Nachricht stimmt oder nicht. Ob Fake oder Wahrheit, keiner weiß es mehr. Eine Recherche ist hier unmöglich, da alle Suchtreffer blockiert sind von Trittbrettfahrern und ‚Spaßvögeln‘. Was bei der Du-bist-Deutschland-Kampagne mit dem entdeckten Nazi-Bildchen noch machbar war, findet hier seine Grenzen. Oder will jemand in Singapur anrufen und nachfragen? Wer kann hier etwas glaubhaft machen?

3. Das Ergebnis: Totale Verwirrung. Manche glauben an ein Fake, manche nicht. Manche echauffieren sich, dass man so primitiv ist, andere finden alles nur lustig und sogar um so lustiger, je mehr man sich aufregt, weil doch alles nur ein Spaß ist. Meldungen überschlagen sich, neue Meldungen werden geschaffen, Bildcollagen werden in die Welt geworfen – alles ohne Gewähr. Keiner weiß es: Gibt es Tammy wirklich, ist sie wirklich tot oder ist das ganze nur ein „Spaß“ wie der „lustigste Blondinen-Witz der Welt„?

Und am Ende? Da warten wir, bis einer der selbsternannten Qualitäts-Journalisten das Thema endlich mal aufgreift und Klarheit bringt. Einer, der alles in mühsamer Kleinarbeit sammelt, strukturiert und bewertet, diverse Quellen und Informanten kontaktet und zur Not seinen Mann vor Ort losschickt, nötigenfalls eine Art „Einwohnermeldeamtsanfrage“ stellt und Betroffene befragt.

Ich liebe die Möglichkeiten der Blogosphere – aber man sieht eben auch ihre Grenzen. Und wehe, wenn sie losgelassen auf die breite Masse, denn dann kommt der FreeTV-Effekt zum Tragen: Die thematische Übernahme eines ganzen Mediums durch die Masse. Und was dabei rauskommt sieht man, wenn man mal unter der Woche nachmittags die Zeit hat, um TV zu sehen.

Keine Sorge, es wird Qualitätsblogs geben, es wird auch gut recherchierte und ausgewogen formulierte Artikel in der Blogosphere geben. So wie es ja auch noch arte im TV gibt …

 P.S. Und wenn mir jetzt noch einer unterstellt, dass ich das deshalb schreiben würde, um meinerseits von dem Thema zu profitieren, dann werde ich stinksauer.