Hartz IV Schmarotzer

»Fördern und Fordern« – las und liest sich gut, wenn man über Arbeitslosigkeit spricht. Das Ziel einer Arbeitsagentur: Unterstützen und Leistungsanreize setzen, damit Arbeitslose auch Willens sind, wieder eine Beschäftigung auzunehmen.

Heute morgen ging ich vom Hauptbahnhof Frankfurt zu Fuß zu meiner Arbeit und hatte so den Blick, wenn man versteht was ich meine, so den Blick für Menschen und für ihre Gesichter. Ist es denn immer so, dass diese Leute, die mir entgegenkommen und zumindest so aussehen, als zählten sie zu den Hartz-IV-Empfängern, einen Anreiz brauchen um wieder zu arbeiten?

Ich weiß wirklich nicht warum, aber ich kam ins Grübeln. Da dachte ich über meine Arbeit nach, die sich – wie bei vielen auch – ja durchaus behaglich anlässt. Ein Bürojob, was sicher auch nicht jedermanns Sache ist, angenehmes Arbeitsklima, nette Kollegen, konstruktives Schaffen, manchmal mehr, manchmal weniger Streß, ok, das gehört dazu. Geht mir sicher wie vielen vielen anderen, einschließlich der Politiker und denen, die in der Wirtschaft zu entscheiden haben und darüber reden zu jeder Gelegenheit, wenn es um Arbeitsmarkt geht. Leistungsanreize setzen, wieder in die Arbeitswelt integrieren. Das muss doch einfach jeden einleuchten. Da muss doch einfach jeder zu motivieren für sein, warum klappt das bei so vielen nicht? Mal ganz davon abgesehen, dass es für alle sowieso nicht genug Arbeit zur Zeit (und wohl auf lange lange Zeit) gibt.

Während ich vor mich hinschlenderte dachte ich an einige Jobs aus meiner Studentenzeit nach, und ich hatte ne ganze Menge davon, und vor allem sehr unterschiedliche. Ich dachte nach, wie es z.B. am Bau war, als ich mal bei der Demontage einer alten Fabrik mitarbeitete, weil es sonst keine Jobs gerade gab, an meine Zeit als Aushilfskellner auf einem Volksfest, als Verpacker in einem Buchverlag oder als Mitarbeiter in einer Putzkolonne – naja, man war eben jung und brauchte das Geld.
Hat man ja alles so mitgemacht und viel Erfahrung gewonnen, aber wenn man nun so nachdenkt, dass das dein Leben hätte sein können, ich meine das ganze Leben lang das tun. Ich meine nicht nur das Geld, dazu komme ich noch, ich meine auch die gesellschaftliche Stellung und vor allem das tägliche Arbeiten.
Hört sich scheiße an, wenn ein Vorarbeiter am Bau einen Hilfarbeit rund macht, fühlt sich sicher auch scheiße an, so in der Seele. Ist einem vielleicht auch passiert, so als Aushilfe, aber das war nicht das Gleiche, das war ja nur zum Spielen, man ging dann wieder und ließ es hinter sich, man hatte immer vor Augen, dass das bald nur Geschichte sein würde.

Leistungsanreize setzen, für die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt motivieren – sounds good, wenn ich an meinen Büro-Job denke, ich bin mir sicher, wenn ich mal arbeitslos werden sollte, man müßte mich nicht motivieren, weil ich gern arbeite, weil mir meine Arbeit Spaß macht, weil es angenehm ist zu arbeiten, man sich selbst ein wenig verwirklicht, Anerkennung erntet, herausgefordert wird und immer mehr an Erfahrung sammelt, positive, weiterbringende Erfahrung.
Täglich Kabel durch einen Bau zu ziehen, immer unter Zeitdruck und andauernd mit dem Gebrüll eines halb-debilen (es gibt sicher auch andere) Polier im Nacken, das ist die andere Realität. Keine Anerkennung, ständiges demütigen, Müdigkeit am Abend, wenn man heimkommt, hirnlos, weil man durch die stupide monotone Tätigkeit sein Hirn auf Durchzug gestellt hat und es abends einfach nicht so anspringen will. Eigene Erfahrungen im Übrigen, keine angenehmen und das nach nur zwei Wochen und mit dem Joker in der Hand, dass man aufhören kann, wenn es zu viel wird. Bei mir ging es ja nur um ein paar Mark für den Urlaub dazuverdienen oder für ne Anschaffung oder irgendwas nicht existentielles jedenfalls.

Ich will beim Besten Willen diese Art Arbeit und vor allem nicht die Arbeiter dort herabwürdigen. Ich kenne auch Beispiele, die mir absolut imponiert haben. Leute, die sich aus allem raus gehalten haben, sich Respekt verschafften und abends die Kraft und den Willen hatten, sich weiterzubilden, Sport zu machen, Kultur zu pflegen und mit den Kindern zu spielen und zu lesen. Aber nicht jeder ist so stark, manche haben sich ziemlich herunterziehen lassen, von den Kollegen, vom Mobbing, vom Vorarbeiter.

Machen wir uns nichts vor, das Leben im Niedriglohnsektor ist kein Zuckerschlecken. Da geht es auch unter Kollegen bisweilen ziemlich rauh zu, und dazu stehen sie nahezu ohne Lobby da – am Ende der Nahrungskette sozusagen.
Dazu eine Anekdote: Sitzen zwei Personal-Manager in der Kantine. Sagt der eine zum anderen „Hast du schon von diesem neuen Buch von XY gehört? Sollen total revolutionäre Ansätze für den Bereich Human Resources drin sein“ – Fragt der andere „Echt? Ne! Um was geht es denn?“ – Antwortet der erste: „Die definieren Human Resources total neu, die sagen, du musst jeden einzelnen als Menschen sehen, als Individuum.“ – „Ne, jetzt echt, boah – als Menschen.“ (Kein Scherz, ich saß gegenüber.)

Was ich nur sagen will: Ich kann es verstehen, dass viele keinen Anreiz sehen, zu arbeiten. Nicht weil sie faul sind, weil sie nicht arbeiten wollen – sondern weil sie nicht zur Arbeit wollen, weil diese Arbeit für sie eine Qual ist, eine seelische Qual der Demütigung, der ständigen Erniedrigung, ein 40 Stunden pro Woche Vorhalten ihres Standes in dieser Gesellschaft, in der man ohne Titel, Ausbildung oder/und Geld nichts ist, nicht viel zumindest.
Dazu kommt, dass Arbeit nicht auch zu mehr Geld verhilft. Das Problem Arm trotz Arbeit ist keine Erfindung von mir, sondern wird thematisiert. Wenn das regelmäßige Einkommen zum sterben zu viel, aber zum leben zu wenig ist, warum sollte man sich dann nicht gleich auf die Couch werfen.

Alles eine Frage des Blickwinkels eben. Vielleicht sollte man sich nicht nur Bemühen, den Leuten die Arbeit schmackhaft zu machen im Sinne von „und sind sie nicht willig, dann…„, sondern auch über das nachdenken, was Arbeit bedeutet in unserer globalisierten (wie ich dieses Wort hasse in den Mund zu nehmen) Welt, einer Welt, in der man keine Bindungen mehr hat zwischen Arbeitern/Angestellten und Firma, zwischen Firma und Standort, ja sogar zwischen Firma und Produkt. Alles wird verschoben, verkauft, eingestellt, ausgewechselt. Macht sicher viel Spaß, wenn man im Management das so global austüfteln kann. Da ein Unternehmensteil verkauft, dort die Abteilung schnell in eine andere Stadt verlegt, den Produktzweig eingestellt, dort sich eingekauft, dort die Produktion auslagern. Fordert viel Flexibilität, andere sagen: Man kann keine Wurzeln mehr schlagen.

Ich fragte mich auch vor kurzem, warum es nicht mehr Jobs wie Portiers oder auch Tankwarte gibt, was Shell ja in der Tat zwischenzeitlich einführen möchte. Doch bei den Portiers sagte man mir, das wäre doch unwürdig, wenn jemand für ein paar Euro Stundenlohn unten im Eingangsbereich eines Bürohauses sitzt und sich einfach um Dinge kümmert, die anfallen. Ich frage mich aber, warum das unwürdig sein soll und ob es nicht besser ist, bspw. als älterer Herr mit wenig bis keinen Aussichten mehr auf dem Arbeitsmarkt, wenn jemand hier einen durchaus wichtigen Posten übernimmt, den sich sonst eben keiner mehr leisten könnte. Die Frage ist doch nicht, ob diese Arbeit an sich würdig ist, die Frage ist doch dann, ob man diesen Menschen an seiner Stelle dann mit Respekt behandelt. Und wenn man das täte, dann würden sich viele Leute mit solchen Aufgaben betraut sicher deutlich wohler fühlen, als nur zu Hause zu sitzen und zu versuchen mit ihren Hartz-Euros zu überleben.

Es ist also nicht immer nur eine Frage des Geldes, aber natürlich auch. Arbeit wurde für mich in den letzten Jahren als gesellschaftlicher Begriff ausgehöhlt und entwertet. Man hat keine Arbeit mehr, man hat einen Job, aber damit mache ich gerade ein ganz anderes Fass auf, da mach ich lieber mal einen Break an dieser Stelle.