Gelegenheit macht Diebe

So ein Samstag ist immer voll mit diesem und jenem. Heute ging es Wasser einkaufen und Luft mußte am Kinderwagen aufgefüllt werden – natürlich Auto-Ventile, als zur Tanke, und deren Luft-Auffüll-Teil war natürlich defekt. Na typisch – also den Umweg fahren und zur anderen Tanke.

Wenn man nun schon mal in der Ecke ist, dann überlegen wir zwei Männer (mein Sohn, 3 Jahre, ist mit mir unterwegs) uns, dass wir doch gleich in den Baumarkt fahren können um die Schraubzwingen zu kaufen. Die brauchen wir nämlich, um den Holz-Bauernhof zu leimen, der in einer wilden Spiel-Aktion stark gelitten hatte.

Man glaubt gar nicht, was es für unterschiedlich Schraubzwingen gibt. Da sind die Klassiker, diese Öl/Fett-verschmierten Metall-Teile *Tim Taylor-Gedächtnis-Beller. 2,50 Euro, die würden schon taugen. Aber da sind noch diese anderen, die mit dem Hebelmechanismus, die man stufenweise heranklicken kann und die auch nach außen spreizen können. Fein, fein. – Also mit 12,50 Euro statt 5,00 Euro im Paar an der Kasse. 🙄

Dann noch rüber in den Elektromarkt und Kleinkram einkaufen, gut gelaunt den Kleinen noch auf ein Quad gehieft – viel Spass gehabt. Am Auto zurück die Sachen in den Kofferraum geworfen, der Kleine marschiert schon mal zu seiner Tür, reißt sie auf und beginnt einzusteigen. Das Quieeek war nicht zu überhören.


Schadensbegutachtung

Parkplatz-Dalle

Das ist nicht zu übersehen. Ob der Kratzer tief und wie groß also der Schaden an der Tür des Autos neben uns ist, kann ich so nicht feststellen. Wenn ich da mit dem Finger rumwische – ne, keine gute Idee. Und nun?

Man sieht sich instinktiv erstmal nach allen Seiten um. Samstag Mittag, der Parkplatz ist gut gefüllt, viele Menschen, alle könnten es gesehen haben – aber mal ehrlich: Wer guckt schon, und wenn, wer sagt denn was? Macht doch nur Ärger, denken sich doch eh die meisten.
Also einfach wegfahren? Das wäre das einfachste, ist doch auch nur ein Kratzer. Und hat doch eh keiner gesehen. Und wenn doch, dann sag ich, ich hab es nicht bemerkt, klingt ja auch plausibel und ich hab mich auch unauffällig genug verhalten.

Nein. Das widerstrebt so ziemlich in jeder Faser meiner Selbst, meinen Prinzipien, meinen Idealen, meinem Glauben. ICH werde nicht wegfahren. Nein.

Ich mache ein Bild mit dem Handy, telefoniere mit meiner Frau. Der Kleine sitzt schon im Auto hört eine Kinder-CD. Da stehe ich nun, am Parkplatz, und warte. Ok, war ne gute Entscheidung. Allein: Wäre ja Fahrerflucht, wenn ich wegfahre, obwohl – ist ja kein öffentlicher Parklplatz – aber das müßte auch egal sein, Unfall ist Unfall. Ach, was weiß ich – Jura und vor allem Verkehrsrecht sind seit dem Examen viel zu lange her. Jedenfalls reicht ein Zettel nicht, das ist klar. Ein Zettel mit der Telefonnummer ist zwar menschlich voll ok, aber tatsächlich doppel-doof. Denn Fahrerflucht nach § 142 StGB ist mit dem Zettel nicht aus der Welt – und wenn der Geschädigte oder ein Dritter anzeigt, ist man doppelt dran: Schadenregulierung plus Anzeige am Hals. Und die Folgen sind saftig: Möglichkeit der Regreßnahme durch den Versicherer, evtl. Geldstrafe, dazu einige Punkte in Flensburg.

Gute Entscheidung also, auch vor dem Hintergrund. – Nur, das dauert. Nun warte ich schon 20 Minuten, es ist kalt, der Kleine beginnt sich zu langweilen, Mittagessen wartet. Doch wegfahren? Man ist mittlerweile noch nüchterner kalkulierend – wer hat das schon gesehen? Einsteigen, weg, Problem vom Tisch! Allein die Versicherungsfolgen. Ist mir eh nicht klar, ob das dann ein Privathaftpflichtfall ist oder ein Kfz-Haftpflicht. Ersteres wäre besser, weil dann die Schadenfreiheitsklasse nicht steigt. Wie ist das eigentlich? Ist der Kleine überhaupt versichert? Ja … doch, bin mir schon sicher, das war für die ganz Familie mit der Privathaftpflicht, und die Kfz-Haftpflicht geht ja vom Halter aus. Aber … so 100 % bin ich mir gerade doch nicht mehr sicher. Und das alles nur wegen der Schramme.
Hey! Wisst ihr eigentlich, wie viele Schrammen ICH in meinem Auto vom Parkplatz durch Dritte habe? Jeder dritte ALDI-Einkauf lässt sich fast mit einer Gedächtnis-Delle datieren. Bei mir hat sich noch nie jemand gemeldet. Und ich Trottel steh hier mitten am Parkplatz. Es ist verdammt kalt. Jetzt warte ich schon fast ne halbe Stunde.

Da war doch was mit 30 Minuten. Durfte man da nicht gehen? Nein. Das war anders. Ich müßte die Polizei rufen, aber die wollen dann Geld für ihr Anrücken. Jedenfalls war das damals so, als mir jemand ne richtige Delle ins Auto fuhr. Die waren so ehrlich und riefen auch die Polizei. Ne, Polizei will ich nicht. Aber wenn das Auto einem Mitarbeiter gehört? Dann warte ich mir hier den Wolf! Ich könnte ja rein gehen und ne Durchsage machen lassen. Ne, auch keine gute Idee. Es gibt hier ne Menge Läden rund um den Parkplatz.

Nach 30 Minuten gehe ich. Nein, mach ich doch nicht. Man sieht sich die Leute an, die in deine Richtung laufen. Der, wenn der es ist, der guckt eh so grimmig. Nein, geht vorbei. Das Paar da, die sind doch bestimmt kulant und honorieren das Warten und die Ehrlichkeit. Nein, gehen auch vorbei. Oh je, hoffentlich nicht der… Auch nicht. So geht das nun schon fast 40 Minuten. Wenn es nicht so ne blöde Situation wäre, wäre es fast wieder interessant. Was da so durch deinen Kopf geht, wie du Menschen einschätzt, sie versuchst zu beurteilen, wenn du die Szene vor deinem geistigen Auge durchspielst: „Ihr Auto? Sorry, da ist ein Missgeschick passiert“ – Ne, das wäre zu banal. Hoffentlich kein Choleriker. Hoffentlich kein Ausländer – ich meine wegen der Kommunikation, hier in Frankfurt kann es dir schon passieren, dass du dich nicht unterhalten kannst.

Fast 45 Minuten. Ich frier mir den Arsch ab. Der Kleine beginnt zu nölen, ist aber eigentlich sehr sehr geduldig und lieb. Ich schick ein Stoßgebet gen Himmel ‚möge meine Ehrlichkeit honoriert werden‘. Ich telefonier mit meiner Frau. Sie meint: Nimm doch den Zettel, egal, das ist doch ok und fair, dann können sie dich erreichen. Nein, ich bin da nicht von überzeugt. Nie einen Zettel – so hab ich das noch aus der Studium-Zeit im Kopf, entweder richtig oder weg. Aber keinen Zettel. Ich komme wieder ins Grübeln, vielleicht doch einfach weg. Hey! 45 Minuten waren echt ne faire Sache. Nein, durchziehen, durchziehen.

Ich guck um mich – da stehen sie. Drei Leute, sie sind beim einladen. Einmal gerade am Telefonieren und nicht mit Adleraugen den Parkplatz überwacht und dann sind sie da. Zwei Männer, eine Frau – einer asiatisch, der Fahrer arabischer Einschlag, vielleicht Marrokaner. Es geht alles dann ganz schnell: Ich spule meine Sätze ab, nuschle was von ‚Kleiner war unvorsichtig‘, ‚Delle gemacht‘ und sowas eben. Alle sehen mich freundlich irritiert an. Lassen sich gar nicht aus dem Konzept bringen und laden dabei weiter ein. Der Fahrer sieht sich die Sache an, wischt ein wenig mit dem Finger daran und sieht mich kurz an. „Ist ok, ich habe doch gar nichts gesehen. Ist ok, wirklich.“ Dann macht er weiter.

Kaum zwei Minuten später fahr ich im Auto schon ein Stück vom Parkplatz weg. Natürlich habe ich mich bedankt, kurz, aber mehr war auch nicht nötig. Ich war zufrieden mit mir und mit der Situation. Ich war mir treu geblieben und bin sogar noch aus der Kiste rausgekommen. – Aber so richtig stolz auf mich war ich gar nicht. Zu nah war die Versuchung und die Verlockung sich dem Bequemen hinzugeben. Einfach handeln wie fast alle gehandelt hätten, also wegfahren und gut ist – ist ja nur ne Schramme, klingt weit besser als sich der Situation und dem Ärger mit den Versicherungen stellen und – je nachdem wie schlecht es läuft -auch noch zwischen ein paar und ein paar Hundert Euro abdrücken.
Zwei Alternativen, einfach nur eine Entscheidung auseinander.

Gerade in dem Moment, wie ich das schreibe, erinnere ich mich an das, was ich mal einem Freund sagte, als er gerade zwei Freundinnen gleichzeitig hatte und die eine mit der anderen ‚betrog‘, nachdem er mir sonst Jahre lang über die wahre Liebe und Respekt etc. vorschwärmte. Ich sagte nur kurz – so sinngemäß -: „Und wie ist es, wenn man mal so schnell seine Ideale verkauft hat?“ – Gelegenheit macht Diebe eben. Ein weiser Satz.