Vor 75 Jahren

Im Dorf gab es zwei Leichkrafträder, die nannte man damals natürlich nicht so, aber das war es dann auch mit der Motorisierung. Es gab kein Auto, und auch Fahrräder gab es gerade einmal zwei oder drei.

Diese Tage vor Ostern nannte man auch ‚die Zeit, wo die Glocken still sind‘, weil man zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag die Kirchglocken nicht läutete, in Gedenken an Kreuzigung und Tod Jesus Christus. Kinder liefen statt dessen mit Rasseln und Schellen durch das Dorf um den nächsten Gottesdienst anzukündigen. Das nannte man dann ‚Kleppern‘ und die Kinder sagten dazu »Wir beten den englischen Gruß, den jeder katholische Christ beten muss« (gemeint waren natürlich nicht Grüße von »Engländern« sondern von »Engeln«).

Das Kleppern machte den Kindern richtig viel Spaß, in einer Zeit, in der es wenig laute Töne gab, vor allem auch keine laute Musik – weder via MTV aus dem Fernseher, aus der Stereoanlage geschweige denn via Ohrstöpsel.
Die Kinder bekamen für ihr ‚Kleppern‘ Kleinigkeiten zugesteckt, meistens gekochte Eier, ein ‚Küchla‘ (best. Art fränkisches Gebäck), Hasen aus Zucker und – ganz selten – auch Schokolade. Alles Gesammelte wurde zusammengetragen und auf einer Wiese außerhalb des Dorfes feierlich geteilt, so dass jedes Kind von allem einen Teil hatte.

Karfreitag war kein gesetzlicher Feiertag, es gab so etwas wie einen ‚gesetzlichen Feiertag‘ gar nicht oder man nahm das gar nicht wahr. Denn wenn, so wäre es auch egal gewesen, denn die meisten waren Bauern und mussten ihr Tagewerk so oder so erledigen. Aber als religiöser Feiertag war der Karfreitag trotzdem ein Tag der Ruhe und Einkehr. Die einen bereiteten sich innerlich auf den kommenden Ostersonntag vor, die anderen eher äußerlich, indem man Haus und Hof auf Vordermann brachte. – Ach ja, Eier wurden auch bemalt, aber das nur bis Karfreitag, Ostersamstag nicht mehr.

Wenn mein Opa mit seinen über 80 Jahren über Ostern in seiner Kindheit erzählt, da klingt das wie aus einer ganz anderen Welt. Immer wieder sagt er – sehr betont tut er das, weil ihm das so wichtig ist -, dass es humaner gewesen sei. Natürlich habe man es nicht leicht gehabt, die Frauen aus dem Dorf mussten zum Teil 1 1/2 Stunden zur nächsten Weberei laufen um Arbeit zu haben und etwas dazuzuverdienen (bei jedem Wetter und manchmal musste ein kräftiger Mann vorauslaufen, um eine Weg in den Schnee zu bahnen), aber man sei nicht unglücklich darüber gewesen und die meisten waren abends fröhlich gestimmt, wenn sie zu Hause waren. – Und wenn ich heute an die Staus rund um Frankfurt denke, wo so mancher auch seine gute Stunde in der Blechlawine von und zur Arbeit feststeckt, bin ich mir nicht so sicher, ob es heute wirklich so viel besser ist.

Man sei einfach zufriedener gewesen, habe mehr Zeit für sich und füreinander gehabt. Kinder hatten im ganzen Dorf immer offene Türen und bekamen überall ein Stück Brot oder einen Apfel, wenn sie Hunger hatten. Man gab auf sich gegenseitig Acht und es kannte jeder jeden einfach sehr gut. Und ‚die Alten‘? Die waren Teil der Gesellschaft, ja mehr noch, sie waren geachtete Respektspersonen.

Die Leute kommen einfach nicht mehr zur Ruhe und vielleicht – nein, ganz sicher – ist das Teil unserer Gesellschaft und auch niemand allein zuzurechnen oder von einem (oder einer Partei) verschuldet. Es ist in uns drin, alles immer alles schneller zu machen, effizienter. Kunde rein, Ware raus, Abkassieren, der nächste bitte. Keine Zeit für Gespräche, kein Bindung zwischen Kunde und Verkäufer, der ja eh nächste Woche auch schon wieder ganz wo anders eingesetzt werden kann. Es ist in uns drin, uns immer weiter zu ‚optimieren‘, Stillstand wird als Rückschritt begriffen, wer ‚zufrieden ist‘, ist ein ‚Lahmarsch‘ und wird es zu nichts bringen in seinem Leben.

Die Ärzte streikten zuletzt, ob berechtigt oder nicht ist hier nicht mein Thema, aber wenn ein Internist im Krankenhaus vorrechnet, dass er täglich maximal 2-3 Minuten pro Patient für ein Gespräch täglich zur Verfügung hat, dann kann man nicht mehr wirklich von Human-Medizin sprechen – vielleicht eher von Medizin-Werkstätten.

Nicht einmal mehr an Wochenenden oder zu Feiertagen kämen die Leute noch zur Ruhe, meinte mein Opa, sie planten schon die ganze Woche, was zu erledigen ist und wohin es gehen soll. Keine Zeit, keine Zeit – egal wen man fragt.

Ja ja, die Alten, ‚früher war alles besser‘. Aber er klingt gar nicht so ‚verträumt senil‘, wie man das den Alten gern unterstellt. Es klingt anders, es klingt alles sehr wohl überlegt, ein Resümee. Und ich sitz ihm gegenüber, hör ihm zu und denke mir nur: Er hat Recht.