
Drogenabhängiger in Frankfurt am Main zwischen Bahnhof und Messe
Es ist mein täglicher Gang zur Arbeit, wenn ich denn den ÖPNV nehme und über den Frankfurter Hauptbahnhof komme. Nordausgang am Bahnhof, vorbei am Steigenberger Hotel und dann die Straße runter, an deren Fassade man in den letzten Jahren einiges gemacht hat. Alles wirkt sauberer, wohnlicher, aber nicht alles hat man wegkehren können.
Es ist viel passiert in Frankfurt und gerade am Bahnhof in den letzten 15 Jahren. Soweit jedenfalls geht meine Erinnerung zurück. Damals, ich wohnte noch in Erlangen, besuchte ich einen Freund in Frankfurt und wir wollten uns mal ins Nachtleben werfen. Am Spätabend am Gleis 1 angekommen instruierte mich mein Kumpel eindringlich: »Also wenn der Zug hält, dann raus und Beine in die Hand bis Südausgang und draußen quatschen wir wieder.« Gesagt, getan. Ok, vielleicht übertrieb er es damals ein bisschen und kokketierte mit der bad city frankfurt, aber wohl war es einem nicht an diesem Ort.
Die Geschichte führte mich später wieder in diese Ecke Frankfurts vor fünf Jahren, als ich mich bei xplicit bewarb und einen Parkplatz suchte. Da gab es hier in der Ecke noch so ein paar alte Häuserzeilen, die echt zum Davonlaufen waren. Ich schwor mir damals, als ich Hausnummer um Hausnummer entlangfuhr, dass ich meinen Fuß da nicht reinsetzen würde – Gott sei Dank war das Büro dann auf der anderen Seite des Straßenzugs.
Mein Weg zur Arbeit führte mich dann später regelmäßig durch dieses Viertel, vorbei an Crack-rauchenden Gestalten und Junkies, die sich gerade in den Oberschenkel einen Schuß setzten – Drogen-Subkultur ist vor 9 besonders schwer vertragbar für ein Landpommeranze wie ich es damals war.
Heute fühlt man sich sogar sicherer im als direkt vor dem Bahnhof. Sicherheitskräfte patroullieren und überall blüht der Handel – diesmal mit Snacks, Literatur und Reise-Kleinkram. Ab und an warnt noch eine Lautsprecherstimme vor Taschendieben, aber das ist selten zu hören. Das neu überarbeitete Dach läßt an schönen Tagen das pralle Sonnenlicht in den Bahnhof fluten – ein Fest für die Sinne.
Mein Weg zur Arbeit ist mittlerweile weitgehend renoviert, man hat die alten Häuserzeilen abgerissen und durch moderne Stadtbauten ersetzt – nicht wirklich schön, aber aufgeräumt. Nur noch wenige alte Fassaden sind Zeitzeugen einer gar noch nicht lange zurückliegenden Vergangenheit.
Also alles in bester Ordnung?
Vergangene Woche, gerade als ich mich mit der Vergessen-Sache beschäftigte, stand ich da und ich sah sie wieder, die, die da unter der Litfaßsäule mit dem Plakat der Ausbildungskampagne sitzen und sich gerade einen Schuß setzen. Letzte Woche saß da ein junges Mädchen, vielleicht 17 oder 18 nach Einschätzung, und drüber stand »Suche Ausbildung – Biete Aufschwung«. Welch’ Ironie.
Drogen – das war für mich früher für mich so ein UiUiUiUi-Thema, damals, als Drogen nur mit dem Buch »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« von Christiane F. verbunden waren. Später änderte sich das, wenngleich ich diese Art Drogenmilieu, von dem im Buch zu lesen war und das mir auf meinem Weg zur Arbeit begegnete, in meinem sozialen Umfeld nie kennen lernte. Denn dort war es – wenn man es so sagen will – eher Luxusprobleme, Drogenabhängigkeit als Ausdruck von Non-Konformismus, Selbstfindung oder einfach nur schnöseliger Dummheit von Halberwachsenen, die einfach zu viel Geld hatten. Und so sind die, die ich aus dem Drogenmilieu kannte, heute auch fast alle resozialisiert und Manager, Biologen oder Angestellte bei Lebensmitteldiscountern.
Das echte Drogenmilieu mit langjähriger Abhängigkeit, körperlichen Schäden, die die Menschen zum Teil zu Schatten ihrer selbst werden ließen und nicht einmal von ihren Eltern noch erkannt werden würden, Prostitution für einen Schuß oder Kriminalität aus Verzweiflung und getrieben von der nicht mehr zu kontrollierenden Sucht, das habe ich nie erlebt – aber eben gesehen… Und ich sehe es heute noch, wenn auch nur noch selten.
Frankfurt hat aufgeräumt. Aber was ist mit den Menschen passiert? Wohin sind die Drogenabhängigen, wohin ist das Milieu? Hat es sich in Luft aufgelöst? Gibt es kein Drogenproblem mehr? Ich denke nicht. Ich denke, dass man es nur geschafft hat, sie von den öffentlichen Plätzen zu vertreiben und damit aus der täglichen Wahrnehmung. Keine Fixer auf der Straße, keine Bedrohung, keine öffentliche Wahrnehmeung – also kein Drogenproblem mehr – so die funktionierende Taktik.
Wenn wir Drogenabhängigkeit als Gesellschaftproblem hingenommen haben und die Menschen, die in die Suchtfalle liefen, abgeschrieben haben, dann sind wir wohl nahe am Optimum. Und die paar Autoradio- und Fahrraddiebstähle und Einbrüche sind hinreichend unkonkret, als dass man das immer der Drogenproblematik zuschreiben könnte.
Ich denke aber, dass dem nicht so ist und dass es sich lohnt für unsere Gesellschaft – aber vor allem für die Einzelschicksale – weiter gegen Drogen zu kämpfen. Aber Fakt ist, dass in Zeiten schwindender Staats- und Stadtkassen als erstes bei denen gekürzt wird, die keine Lobby haben, und das sind eben meist die, die keine Aufmerksamkeit haben. Wie mittlerweile z.B. eben die Drogenabhängigen, ein Erfolg langer Arbeit…
Mein »Nicht-Vergessen« des Tages.
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Drogenabhängiger in Frankfurt am Main zwischen Bahnhof und Messe
Es ist mein täglicher Gang zur Arbeit, wenn ich denn den ÖPNV nehme und über den Frankfurter Hauptbahnhof komme. Nordausgang am Bahnhof, vorbei am Steigenberger Hotel und dann die Straße runter, an deren Fassade man in den letzten Jahren einiges gemacht hat. Alles wirkt sauberer, wohnlicher, aber nicht alles hat man wegkehren können.
Es ist viel passiert in Frankfurt und gerade am Bahnhof in den letzten 15 Jahren. Soweit jedenfalls geht meine Erinnerung zurück. Damals, ich wohnte noch in Erlangen, besuchte ich einen Freund in Frankfurt und wir wollten uns mal ins Nachtleben werfen. Am Spätabend am Gleis 1 angekommen instruierte mich mein Kumpel eindringlich: »Also wenn der Zug hält, dann raus und Beine in die Hand bis Südausgang und draußen quatschen wir wieder.« Gesagt, getan. Ok, vielleicht übertrieb er es damals ein bisschen und kokketierte mit der bad city frankfurt, aber wohl war es einem nicht an diesem Ort.
Die Geschichte führte mich später wieder in diese Ecke Frankfurts vor fünf Jahren, als ich mich bei xplicit bewarb und einen Parkplatz suchte. Da gab es hier in der Ecke noch so ein paar alte Häuserzeilen, die echt zum Davonlaufen waren. Ich schwor mir damals, als ich Hausnummer um Hausnummer entlangfuhr, dass ich meinen Fuß da nicht reinsetzen würde - Gott sei Dank war das Büro dann auf der anderen Seite des Straßenzugs.
Mein Weg zur Arbeit führte mich dann später regelmäßig durch dieses Viertel, vorbei an Crack-rauchenden Gestalten und Junkies, die sich gerade in den Oberschenkel einen Schuß setzten - Drogen-Subkultur ist vor 9 besonders schwer vertragbar für ein Landpommeranze wie ich es damals war.
Heute fühlt man sich sogar sicherer im als direkt vor dem Bahnhof. Sicherheitskräfte patroullieren und überall blüht der Handel - diesmal mit Snacks, Literatur und Reise-Kleinkram. Ab und an warnt noch eine Lautsprecherstimme vor Taschendieben, aber das ist selten zu hören. Das neu überarbeitete Dach läßt an schönen Tagen das pralle Sonnenlicht in den Bahnhof fluten - ein Fest für die Sinne.
Mein Weg zur Arbeit ist mittlerweile weitgehend renoviert, man hat die alten Häuserzeilen abgerissen und durch moderne Stadtbauten ersetzt - nicht wirklich schön, aber aufgeräumt. Nur noch wenige alte Fassaden sind Zeitzeugen einer gar noch nicht lange zurückliegenden Vergangenheit.
Also alles in bester Ordnung?
Vergangene Woche, gerade als ich mich mit der Vergessen-Sache beschäftigte, stand ich da und ich sah sie wieder, die, die da unter der Litfaßsäule mit dem Plakat der Ausbildungskampagne sitzen und sich gerade einen Schuß setzen. Letzte Woche saß da ein junges Mädchen, vielleicht 17 oder 18 nach Einschätzung, und drüber stand »Suche Ausbildung - Biete Aufschwung«. Welch' Ironie.
Drogen - das war für mich früher für mich so ein UiUiUiUi-Thema, damals, als Drogen nur mit dem Buch »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« von Christiane F. verbunden waren. Später änderte sich das, wenngleich ich diese Art Drogenmilieu, von dem im Buch zu lesen war und das mir auf meinem Weg zur Arbeit begegnete, in meinem sozialen Umfeld nie kennen lernte. Denn dort war es - wenn man es so sagen will - eher Luxusprobleme, Drogenabhängigkeit als Ausdruck von Non-Konformismus, Selbstfindung oder einfach nur schnöseliger Dummheit von Halberwachsenen, die einfach zu viel Geld hatten. Und so sind die, die ich aus dem Drogenmilieu kannte, heute auch fast alle resozialisiert und Manager, Biologen oder Angestellte bei Lebensmitteldiscountern.
Das echte Drogenmilieu mit langjähriger Abhängigkeit, körperlichen Schäden, die die Menschen zum Teil zu Schatten ihrer selbst werden ließen und nicht einmal von ihren Eltern noch erkannt werden würden, Prostitution für einen Schuß oder Kriminalität aus Verzweiflung und getrieben von der nicht mehr zu kontrollierenden Sucht, das habe ich nie erlebt - aber eben gesehen... Und ich sehe es heute noch, wenn auch nur noch selten.
Frankfurt hat aufgeräumt. Aber was ist mit den Menschen passiert? Wohin sind die Drogenabhängigen, wohin ist das Milieu? Hat es sich in Luft aufgelöst? Gibt es kein Drogenproblem mehr? Ich denke nicht. Ich denke, dass man es nur geschafft hat, sie von den öffentlichen Plätzen zu vertreiben und damit aus der täglichen Wahrnehmung. Keine Fixer auf der Straße, keine Bedrohung, keine öffentliche Wahrnehmeung - also kein Drogenproblem mehr - so die funktionierende Taktik.
Wenn wir Drogenabhängigkeit als Gesellschaftproblem hingenommen haben und die Menschen, die in die Suchtfalle liefen, abgeschrieben haben, dann sind wir wohl nahe am Optimum. Und die paar Autoradio- und Fahrraddiebstähle und Einbrüche sind hinreichend unkonkret, als dass man das immer der Drogenproblematik zuschreiben könnte.
Ich denke aber, dass dem nicht so ist und dass es sich lohnt für unsere Gesellschaft - aber vor allem für die Einzelschicksale - weiter gegen Drogen zu kämpfen. Aber Fakt ist, dass in Zeiten schwindender Staats- und Stadtkassen als erstes bei denen gekürzt wird, die keine Lobby haben, und das sind eben meist die, die keine Aufmerksamkeit haben. Wie mittlerweile z.B. eben die Drogenabhängigen, ein Erfolg langer Arbeit...
Mein »Nicht-Vergessen« des Tages.
7 Comments
an meinem zweiten oder dritten tag, als ich grade bei euch angefangen hatte, bin ich auch erstmal morgens über einen junkie gestolpert, was um die uhrzeit kein schöner anblick war…
dennoch finde ich es erschreckend, wie viele menschen einfach die auffassung vertreten, dass solche leute zwar krank seien, diese krankheit aber durch ein einfaches “wegsperren” und “zum kalten entzug zwingen” geheilt werden könne… seltsame ansicht in einem rechts- und sozialstaat… aber ach, was rede ich von sozialstaat in unseren zeiten…
Aber was soll man denn sonst tun? Die Drogenszene lieber blühen lassen? Wir stehen vor zwei Alternativen….so wie vor 15 Jahren oder so wie heute. Beim ersten wurde das Problem ignoriert, beim zweiten weggeschoben und die Innenstädte verschönert. Das Problem ist immer noch da…nur heute kann man wenigstens entspannt zum Bahnhof gehen und vielleicht gibt es hier und da sogar neue Geschäfte in der Umgebung.
Sicher…nicht die optimale Lösung. Aber immer noch besser als die Szene einfach “machen zu lassen” und somit ganze Stadtviertel umkippen.
Auch wenn es nicht gern gehört wird. Es gibt noch immer eine Menge Hilfe für Süchtige..die muß nicht einmal staatlich sein…man muß sie nur in Anspruch nehmen. Aber das ist das Tückische an der Sucht…Zwang hilft oft nicht (von der ethischen Fragwürdigkeit abgesehen)…eigene Einsicht ist durch die Krankheit auch nicht vorhanden.
Verdrängt?
Drogenszene in Bahnhofnähe. Viele Großstädte in Deutschland hatten dieses Problem. Wie Alexander am Beispiel von Frankfurt schreibt, ist dies heute nunmehr eine Geschichte aus vergangener Zeit.
manueller Trackback
…Ich als alte Frankfurterin kann zwar auch von rehabilitierten Junkies erzählen, aber auch von einigen Drogentoten damals in der Jahrgangsstufe meiner Schule.
Vielleicht war es für mich sogar eine besondere Lektion zu sehen, dass ganz normale Jugendliche, oft auch die besonders sensiblen innerhalb kurzer Zeit abgerutscht sind und plötzlich stand es in der Zeitung: Ein Foto einer auf dem Boden irgendeiner Toilette liegenden Person mit Balken über dem Gesicht, aber die für Drogentote typischen derangierten Kleider (Polizei – früher dachte ich, warum ziehen die sich alle die Hosen aus?).
Seit es Methadon/Polamidon Programme gibt, hat sich die Situtation der Junkies allerdings sehr verbessert – es gibt die Perspektive einer relativ sanften Entzugsmethode und des Ausstiegs aus der kriminellen Szene. Die Junkies, die ich in der Nachbarschaft als clean kennengelernt habe, hatten alle mit Hilfe von Polamidon erfolgreich entzogen.
Viel Elend ist aus meiner Sicht in Frankfurt auch mit Drogen wie Crack gekommen: Die wirklich wie Untote herumlaufenden Leute, mit buchstäblich nichts als Fetzen auf dem Leib, auf dem Boden nach Krümeln suchend – das hält keiner so leicht aus. Heroinsüchtige Junkies wirken da für mich fast beruhigend.
Wie aber soll das mit Crack angegangen werden? Ich finde es sehr entmutigend, dass nach einer Perspektive für Heroinabhängige sich nun immernoch eine weitere Hölle auftut.
Traurig, aber wahr.
Leider vergessen auch viele, dass wir alle Menschen sind und jeder in dieser Situation stecken könnte. Es bekommt nicht jederman perfekte Chancen vor die (Kinder-)Füße gelegt.
So manche überhebliche Meinung schwindet erst, wenn man sich durch Zufall (oder doch Gerechtigkeit?) in der selben Situation wiederfindet.