Die Sache mit dem national stolz

Fähnchen, Fähnchen überall und mein Kleiner kommt ganz stolz aus dem Kindergarten mit drei Streifen in schwarz-rot-gold auf der Backe und trällert: Deutschland vor, noch ein Tor! (Ok, das dürfte zwischenzeitlich vom Tisch sein.)
Kein Wunder also, dass man sich im In- und Ausland Gedanken macht über die neue Liebe der Deutschen zu ihrer Fahne und zu ihrem Land. Und gestern, als man in Dortmund in die Gesichter der Fans blickte, die Arm-in-Arm inbrünstig die deutsche Nationalhymne sangen, tja, da gab es Gänsehaut-Feeling, andere interpretieren das als »Schauer-über-den-Rücken«.

Ob das ganze zum Trend oder gar Wandel des Zeitgeistes wird, da sind sich gerade nicht einmal Historiker so richtig einig drüber in der Bewertung. Und auch so mancher Blogger, der für die Zeit der WM sein deutsches Fähnchen in den Wind hing, macht sich Gedanken und durfte deswegen Gegenwind spüren – und sah sich dann zu historisch wackligen (*g) Statements genötigt.

Ich verzichte daher besser gleich mal auf Historisches und sag was ich denke, auch weil es so gut in meine Vergessen-Wochen passt.

Das mit dem Nationalstolz ist nämlich das einzige, was man bei uns als Nicht-Vergessen so richtig intensiv kultiviert hat – wegen der Geschichte und so. Sicher hat das seine Berechtigung gehabt und wir sind da zu Recht in der historischen Verantwortung, dass so etwas nie nie nie nie mehr auch nur ansatzweise aufkeimen darf.
Aber … aber ich traue den Motiven der Hüter-der-Erinnerung und ständigen Erinnerung-Wach-Halter nicht so ganz, jedenfalls nicht allen, und so dünkt mir, dass dieses ständige Erinnern und Mahnen mitunter gehörig instrumentalisiert wird, gerade weil es so manchem für seine Ziele ganz gut passt, doch dazu später mehr. Und – aber das nur ein Einschub – es ist ein ‚wunderbares‘ Alibi-Erinnern, denn wenn man sich nur gehörig Schuldgefühle wegen früher macht, kann man sich der aktuellen Schuldgefühle lässiger gegenüberstellen oder sie erst gar nicht aufkommen lassen. Motto: Ja um alles in der Welt können wir uns ja auch nicht kümmern.

Was ist denn eigentlich Stolz, dazu noch nationaler. Ich lass schon oft, auch in Kommentaren, dass es doch auch gar keinen Grund gäbe, auf ein Land stolz zu sein, weil es doch beliebig und zufällig sei, wo man geboren wurde. Klingt zunächst einleuchtend. Doch wenn man den Gedanken zu Ende denkt, dann ist doch jede Art Stolz mindestens fragwürdig. Kann ich stolz auf meinen Papa sei, oder ist die Vaterschaft nicht auch aus meiner Sicht vollkommen beliebig. Kann ich stolz auf meinen Sohn sein? Oder ist nicht seine Leistung, sein schön gemaltes Bild, ein Produkt zufälliger Begabungen in Kombination von Einfluß einer kreativen Kindergärtnerin? Ist die tolle Kanzlei, die sich ein Bekannter aufgebaut hat, etwas, worauf er stolz sein kann? Oder dürfen ander auf das Haus stolz sein, das sie sich erwarben? Oder ist alles nicht doch nur möglich gewesen, weil deren Eltern genug Kohle vorstreckten oder bereitstellten, oder wenigstens eine teure Ausbildung finanzieren konnten.

Ist nicht alles letztendlich fremdgesteuert und ein Produkt aus Zufällen und Gelegenheiten, die wiederum anderen eben nicht zur Verfügung standen? Kann ich also auf irgendetwas stolz sein?

Stolz [von lat. stultitia = Torheit] ist das Gefühl einer großen Zufriedenheit mit sich selbst, einer Hochachtung seiner selbst – sei es der eigenen Person, sei es in ihrem Zusammenhang mit einem hoch geachteten/verehrten „Ganzen“. Er entspringt der (subjektiven) Gewissheit, etwas Besonderes, Anerkennenswertes oder Zukunftsträchtiges geleistet zu haben oder daran mitzuwirken.

Worauf bin ich also stolz? Ich bin stolz auf mich, wenn ich über mich hinauswachse, wenn ich Gelegenheiten ergreife, die mich Mut und Überwindung gekostet haben. Ich bin stolz auf mein Kind, wenn es Schritte gegangen ist. Ich bin stolz auf und für ihn, nicht auf oder für mich. Mein Stolz ist keine Art der Hervor- oder Überhebung, kein Ausdruck von Überlegenheit, der Stolz ist Ausdruck von Freude, von Begeisterung.

Deutschland ist das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Ich bin aber kein reiner Deutscher, das nur mal am Rande, denn mein Großvater war Kroate, was ich aber erst sehr spät als junger Erwachsener erfuhr. Meine Kindheit spielte sich in einem kleinen fränkischen Dorf ab. Ich wuchs also in Bayern auf, ein Land mit einem sogar ausgesprochen ausgepägten Sinn für Identität (mir san mir) und dann auch noch in Franken, die wiederum sich von den Bayern ausgesprochen ausgeprägt distanzieren wollten.
Wenn ich also auf Deutschland stolz bin, dann weil ich das Land für seine Ideale und Überzeugungen liebe. Nicht in jedem Detail, nicht in allen Belangen, aber in seinen Grundwerten. Ich bin stolz darauf, dass wir eine Demokratie sind und das Leben, die körperliche Unversehrtheit und auch die Meinung anderer achten und respektieren. Ich bin stolz darauf, dass wir einen Rechtsstaat haben, auch wenn wir ihn manchmal unnötig komplizieren. Ich bin stolz darauf, dass wir und laufend mit uns selbst auseinandersetzen, uns ständig hinterfragen, denn dieser Prozeß ist wichtig für uns und ein Garant für ständige Entwicklung.

Ich bin stolz, weil ich Teil Deutschlands bin, weil ich mich mit meiner Stimme am demokratischen Prozeß beteilige, weil ich meine Meinung sage und damit zum Ganzen beitrage, zur Meinungsbildung. Ich gehöre hier dazu, daher freut es mich und begeistert mich, wenn andere, die sich mit mir dazu gehörig fühlen, etwas tolles erreichen. Das grenzt nicht ab, das erhebt nicht über andere, das vereint einfach. Und es schließt nicht aus, dass ich mich auch für andere freuen kann, mit denen ich gar nichts zu tun habe.

Die ständige Hetze auf alles, was nur Ansatzweise nach Patriotismus klingt, ist vor dem Hintergrund der Historie verständlich, aber sie zerstört auch im Keim das, was positiv an Patriotismus und Nationalstolz ist. Mein Land sagen zu können, das verpflichtet nämlich auch und schafft Gemeinsinn. Das vereint und eröffnet Möglichkeiten zusammen Großes und Gutes zu bewegen.

In jedem Kindergarten, in jeder Pfadfindergruppe sieht man sofort, dass Kinder sich zusammensammeln und Gruppen bilden, gruppendynamische Prozesse beginnen. Warum? Weil das uns als Mensch definiert. Wir suchen nach Gruppen und Zugehörigkeiten, deshalb gibt es überhaupt Länder und es gibt Vereine und nicht zuletzt Familien. Diesen Prozeß zu blockieren, das heißt den Menschen etwas wegnehmen, was sie brauchen.

Die ständige Hast unserer Zeit, der ständige Wechsel von Wohnort, Arbeitgeber, z.T. ja auch Lebenspartnern oder Elternteilen, das führt zu einem Verlust von Wurzeln und führt zu einer neuen Generation Mensch, einem hedonistischen Menschen, der nur die Bindungen kennt, die ihn unmittelbar mit sich selbst verbinden.

Ich kann mir nicht helfen: Ist es nicht ein Verlust, wenn man auf nichts und niemand mehr stolz sein kann? Wenn der Mitarbeiter nicht mehr stolz auf seine Firma ist, für die er 25 Jahre geschuftet hat und auf deren eigene Produkte er große Stücke hält. Ist es nicht ein Verlust, wenn man nicht mehr meine Stadt sagen kann, weil man keine Stadt mehr hat, der man sich zugehörig fühlt. Ist es nicht ein Verlust an Identität? Ein Verlust, der nicht schwer wiegt, solange man sich Ersatzdrogen dazu besorgen kann, aber die, die nicht mehr mitspielen können fallen durch das Raster in die Isolation, weil es keine Bindungen mehr gibt, die auffangen, die sich kümmern. Und daher liegen dann die Leute 2 Wochen tot in ihrer Wohnung, ohne dass es überhaupt einer bemerkt.

Vielleicht ist das aber auch ein Wandel der Gesellschaft, dem man sich nicht entgegenstellen sollte, vielleicht muss man es akzeptieren.

Aber ich will es nicht akzeptieren, weil das Ende, das Ergebnis, so wie ich es prognostiziere und eben absehe, kein gutes Ende ist. Es ist ein Verlust von sozialer Gemeinschaft, eine soziale Kälte, eine Entwicklung zum austauschbaren Einzelindividuum ohne Bedeutung und als verschiebbare Objekte – ein ungeordnetes Chaos von Einzelinteressen ohne gemeinsame Stimme. Manipulierbar durch einfachste Tricks der Massenmedien.

Ok, es geht zu weit, zu viel für ein Blog und ich werde ganz sicher missverstanden werden, ich risikier das aber.

Ich will hier keinen neuen Nationalismus, ich will eine differenzierte Sichtweise darauf, dass Zugehörigkeitsgefühl und ein daraus abgeleiteter „Stolz“ nicht nur Schattenseiten sondern auch viel Positives hat. Es ist schwierig, den Stolz zu kanalisieren, so zu kanalisieren, dass keiner der oben beschriebenen negativen Effekte entwickelt wird („sich überheben“) – aber das sollte ja nicht entmutigen, nur weil es schwer ist.

Zugehörigkeit zu irgendwas mag für viele per se ein Albtraum sein – und die sollen ja auch ihr Weltbild weiter ausleben, kein Problem. Aber es gibt eben andere – und das müssen keine sog. „Schwachen“ sein – und die brauchen ein wenig Nestwärme und den Schutz einer Gemeinschaft. Und noch weiter: Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass wir zum Spielball werden, wenn wir uns nicht organisieren – egal ob als Volk, als Arbeitnehmer und Klein-Unternehmer, als Familien oder eben als Blogger.