Wir können keine Vögel bauen

© Alexander Endl

Im Formationsflug fliegen sie über meinen Kopf, vielleicht sind es 10 oder 15, lautlos durch die Luft gleitend. – Ich fahre gerne Fahrrad, da kann man Vögel sehen und man hat Zeit nachzudenken.

Wir wollen also klug sein, fühlen uns nicht nur wie die Krönung der Schöpfung, sondern eigentlich noch ein bisschen besser. Dabei gelingt es uns noch nicht einmal die einfachsten Dinge nachzubauen – geschweige denn zu regeln.

Wenn wir einen Vogel bauen wollen, dann stinkt er in der Regel und macht die Umwelt kaputt, und dabei verbraucht er auch noch Materialien dieser Erde, die auf kurz oder lang ausgehen werden und dann – was noch schlimmer ist – auch für vieles andere nicht mehr zur Verfügung steht, für das man das viel dringender gebrauchen könnte.

Wir meinen also wir sind überlegen, weil wir uns eben schlaue Gedanken machen können, wir können uns organisieren, und was bei den Vögeln maximal noch für einen Formationsflug reicht, das können wir bis in Perfektion. Organisieren, strategisches Vorgehen, Pläne machen, Finten legen – immerhin haben wir es so geschafft, uns nahezu jeden natürlichen Feind zu unterwerfen. Nahezu – denn langsam wird klar, dass jedes gefährliche Viechzeuch inkl. Problembären gnadenlos abzuknallen und auszurotten zwar schon mal ziemlich viel Sicherheit bringt, aber wir durch unseren Umgang mit der Natur, durch unsere globalisierte Lebensweise anderen natürlichen Feinden erst die Plattform bieten, so richtig loszulegen: Viren, Bakterien, aber auch Insekten … Und einen natürlichen Feind haben wir ja natürlich immer: uns (oder genauer: die anderen) – und der wird schwer in den Griff zu kriegen sein.

Trotzdem – wir könnten das gut gebrauchen, das planen, organisieren und strategisieren, aber statt das im Laufe der Menschenzeit ein bisschen auszubauen und dank globaler Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Abstimmung das zwischenzeitlich etwas feinzutunen, perfektionieren wir das ganz alte Prinzip „von der Hand in den Mund“. Weitsicht und Langfristigkeit tauchen höchstens noch in der Rede das Vorstandsvorsitzenden vor den Aktionären nach einem schlechten Geschäftsjahr auf.

Die Krönung der Schöpfung ist sogar so derart blöd, das sie sich selbst systhematisch aller Bodenschätze für vollkommen unnützes Zeug beraubt, sie sich den Reichtum und den Überfluß, den diese Erde bieten kann und der ja auch für alle reichen würde, so fies verteilt, dass einmal-die-Woche-gegen-Lederbälle-tretenden-Menschen oder silikon-eingespritzte-Hupfdohlen meherer hundertausend Euro pro Auftritt kriegen und ganze Länder und Ländergemeinschaften Lebensmittelberge vernichtet um den Marktpreis zu halten, während gleichzeitig überall in der Welt Menschen nicht wissen wie sie überhaupt überleben sollen.

Der Mensch vernichtet seine Luft, sein Wasser, seinen Boden und die Lebewesen auf ihm. Unumgängliche Reperaturen schafft er nur mühsam und meist mit unkontrollierbaren oder gar nicht abschätzbaren Nebenwirkungen.

Der Mensch schafft es nicht in Frieden zu leben, findet in keinem Bereich ein vernünftiges Maß und daher auch keine Gerechtigkeit und keinen Ausgleich, und er wird es sicher noch schaffen, sich auch selbst irgendwann einmal zu vernichten. Wofür aber keiner richtig verantwortlich ist, weil – dank des Verzichts auf Langfristigkeit (siehe oben) – ja jeder einzelne immer nur für den nächsten kleinen Schritt verantwortlich war und man sooo einen kleinen Schritt ja nieee für das große Desaster verantwortlich machen kann (die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die strukturellen Vorgaben, you know …. man konnte doch gar nicht anders, ach wären Sie doch an meiner Stelle gewesen, Sie hätten auch so gehandelt, ich hatte ein Haus abzubezahlen, die Aktionäre!, wissen Sie eigentlich, wie so ein Entscheidungsprozeß läuft!!, Die Konkurrenz nahm darauf auch keine Rücksicht, Das hätte in den Verantwortungsbereich der Politik gehört, Und außerdem: Immerhin ist das doch alles eine Frage von Angebot und Nachfrage! Am Ende entscheidet doch der Kunde! Wähler! Konsument! Wir!). – Immerhin, das haben wir dann wenigstens selbst hinbekommen.

Wenn der Mensch Gott anklagt, dann sollte er eigentlich ihm nur eines vorwerfen: Ihnen (den Menschen) zu viel zugetraut zu haben, ihnen zu viele Entscheidungsbefugnisse gegeben und zu selten wieder eingegriffen und das Zepter aus der Hand genommen zu haben. Aber da es Gott mehr auf den einzelnen ankommt als auf die Menschheit insgesamt, hat wenigstens jeder für sich selbst die Möglichkeit, den Irrsinn für sich selbst in Grenzen zu halten.