der öffentliche raum – mobil? immobil? die meta-stadt.

Also das ist mal eine ganz komplizierte Frage, die mir da gestellt wurde. Ich meine, ist natürlich schön, wenn man gefragt wird (nicht umsonst ist gefragt-sein ne tolle Sache), aber über die Frage musste ich dann doch länger mal nachdenken, damit ich sie überhaupt kapierte:

Birgit schrieb:

„… da ich gerade an einer forschungsarbeit (im fb produkt design) über „der öffentliche raum – mobil? immobil? die meta-stadt.“ arbeite, möchte ich euch [gemeint war/ist René und ich] gerne zu dem thema befragen.

die arbeit fragt nach den unterschieden und gemeinsamkeiten des materiellen öffentlichen raums und den neuen öffentlichkeiten im netz. hauptsächlich möchte ich erfahren, ob und inwiefern sich die web-öffentlichkeit auf den materiellen öffentlichen raum auswirkt – formal, strukturell, wie auch immer.

natürlich haben beide bereiche immer schnittstellenund wechselwirkungen gehabt, medien gibts ja auch schon eine weile. aber hat der eingebaute rückkanal nun etwas bewirkt, was sich im physischen sinne bemerkbar macht?

da ihr euch ja in blogger-dingen ganz gut auskennt, möchte ich nun von euch wissen, welchen stellenwert die beiden öffentlichkeiten und deren politik für euch haben und wie ihr die auswirkungen aufs design des materiellen seht (oder auch selber macht!).“

Solche komplizierten Sachen fragt Birgit uns. René hat natürlich gewohnt lässig nen Dreizeiler gekontert, und dieses mal war ich tatsächlich nahe daran ihn um diese Lässigkeit zu beneiden.

Erst heute las ich Roberts Artikel über ein Spiel (oder sagen wir besser: einer Simulation) namens Second Life und den Wechselwirkungen und Beziehungen zu dem, was man zur Zeit unter dem Arbeitstitel Web 3.0 diskutiert (worüber man hier auch was von mir lesen kann, was man aber kurzgesagt mit der Erklärung ‚irgendwas was hinter dem kommt, was man derzeit sich kaum für das nächste vorstellen kann‘).

Ein guter Einstieg.

Die erste Frage ist doch: Haben wir denn einen öffentlichen nicht-materiellen Raum? Das mag man als vollkommen rhetorisch verstehen, aber doch ist es das nicht. Denn gerade die aktuelle Diskussion um Hausrecht in Blogs, über das Überschreiten von Grenzen bei der Nutzung und Weiterverbreitung von RSS-Feeds zeigt doch: Sooo klar ist das nicht, dass wir hier einen öffentlichen Raum haben, jedenfalls wenn wir von Blogs oder Homepages sprechen. Sind das nun öffentliche Räume, nur weil jeder eintreten kann? Würde man den eigenen Innenhof als öffentlichen Raum definieren, nur weil man allen den Zutritt erlaubt? Oder ist die Option, jederzeit aufgrund seines eigenen privaten Besitzanspruches die Regeln und damit den Zutritt zu verwehren nicht ein Zeichen dafür, dass wir hier – und gerade in Blogs – privaten Raum haben. Öffentlicher Raum, das ist Raum der der breiten Öffentlichkeit zusteht, ein Raum, der sich auch darüber definiert, dass er der Allgemeinheit gehört, sie einen Anspruch darauf hat. Und um ehrlich zu sein: Aus dieser Perspektive ist das Internet in seinem aktuellen Status so genau das Gegenteil dessen – ein privat (und-wirtschaftlich) organisierter und verwalteter Raum. der insbesondere den Regeln des privaten Eigentums (mit Rechten und Pflichten) und wirtschaftlicher Sachzwänge unterworfen ist.

Aber die Frage ging ja auch präzieserweise von einer ’neuen Öffentlichkeit‘, von der ‚Web-Öffentlichkeit‘, aus, also – wie ich es verstehe – davon, wie sich die Menschen in ihrer Bewegung die Öffentlichkeit in der neuen virtuellen Welt bewegt und welche Auswirkungen/Wecheslwirkungen entstehen mit dem, was man unter (realen) öffentlichen Raum versteht. Und diese Frage berührt doch eigentlich fast zwangsläufig unser Blogger-Lieblingsthema: Die Konkurrenz/Koexistenz der klassischen Medien und der ’neuen virtuellen Medien‘, namentlich und als Benchmark die Weblogs.

Was das nun? Was hat nun Raum, öffentlicher Raum, mit Medien und Weblogs zu tun?

Nun – was verstehe ich (im Gesamtkontext von Frage, Fragestellerin, Gefragten) unter öffentlichen Raum? Zum einen natürlich im Allgemeinen das kleine Stück Park, in dem ich meine Decke ausbreiten und mich hinlegen und die Wolken beobachten kann. Im Speziellen aber der Raum, in dem ich die Möglichkeit habe mich selbst zu verwirklichen, mich auszudrücken in einer und für eine Öffentlichkeit meiner Meinung, meinen Thesen, meiner Kunst Raum zu geben.
Fast schon Relikt aus längst vergangenen Tagen wirkt die Erinnerung an Speakers Corner im Londoner Hyde Park, einem Ort, der lange dafür bekannt war sich dort einen Platz zu suchen und frei heraus seine Thesen zu proklamieren – und Gehör zu finden. Doch dieser öffentliche Raum ist in unserer Zivilisationsstufe längst überholt. Mag die Ursache Überregulierung sein, mag die Kommerzialisierung den Raum übernommen haben, mag es am fehlenden Sendungsbewußtsein unserer Gesellschaft liegen – in der (realen) Öffentlichkeit findet (freie, unstrukturierte, spontane) Öffentlichkeit in dem Sinne kaum noch statt. Der öffentliche Raum ist zweckmäßiger Durchgangsraum zwischen privatem und wirtschaftlichen Raum. Garniert von organisierten Veranstaltungen und kommerziellen Vermarktungsinteressen. Tendenz eindeutig in die Richtung zu letzterem.

In dem Sinne ist die Web-Öffentlichkeit trotz des Umstandes, dass es sich eigentlich gar nicht um originär öffentlichen Raum handelt, auf dem Weg der Wiedergewinnung und Rückbesinnung zu dem, was ehemals im öffentlichen Raum möglich war, die Wiederentdeckung einer unstrukturierten und frei von medienmanipulativen Einflüssen unbelasteten neuen Meinungs-Öffentlichkeit.

Wie ist dann die Rückkopplung vom virtuellen in den materiellen Raum? Gibt es eine?

Nun könnte man idealistisch und optimistisch sein und denken: die neue Öffentlichkeit wird das Meinungsmonopol des Staates und der Medien und die Kommunikation kippen, eine Revolution von unten hervorrufen, eine Revolution die nicht nur den virtuellen Raum erfasst sondern – nach Wiederentdeckung dieser Freiheít und Öffentlichkeit – auch die Heraus- oder besser Rückgabe des öffentlichen Raums an die Eigner, dem Volk, fordert und durchsetzt. Und durchsetzen kann, weil durch das Netz insgesamt die bestehenden Strukturen aufgebrochen und alteingesessene Macht- und Vermögenspositionen verschoben wurden. Ein schöner Gedanke.
Doch weit näher liegt die Auffassung und Prognose des Pessimisten oder Realisten, der einzig es als eine Frage der Zeit sieht, bis man (Staat, Medien, Wirtschaft) den virtuell-öffentlichen-Raum ebenso in den Griff bekommen, wie sie es im real-existierenden öffentlichen Raum geschafft haben. Warum sie das tun will? Weil der Feind jeder Macht (Anarchisten werden mir jetzt – wenn auch nicht mit meiner Begeisterung quittiert – auf die Schultern klopfen) das Chaos ist, Chaos im Sinne einer nicht greif- und damit beeinflussbaren Struktur und damit auch öffentlichen Meinung.

Die Wahrheit mag dazwischen liegen – wenngleich nach meiner Meinung – und die war ja gefragt – das Pendel mehr in die Richtung der Realisten ausschlagen wird. Nicht weil die Protagonisten der Wirtschafts- und Politinteressen so mächtig werden, nein, weil das Volk in der Mehrheit gar keinen Bedarf nach Freiraum sieht und durchaus geneigt ist, ein 18/1-Werbe-Plakat gegen die öffentliche Pinnwand einzutauschen, wenn es dafür durch den Werbenden freie Nüsschen und Bier für jeden vorbeilaufenden gibt. Angebot und Nachfrage eben.
Dennoch wird nicht alles zurückzudrehen sein: Die freie Meinungsäußerung ist – im Gegensatz zu den klassischen Medien – durch die strukturell Möglichkeiten des Netzes nicht mehr vollends in den bekannten und gewohnten Griff zu bekommen. Durch die Vernetzung kleiner nicht-öffentlicher Räume, also auch der Blogs und unabhängigen Online-Medien, entsteht – wenn auch kein öffentlicher Raum, so doch ein Raum für die Öffentlichkeit, der sich eben der Reglementierungen des Staates entzieht und sich dafür freiwillig der Regelungen der einzelnen Betreiber unterwirft. Die so entstandene Öffentlichkeit wird Einfluß ausüben auf die reale Gesellschaft und deren Medien, Meinungen, wirtschaftlichen Zusammenhänge.

Noch zu einem gefragten Aspekt: Wird der Rückkanal, das vielleicht herausragendste Unterscheidungskriterium der alten gegen die neuen Medien, Einfluß haben auf unser Leben? Also die Möglichkeit der Interaktion, die ja nicht nur auf einen Monitor mit Computer und Netzanschluß beschränkt ist, sondern auch in die Rundfunklandschaft im Allgemeinen Einzug halten soll.

Die Antwort: Ja, natürlich! Aber meist ohne Mehrwert.

Ein kluger Mann sagte mal: Die einzige Aktion, die man dem durchschnittlichen TV-Nutzer abverlangen kann, ist das Öffnen einer Dose Bier und einer Tüte Chips. Und da ist was Wahres dran.
Es ist meist einfach kein Bedarf danach mitzuwirken, zu agieren. In einer Medienlandschaft, die ihren Erfolg aus Konsumieren ableitet, wird es nun schwer sein die Vorzüge zu verkaufen, nun selbst mitzumengen. Natürlich wird das trotzdem geschehen und es wird auch genutzt, aber mittelfristig ungefähr so häufig wie das jetzt schon im Netz und in den Blogs erfolgt: 99% konsumieren, sind kaum zu einem Umfrage-Klick noch zu einem Kommentar zu bewegen. Der Rest macht das Theater und die Show.

Wird es Auswirkungen auf die Politik haben? Ja ganz sicher. Man wird Meinungsmache neu erfinden müssen. Neue Strategien sind erforderlich, aber die Ziele werden die gleichen bleiben. Es wird andere Gewinner geben, aber im Ergebnis bleiben die gleichen Verlierer – das Volk. Aber ohne Mitleid, denn nun wäre es noch einfacher sich einzubringen, aber sie tun es nicht und sie werden es nicht deswegen mehr tun, weil es einfacher geht. Hier sind Überzeugungstäter gefragt – und die ließen sich auch von Hindernissen vorher nicht davon abbringen.

Auf das Design? Da bin ich nun nicht der Experte, aber ich denke auf das Kommunikationsdesign auf alle Fälle. Aber nicht ob der Möglichkeit der Interaktion als solche, sondern viel zweckmäßiger, weil diese Art der Kommunikation einfach neue Kommunikationsebenen erfodert, die z.T. einfach noch nicht bestehen. Noch denkt man zu sehr in alten Mustern, versucht es mit den alten Bordmitteln in den Griff zu bekommen – umso grotesker wirken Plakate in Bahnhöfen, vor denen man sein Handy halten soll, damit man etwas interagiert. Man muss nicht einmal zweimal nachdenken und nicht einmal die technische Trivialität enttarnen (letztendlich wird aufwändig eine SMS verschickt, die der User auch so in 30 Sekunden versandt hätte), um die Einfältigkeit zu enttarnen.
Nein, man muss neue Wege gehen, aber deswegen Design und Kommunikationsdesign nicht neu erfinden. Am Ende sind es die gleichen Aufgaben: Das Vermitteln einer Botschaft, eines Ziels, einer Aussage. Interaktion ist keine Frage eines neuen Designs, noch nicht. Aber vielleicht wird es ja noch erfunden.

So – Mitternacht – ich denke ich hab es wenigstens redlich versucht.

Gruß nach Berlin!