Die lieben Büromails

„Boah!“ „Krass!“ „Wie peinlich!“ „Hast Du schon gesehen!“ „Den musst Du dir ansehen!“ „Ieeeh!“ „He he he“ „mal was zur Entspannung“ … Bildchen, Videos, Power-Point-Slideshows, Flash-Filmchen, Links … von A wie anzüglich bis Z wie ziemlich doof, je kurioser desto besser und schon macht sich die Mail auf durch die Büros und Mailboxes unserer Republik.

Volkswirtschaftlicher Schaden, zetern die Arbeitgeber-Vertreter, harmlose Abwechslung zwischendurch, so die breite Masse. Doch dass das auch richtig schief gehen kann, das sieht man an dem, was gerade bei mir im Postfach liegt.

Die Story ist schnell erzählt: Zwei Frauen (offensichtlich angestellt bei der Bundesagentur für Arbeit, was die Sache natürlich umso kurioser macht) plaudern über ihr Sexleben per E-Mail. Der Mail-Thread, der mittlerweile lang und länger (und pikanter) wurde, landet dann beim falschen, wohl ein Problem am Server. Und dann geht es ab durch die Republik. Soweit so gut, die Sache kann man hier und hier nachlesen, wer seinem voyeuristischen Trieb gerade nicht unterdrücken kann. – Ich seh von der Story mal ab, fand sie zwar auch peinlich, aber das muss ja nicht unbedingt auch witzig oder interessant bedeuten. – Mir geht es um was anderes.

Punkt 1: Da sieh man sich doch mal den Mail-Thread einmal an. Jetzt nicht den der beiden Frauen, sondern den danach. Die Runde, die so eine E-Mail macht, ist doch beeindruckend. Und jeder Thread geht einen eigenen Weg, denn meist machen sich die Versender keine Mühe die Spur zurück zu löschen oder maskierte oder versteckte Verteiler zu nutzen. Bei der Mail hier in meinem Postfach geht es z.B. so durch’s Land: Erst durch die BA rauf und runter, wie zu erwarten, dann geht es ins Freie, bei Audi sieht man die ersten Spuren der freien Wildbahn. Von dort geht es interessanterweise zu DaimlerChrysler, dann geht es wild durchs Land mit Empfängern bei div. größeren und kleineren Unternehmen (alle frei einsehbar!) über die DSV-Gruppe, Amadeus.com um über General Electric bei KPMG und schließlich bei Airbus zu landen. Gebe ich mir hier noch die Mühe, die tatsächlichen Wege relativ unbestimmt zu lassen und die Identitäten der Personen/Versender zu verbergen, so landen diese E-Mails schließlich doch zu Hauf in irgendwelchen Foren – inkl. aller Namen und Fakten. Eine Fundgrube für Datengrabber – mit durchaus kritischen Informationen über Zusammenhänge und Verbindungen. Wenn das so manche Datenschützer der betroffenen Unternehmen in die Finger kriegen würden.

Punkt 2: Irgendwann während des Threads hat ein Schlaumeier mal gemeint, er wäre doch voll cool drauf im Internet und der Recherche-Profi. Schwupps hatte er eine der Damen bei OpenBC lokalisiert und deren gesamtes Profil im Screenshot der Ausgangsmail beigefügt. Stolz änderte sich das Betreff von »Hammer! Unbedingt lesen und zusammenbrechen….« in »… jetzt auch mit Bild«. Der Mail-Thread bekam nun noch eine persönliche Note – mit Beleidigungen à la »Die Schreckschraube!!!!!!!!!«.
Und einer wirft dazwischen: »Ob die eine ihren Freund, der nie will noch immer hat, nachdem Sie und er nun deutschlandweit bekannt sind.« … Gute Frage …
Und dumm nur, dass die, die da im Screenshot zu sehen ist, nicht die richtige ist, nämlich nicht die, die am Ausgangsgespräch teilgenommen hat, was sie in ihrem OpenBC-Gästebuch auch glaubwürdig darstellt. Dort scheinen eine ganze Menge widerlicher Einträge eingeschlagen zu sein, jedenfalls sah sich die Betroffene zum Löschen einiger Postings veranlasst, mit dem Kommentar: ich »bin auch NICHT die 2. Person aus dieser rundmail. DANKE, dass Ihr ab nun von solchen Einträgen abseht. «

Dumm gelaufen – da wird jemand nur ob einer blöden Namensidentität so gut wie öffentlich persönlich beleidigt und diskreditiert. Mit nicht abzuschätzenden Folgen für den Lebenslauf, das Privatleben und nicht zuletzt der eigenen Psyche.

Dumm gelaufen? Ja, sicher, hätte man aber vermeiden können und wenigstens hätte man die Betroffenen und die Empfänger maskieren und anonymisieren müssen. Und wie das geht, das ist doch Kindergarten-Wissen im E-Mail-Verkehr heutzutage.

Zudem sollte man sich schon mal fragen, ob man solche Mails, auch wenn sie einem selbst zufällig in die Hände fallen, wirklich weiterleiten sollte (vom „dürfen“ mal nun ganz abgesehen). Ich werde da zukünftig auch noch sensibler mit umgehen.

Weil … ja weil nun stelle man sich mal vor, das würde nicht nur ein dummer vermeidbarer Irrtum sein, wie hier, sondern man würde das gezielt fälschen (mobbing?)… und vielleicht dann mit Dir/mit mir/mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, als die Hauptdarsteller. Könnte ganz schön fiese Konsequenzen haben…

P.S. Die Ausgangsmail ist wohl kein Hoax.

[Mittagspause Ende]