Wir waren überrascht, wir wurden neugierig, wir haben gerätselt, wir haben gegraben, wir haben geträumt, wir haben entdeckt, haben uns auf ein Abenteuer eingelassen und mitgemacht. Nach alledem gab es erste Eindrücke, der eine ernsthaft, der andere spaßig formuliert, und liebenswerte Erfahrungsberichte wie aus dem Landschulheim.
Was bleibt also noch?
Richtig – noch fehlt eine kritische Auseinandersetzung. Und danach soll das Buch auch zugeschlagen werden.
Wir entdecken die Blogger
Opel- und Notebook-Tester hatten wir ja schon, Coca Cola-WGs gab es und selbst eine Schnitzeljagd durch die Blogosphere begann schon mal statt mit Schlüsseln eben mit Todesanzeigen. Die Entdeckung des viralen Marketing via Blogger findet langsam statt, die Versuche hier Fuss zu fassen sind schwer und noch schwerer ihr Ergebnis zu bewerten.
Was in dieser frühen Formen des viralen Marketing noch funktioniert ist wenigstens eine gewisse Aufmerksamkeit mit niederigem Einsatz zu generieren. Gebe ein paar A-Bloggern einen Opel und die Blogosphere kotzt steht Kopf. Die Diskussionen flammen auf, wer verkauft sich an wen zu welchem Preis. Darf man die Glaubwürdigkeit der Blogospäre für eine handvoll Euros verkaufen? Nun eben ein paar Schlüssel an vornehmlich Beta-Blogger, die A-Gilde nimmt sich daraufhin der Sache erst gar nicht würdig an, kritische Stimmen gibt es so auch nur vereinzelt und dann aus den gängigen Kanälen und aus Kreisen der journalistischen Zunft.
Was Hustle-The-Sluff hier anders macht, als die Vorgängermodelle, ist einfach. Man provoziert nicht auf Biegen und Brechen, man spielt einfach ein Spiel. Und im Gegensatz zu vielen Kritiken ist es ganz im Gegensatz so bei den Mitspielern: Keine Angst vor Marketing, man weiß es, vermutet es und sagt sich: Unterhaltet uns! Aber gebt euch Mühe. Die Angst besteht nicht vor der Marketing-Lüge, wenn man sich vor etwas ‘fürchtete’, dann höchstens vor einer schlechten Story mit nem blöden Ende.
Die Erwartungen
Als klar war, dass es sich um eine Marketing-Kampagne handelte, spekulierten viele auf Apple. Dabei war das eigentlich ein vollkommen unlogischer Schluss, wie mir ein Blogger-Kollege am Samstag fachkundig darlegte, das würde so gar nicht passen eigentlich. Dann dachte man kurz an Extremisten (wäre ein Schock gewesen, zugegeben) und dann dachte man, es wäre der Reifenhersteller aus Brandenburg. Doch dann doch der Riese dahinter, rosa gar, und ich denke es gab viele, die zwar sich wunderten, dass die sowas machen, aber nun das richtig große Ding erwarteten, zwar nicht so groß wie ein Apple-Ding, aber doch mindestens rosariesengroß – immerhin sponsern die Fussball und Radelfahrer und und und. Also wenn die sowas machen, dann sicher doch auch mit Schmackes.
Gelesen hatte man davon nichts von Erik und im Rahmen der Story, es gab keine Anspielungen, keine Lockvögel, keine falschen Spuren in diese Richtung … das Spiel spielte sich unbeirrt weiter, die Botschaften blieben immer auf der Metaebene: Zufall, Reisen, Erleben, Entdecken. Doch die Fantasie machte daraus Überraschungs-Weltreisen oder Erlebnis-Entdeckertouren zu den Stars dieser Welt … mindestens. Am Ende wurde es das, was immer angekündigt wurde: Ein Test einer Idee, eine Einladung Tester zu sein und ein bisschen Spaß dabei zu haben und die Menschen dahinter kennen zu lernen. Wäre es also Aufgabe der Initiatoren gewesen, die Erwartungen zu dämpfen? Da würde man den Leuten wohl zu viel abverlangen, ihren Erfolg (im Sinne der Aufmerksamkeit) klein zu reden.
Wer dabei war, war nicht enttäuscht vom Wochenende, aber es weckte auch keine Begehrlichkeiten bei denen, die nicht dabei waren. Vielleicht ein Stück Glaubwürdigkeit für solche Aktionen zurückgewonnen, aber auch ein wenig Reiz bei Glücksrittern verloren.
Das Prinzip
Eine Schnitzeljagd durch die Welt des Netzes und der Blogosphere und dann auch noch hinaus und im wahrsten Sinne des Wortes mit den Händen im Boden buddelnd. Diese Jagd quer durch die Republik machte Spaß und das Rätsel zusammen zu lösen schaffte ein wahres Web 2.0-Feeling. Vernetzt, kooperiert, Ideen geschmiedet, Brücken gebaut. Dass das ganze auf dem Prinzip des “Collaborative Storytelling” basierte, also durch die Aktion der Suchenden sich der Weg zum Ziel veränderte, machte die Sache noch spannender.
- Einmal jedenfalls. –
Denn die Idee wird kaum wiederholbar sein, so wie Big Brother in der zweiten Staffel schon schlechter war und man Staffel für Staffel immer provokanter und niveau-ärmer wurde/werden musste. Und es macht angreifbar, denn beim nächsten mal könnten Leute die Story kapern, das Spiel manipulieren und zerstören.
Die Protagonisten
Am Ende bleibt ein Eindruck – und der ist geprägt von den Menschen, die hinter der Idee standen. Ohne Menschen ist es ein Projekt, mit Menschen wird es zu einem Erlebnis, ob gut oder schlecht. Mit Erik und Marie, mit Thomas und später den anderen Beteiligten wie Amos lernten wir die Menschen kennen, die für die Idee und für das Spiel standen. Dass dann auch noch Leute des Auftraggebers sich dazu gesellten, machte auch das zu einer menschlichen Komponente.
Die Rolle des Werbenden
Der Initiator der ganzen Sache hielt sich derart im Hintergrund, dass man Stimmen hörte, die gerne wenigstens ein einfaches Werbegeschenk gehabt hätten – hab ich tatsächlich so gehört. Kein Fragebogen, keine Produktpromo, also keine Kaffefahrt, kein Meeting mit Interviews. Nichts. Nicht einmal Visitenkarten. – Und das war wohl auch die Predigt der Agentur: Zuhören, Erfahrungen sammeln, in Kontakt/ins Gespräch kommen. Und so beteiligten sich die Vertreterinnen auch einfach durch ihre Anwesenheit, durch ihre Teilnahme an Gesprächen, durch ihre Bereitschaft (einige) Fragen zu beantworten.
Und – nur so unter uns – ein paar Werbeartikel hätte ich auch mitgenommen, aber so macht es die Sache vielleicht unangreifbarer.
Das Ergebnis
Die Aktion allein wird keinen nachhaltigen “Erfolg” im Sinne von Auswirkung auf Bekanntheit oder Verkaufszahlen haben, dazu war es dann doch zu begrenzt und die Reichweite zu klein. Man wird Hustel-the-Sluff und die Schnitzeljagd noch ein paar Tage diskutieren und dann vergessen, wie man alles in der Blogosphere vergisst, wenn es die Seite 1 des Blogs verlässt. Das Projekt des Shuffle-Shuttle wird aus dem Beta-Test sicher Erkenntnisse gewonnen haben, die man aber auch mit anderen Testern hätte beziehen können. Die beteiligten Blogger hatten ein nettes Wochenende, aber nichts erlebt, was sie – mit Ausnahme dessen, dass man an so einer Aktion überhaupt teilnimmt – nicht selbst kaufen, organisieren oder erleben könnten.
Was bleibt also? Eine Chance. Eine Chance für den Auftraggeber zu lernen, zu lernen wie die Menschen ticken, die sich im Internet herumtreiben und sich aktiv an der Meinungsbildung beteiligen, indem sie bloggen. Ich hoffe sie lernen zu verstehen und es nicht als Suche nach Schwachpunkten zu begreifen. Schwachpunkte die man ausnutzen will. Sondern eben begreifen wie man zuhört, Kritiken annimmt und vielleicht auch darauf reagiert und sich damit verbessert. Diese kleinen unbedeutenden Blogger sind in ihrer Gesamtheit eine Macht, und sie ist kritisch und sie will nicht manipuliert werden. Wer hier Fuß fassen will, muss viel verstehen und bereit sein sich zu verändern. Vielleicht ist das sogar keine Frage der Optimierung, sondern – langfristig – eine Frage des Überlebens am Markt.
Und es ist eine Chance für die Agentur, die schon viel erfahren und gelernt hat, wie man uns versicherte. Und ich werde sicher nie die Begeisterung von Marie vergessen, wenn sie darüber sprach wie sie diese Welt im Rahmen dieses Projektes für sich entdeckte und uns Bloggern ein großartiges Kompliment aussprach: Was euch vereint ist euer Talent wirklich gut zu texten.
Aber natürlich auch eine Chance für die Blogger. Eine Chance Marketing zu verstehen, aber auch eine Chance die menschlichen Kontakte, die man knüpfen konnte, zu erhalten und auszubauen. Ich für meinen Teil hab bisher nie groß Zeit und Gelegenheit gehabt, mein virtuelles Bloggerdasein mit realen Menschen zu verknüpfen (außer bereits bestehende Kontakte und ein paar zufällige Begebenheiten). Zu sehr steckt man im Beruf und hat seine Familie und seine bestehenden Kontakte. Für mich hatte es diese wunderbare Komponente, einmal mit wild zusammengewürfelten Bloggern ein kleines Abenteuer erleben zu können. Und ich muss es immer wieder betonen: Da war nicht eine/einer dabei, mit denen man sich nicht hervorragend unterhalten konnte. Und manche sind einem richtig ans Herz gewachsen, ich verrat aber nicht wer alles.
Also – lieber Spiegel-Redakteur, liebe Welt-Redaktion, lieber Werbeblogger: Keine enttäuschten Blogger, die sich über die Vermarktung grämten (eher über zu wenig Marketing), da hat man wohl zu sehr das gesehen, was man sehen wollte. Auch wurden wir nicht gekauft, weil wir – bis auf die Einladung an sich – nichts bekamen und das auch ok war. Von allen Aktionen dieser Art, über die ich bisher gelesen habe oder von denen mir berichtet wurde, war das vielleicht das menschlichste und das natürlichste, wenn man schon mit Werbung und Marketing zu tun hat. Das Bemühen darum war jedenfalls unverkennbar, und auch weil man bis zum Schluß viel Wert darauf legte, auch andere Botschaften zu vermitteln. Wie z.B.: Laß auch den Zufall mal dein Leben bereichern, vielleicht einfach nur, indem du ein Buch auf Reise schickst oder du mal dein Schneckenhaus verläßt und dich auf ein Abenteuer, auf neue Menschen einlässt. Dass dies nicht werbemotiviert war, wird mir sicher jeder der Beteiligten unterschreiben, dass dies im Sinne des Beworbenen ist, ist keine Schande.
Wir werden die Verzahnung und die Eroberungsversuche des Marketings und der Werbung in der Blogosphere nicht verhindern können, vielleicht verzögern. Es wird passieren, weil es ein Kanal ist, und weil Werbende Kanäle nutzen wollen für ihre Zwecke. Vielleicht gelingt es aber die Werbenden von dem zu überzeugen, dass sie sich auf das Medium einlassen, statt es zu assimilieren. Dass sie verstehen, dass man zuhören muss und man daraus lernen kann und sich verbessern kann. Spielehersteller wie EA Sports sind da ziemlich weit, sie entwickeln bereits mit den Usern und in z.T. heftiger Diskussion die nächsten Spiele, holen sich Tester aus den Usern, aquirieren aus diesem Kreis Mitarbeiter, und versuchen vom Chefentwickler bis zum Programmierer anfassbar zu sein. Das Ergebnis ist deswegen nicht immer optimal, wirtschaftliche Interessen und Sachzwänge gibt es auch da, aber es schafft eine andere Art des Unternehmen-Kunde-Verhältnisses.
Ich glaub das war es jetzt.

7 Comments
Oh, ich hab auch noch ein Wort: Ich bin der Kerl, der vielleicht vermisst wurde… warum? Eher mäßige Organisation, wohl seitens des magentafarbenen Riesen.
Details auf meinem Blog, falls es interessieren sollte…
sehr starker Artikel.
Ich wollte auch so etwas in der Art schreiben, aber wie wir ja wissen: ein “zweites Mal” zieht nicht sonderlich
wunderschöne Schlussrede.
@Matthias
Wir haben uns im Beisein des Orga-Teams darüber ausgelassen, echt schade, dass Du nicht am Start warst…
Sehr schöne Zusammenfassung
Chapeau, Herr Endl!
Apropos … Videos jetzt da drüben:
http://www.endl.de/weblog/2006/09/25/hustle-the-sluff-die-wahre-geschichte-mit-bildern/
Jo, das wars dann wohl wirklich zum Thema.
Sehr gute Zusammenfassung wie ich finde.
Besten Dank für die Blumen allerseits.