Halb belustigt, halb ehrgeizig, ein bisschen gebauchpinselt, ein wenig verdrossen. Die Blogger jagen das goldene Kalb, suchen wohl partout nach dem Thron, den es zu besteigen gilt, über A- und B-Blogger (mit Test) bis Schwanzvergleiche und deutsche Blogcharts. Und wenn es mal langweilig wird, kommt neue Nahrung für das Feuer von außen. Die Edelman-Studie hat jedenfalls wenigstens Edelman was gebracht: Aufmerksamkeit, und zudem denen, die eh schon immer herangezerrt werden als die Großen der Branche Blogosphäre werden an runde Tische (Video) gezerrt und tun alles um da zu sitzen und dabei authentisch zu wirken.
Eingeladen, gefragt-sein, das ist eine Währung, die wohl den Blogger zum Olymp verhilft, garniert mit Reichweite (Hits Hits Hits) und natürlich die Backlinks aus der Blogosphere. Doch – Hand aufs Herz da draußen – das ist doch alles Humbug und als solcher längst entlarvt. Allein es stört niemanden so richtig und wenn man eben vorne mit dabei ist, nimmt man mit was man kriegt (natürlich nicht ohne sich dabei über selbige Prinzipien zeitgleich zu echauffieren – siehe oben: durchhalten, authentisch bleiben).
Dabei, liebe Leserinnen und Leser, ob aus Bloggersdorf oder nur zu Besuch, wissen wir doch, was wahren Wert hat.
Backlinks zu sammeln ist doch keine Kunst, das wird mit – bei allem ehrlich gemeinten Respekt – George und Andreas bestätigen, jedenfalls keine Kunst im Sinne von wie werde ich “an Einfluß reich”. Und Hits sind auch relativ, darüber haben René und ich oft gesprochen und jeder der sich mal damit ernsthaft beschäftigt weiß das: Hohe Posting-Frequenz plus die richtigen Themen (Fun, Populärthemen, eine Prise Schmuddel und Seelenstriptease) und schon klingelt die Hits-Kasse. Und “gefragt-sein” ist doch auch leicht zu entschlüsseln. Ein Johnny (bei meiner Verehrung) und auch ein Don sind doch Protagonisten wie man sie sich gesucht hat: Eloquent bis bissig, mitunter mit Medienerfahrung, aber stets einsetzbar in jeder guten Talkrunde. Sowas sucht man gerne, ebenso wie die netten Gesichter hübscher Frauen oder einen zotteligen Mies-Blogger, der schön in die Ecke passt, wenn man mal eine braucht.
Ehrlich und ernst gemeint: Nichts dagegen einzuwenden und vor allem nichts gegen die einzelnen Personen. Ich lese vieler dieser Blogs gerne und mit Freude oder großem Interesse.
Aber aussagen tut das alles gar nichts.
Die Revolution frißt ihre Kinder, sagt ein Sprichwort, und – frei interpretiert – geht es so (nach eigenem höchst subjektiven Empfinden) den Größen unserer Zunft. Sie verlieren zwischen all den Terminen und Meetings (und jedes davon, vor allem bezahlt, ist gegönnt) ihr wertvollstes Kapital: Zeit. Und so verlieren sie den Kontakt mit dem immer weiter wachsenden Dorf, zu den Randgruppen, den Spinnern, den Einzelkämpfern. – Und das merkt man auch in ihren Blogs heute schon. Zitiert werden nur noch die anderen Größen, die wichtigen Themen, die großen Dinge. Natürlich noch garniert, aber doch nicht mehr wie es einmal war.
Die Marionette hat die Anmut längst verloren.
Es ist noch viel zu früh um überhaupt zu wissen, wovon ihr da alle an euren runden Tischen und auf euren Podien resümmiert. Es ist noch lange die Zeit zuzuhören, bevor man Ergebnisse skizziert. Einfluß, wenn man den anstrebt, wird der haben, der allen immer gedanklich insoweit einen Schritt voraus ist, dass er neue Bewegungen (ich sage nicht “Trends”!) erkennt und vielleicht sogar anstößt. Und wer heute groß ist, kann morgen schon hinterherlaufen.
Forrest Gump sagte: Dumm ist der der Dummes tut. Und ich sage: Wichtig ist der, der Wichtiges tut. Und Einfluß hat der, der etwas bewegt. Vielleicht versteht mich der eine oder andere, was ich sagen will.
Es reicht mir jetzt schon, wie sehr ich selbst mit meinen Zahlen und Statistiken mein Hirn penetriere und das meine Denke und Schreibe beeinflußt, also geht mir jetzt bitte aus der Sonne. Es gibt noch so viel zu entdecken.
[Mittagspausen-Blogging Ende]
Nachtrag:
Das Video habe ich gesehen mittlerweile (wenigstens in weiten Teilen). Man (die Blogger wie Johnny, Ix etc.) hat sich Mühe gegeben die Absurdität zu beschreiben, da hat Johnny schon Recht. Aber – wie ich nochmal betone – es geht mir nicht um die Personen, es geht mir um eine Entwicklung. Und – so pervers das ist – dieser Artikel macht die Sache, allein weil er geschrieben ist, auch nicht besser.

10 Comments
ja, ich stimme dir zu, die verlinkung sagt erstmal wenig über qualität aus und ist aus diesem grund genauso aussagekreftlos wie die anzahl der besucher…
Was also sagt etwas aus? – Am Ende doch kann sowas nur schwierig beurteilt werden. Wer ist bspw. Erstposter bei einem Thema, welche Kreise stößt er damit an? Als Johnny damals “Du bist Deutschland” ins Visier nahm hatte das Thema in der Art keiner auf der Rechnung, dann eskalierte es (=Einfluß). Aber das ist dann auch wieder so relativ in der Breite, weil es doch auch zufällig ist und davon abhängt, ob man Leser hat, die wiederum Streuwirkung haben oder nicht. Oder ob eines der großen Blogs das Thema gerade nun “via” Blog A oder B aufnehmen.
Also warum nicht endlich anfangen “neu” zu denken, statt die anfänglich belächelten und eher ironisch verstandenen Rankings nun zu zementieren und auch noch zu analysieren resp. pseudo-wissenschaftlich herzuleiten.
Das geht alles in die brutal falsche Richtung.
Randbemerkung: Live-Monitoring des Monitoring ist doch immer wieder unterhaltsam.
Aus dem Referer: http://technorati.com/search/Edelman
Wenn es schon angesprochen wird: Ich weiss um das Risiko, ein Adabei zu werden. Tatsächlich machen Liveauftritte Spass, allein wegen der Leute, die man kennenlernt.
Aber da gibt es zwei gegenläufige Entwicklungen. Zum einem erachtet man es heute als vergleichsweise uninteressant, noch gross mit Bloggern zu reden. Bei den kommenden Medientagen in München sind die Blogger, soweit ich es erkennen kann, vor allem wegen ihrer anderen Tätigkeiten als Berater oder Einsteiger in die Medien geladen. Ich bin dann lustigerweise beim Nachwuchspanel, um als Blogger Jungjournalisten zu vergraulen
. Sprich, einfach so als scharfzüngiger Blogger ist man nicht wirklich gefragt
Zum anderen ist das aber auch ok für mich. Der Zirkus ist inzwischen ein ritualisierter Betrieb, dessen Debatten seit Jahren nicht über Jamba und Johnny hinausgekommen ist. Es gibt Zilliarden Geschichten über Web2.0Kommerz, aber nichts über das Wesen der Partizipation und Kultur der Blogs. Sobald man da was sagen will, redet man auf dem Podium gegen eine Wand. Vielleicht ist es auch ganz gut so, bevor auch da dieses PR-Marketing-Geschmeiss noch einsteigt. Sollen andere woanders ihre Akquise und ihre “Blogger wollen Firmen das Web erklären Sprüche” ablassen, das ist deren Branche, ich habe im letzten Jahr einige Anfragen abgelehnt und mache eigentlich nur noch Studenten- und Nachwuchssachen.
Für alles andere habe ich ein Metablog.
Und schon wieder ein Ereignis – alles sind Kausalitäten. Nun krittel ich und ernte? Genau, Aufmerksamkeit, jedenfalls in Form des Don, der meine Seite besucht.
Das mit dem Zirkus hätt ich nicht schöner sagen können, denn genau so kommt mir das ganze vor. Die üblichen Verdächtigen werden rangekarrt und dürfen Kunststücke machen. Aber in eine Diskussion will man nicht. Ich erinner mich da gut an deinen Auftritt beim Medienmittwoch in Frankfurt. Da wäre ich auch beinahe geplatzt, weil sie nicht zuhören sondern nur labern und posen wollen (mit Blogger-Deko)
Aber so wie in Frankfurt ist das immer. Der Tiefpunkt war dann Chemnitz, wo ich gelernt habe, dass die Öffentlich-Rechtlichen auch nicht besser sind. Egal. Keiner weiss, was kommen wird. Hätte man mir vor 14 Tagen gesagt, dass Edelman D heute eine rauchende Blogruine ist, an deren bröckelnde Klowände jederman Parolen schmiert, hätte ich es nicht geglaubt.
Blogs müssen ihren eigenen Weg gehen. Was ich über die Zukunft weiss: Opel, Ask, Fon, Edelman, JohannsenKretschmer, Germanblogs, Burda, wie sie alle heissen und Geld haben, sie alle gehören nicht da rein. Es passt nicht zu dem, was Blogs vermögen.
Ich eben hab das Gefühl und stehe dazu: Wir sind vor etwas weit Größerem als sich die ganze Marketing-
ScheißeMachine auch nur im Ansatz ausdenken kann. Johnny wäre da so ein Anchorman für. Aber ich glaube wir versieben es…Nein, glaube ich nicht. Weil es zum Glück weder ein “Wir” gibt, noch Hubs, nur noch anarchisch freie Märkte, in die sich im Internet alles ergiesst. Die Dämme sind gebrochen, und jetzt wird alles durchgewirbelt. Bedauerlich ist es, dass Blogger manche Sachen nicht selbst organisieren, aber das kommt noch. Weil es geht. Und wenn es mal läuft, wird es nicht aufzuhalten sein. Firmen wie OpenBC oder Qype werden irgendwann von blogähnlichen Strukturen gnadenlos zerlegt werden. Siehe couchsurfing.com. Das nenne ich Revolution.
Ja, Links sammeln ist tatsächlich nicht so schwer, wie ich anfangs dachte. Hier ist ja schon wieder einer
Aber meine Meinung zu den ganzen Ranglisten sollte ja bekannt sein, wollte nur eben mein ACK abgeben und wieder verschwinden…
Don Alphonso, da hab ich nun wirklich länger drüber nachdenken müssen. Es klingt einerseits so desillusioniert und doch zugleich unwiderruflich, was ja in dem Sinne gut ist. Und dass es gar kein “wir” gibt stimmt, wenn ich auch da noch nicht weiß ob ich das nun wieder gut finde. Aber es stimmt.
Ich hatte mir die Revolution damals mit dem “Internet” schon versprochen, aber dann kam die Kommerz- und Medien-Welle und hat alles nivelliert. Heute sehe ich mehr eine Medienlandschaft wie man sie kannte mit Web-Anstrich umgesetzt als eine neue Medienlandschaft. Mit den Weblogs kommt die zweite Welle, meine Hoffnung bleibt, aber meine Zuversicht ist seitdem geschwunden. Vielleicht schreibe ich deshalb andauernd fast predigende Artikel über die Bewahrung des Geistes der Weblogs, aber bringen tut es nichts.
Also ja, Weblogs kriegt man nicht mehr los – respektive diese Art so zu kommunizieren und damit eine Transparenz zu schaffen, die man noch nicht kannte. Aber der Gegenschlag steht noch aus. Edelman studiert ja bereits und berät… Sicher nicht um das Bloggen zu verbessern. Man lernt wie man diese Masse doch noch manipulieren kann…