Warnung vor dem Blogwart

Derzeit geriert sich ein Blog aus der Hauptstadt, man würde Blogs unter Beobachtung stellen und um der guten Sache willen jeden Rechtsverstoß beobachten und schließlich irgendwann zur Rechenschaft ziehen. Rechtschaffende aller Herren Länder mögen das redliche Projekt unterstützen, damit eine Bereinigung stattfände und die Blogosphäre auf den Pfad der Tugend zurückfände. Unser Demokratie – so führt man aus – fuße schließlich auf Recht und Ordnung.

Nun – ich rede juristisch einwandfrei aus meiner eigenen beschränkten Subjektivität – ist dies vielleicht auf dem Papier ein nachdenkenswerter Ansatz, ich sehe mich dagegen an Zeiten erinnert, die ich in ihrer Tragweite nicht vergleichen will, in der Methode aber doch. Denn: Das Gewaltmonopol und damit auch die Strafverfolgung, wozu auch das Aufdecken dergleichen gehört, sehe ich in einer Demokratie in der Hand des Staates besser aufgehoben. Kurzum: Angst zu schüren und dazu aufzurufen, die „Nachbarn“ zu beobachteten und gemeinsam zu überwachen, erinnert an eine Blockwart-Mentalität ebenso wie an – in der ehemaligen DDR so genannte – „informelle Mitarbeiter„.

Ich will besagtem Blog keine Bedeutung beimessen und selbiges daher weder aus Furcht noch aus sonstigen strategischen Erwägungen unerwähnt lassen (inkl. der anderen Fundstellen über die Sache aus mir sehr verbundenen Blogs) – es tut einfach nichts zur Sache.
Keine Furcht, weil man die Vorgehensweisen der Staatsbehörden ja ein wenig kennt und weiß wie viel diesen „Hinweisen aus der Bevölkerung“ in diesem Zusammenhang meist beigemessen wird, zudem sind weder Behörden noch andere „Rechtsverfolger“ auf derartige „Tipps“ bei öffentlich zugänglichen und via Suchmaschinen hinlänglich erfassten Seiten angewiesen und drittens sind Behörden doch meist gar nicht die „Gegner“ … die kommen nämlich vornehmlich aus der Wirtschaft (Rechtsverstöße), dem persönlichen Umfeld (Neid, Missgunst, Rache) oder den Bereich strategischer Markenführung. Und die haben entweder genug Engagement in eigener Sache oder technische Tools am laufen, die die gesamte Blogosphere schon lange monitoren, inkl. der visuellen Scans von Bildmaterial (wovon ich mich kürzlich in einer Veranstaltung eines großen Anbieters persönlich vertraut machen durfte).

Die Motivlage des angesprochenen Blogs, bei dem ich nicht einmal ein Impressum finde (aber ich gab mir auch keine große Mühe), will ich nicht beurteilen, ein verzweifelter Aufschrei nach ein wenig Aufmerksamkeit ist jedenfalls nicht kategorisch auszuschließen. Aber ich finde das Prinzip und die Denke, die zum Ausdruck gebracht wird, doch höchst bedenklich – und sei es auch nur Mittel zum Zweck oder eine große Satire.
Wenn große Zeitungen auffordern, nun selbst zum Foto-Reporter zu werden und abzulichten, was sogar Experten als rechtlich bedenklich einstufen, dann ist das schon das eine, wenn nun aber aufgerufen wird Blogger in Eigenregie zu überwachen, damit sie schon vorab „zittern“, dann kommen wir in eine Gesellschaft der gegenseitigen Überwachung.

Machen wir uns nichts vor, die Überwachung findet doch sowieso statt und jeder der Gelisteten wird das sowieso wissen. Darauf hinzuweisen braucht es keine Blogs Dritter. Wir stehen im Fadenkreuz und dürfen uns nichts erlauben – und tun wir es müssen wir uns des Risikos bewusst sein und die Kosten überschlagen: Lohnt es sich, wie hoch ist das Risiko.
Wir werden überwacht und wenn ich heute Edelman erwähne (was ich hier nur exemplarisch tue), dann habe ich meist kurze Zeit später einen entsprechenden Referer-Eintrag.

Wir haben schlicht andere Sorgen als uns damit auseinanderzusetzen, auf welcher Ich-will-auch-wichtig-sein-Liste wir auch noch gelistet sind. Wir haben Themen im WWW, die uns erschaudern lassen. Wie ich mit george kürzlich per Mail besprach, laufen nach den zwei Beiträgen von uns die Referer heiß von Anfragen, die eindeutig in die Richtung Pädophilie gehen. Dass hier niemand dies ausnutzt seitens der Strafverfolgung und gezielt solche Suchabfragen anlockt, auswertet und dem nachgeht, das bedrückt mich weitaus mehr (- wobei ich wenigstens hoffe, dass hier die Überwachung im Stillen passiert).

Ich warne nicht vor dem angesprochenen Blog, ich warne vor der Denke. Aber was die Aktion zeigt: Es wird im Web 2.0, dem User-basierten Netz, ein Abbild der Gesellschaft entstehen, und da bekommen eben auch die eine Stimme, die man vielleicht besser früher nicht hören wollte. Sie drängen sich in unsere Dialoge, sie bedrohen uns. Ist nun einmal so. Aber lassen wir uns davon nicht verrückt machen und konzentrieren uns auf wichtigere Dinge.