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Kommt mir bloß nicht mit „meine schönsten Jahre“.

Es war Sommer 1982 oder 1983, ich weiß das nicht mehr so genau, in Bad Windsheim – oder war es Bad Kissingen? Ich war wohl in der 7. Klasse an einem Gymnasium eines kleineren mittelfränkischen Provinznestes (um das gleich auf den Punkt zu bringen). Und das kam daher, dass mein Dorf ziemlich genau in der Mitte dreier möglicher Gymnasien lag. Eines schied aus, da zu einem anderen Regierungsbezirk gehörend, blieben die aus der etwas größeren Stadt und eben jenes, zu dem mich meine Eltern schickten. Die meisten aus meinem Dorf teilten mein Schicksal, wobei das dann so viele meines Alters gar nicht waren. – Alter, das war das Problem. Ich war früher eingeschult (heute würde man Kann-Kind sagen) und deshalb jünger als die meisten anderen meiner Klasse. Heureka, ruft da der Kultusminister und Vertreter der Wirtschaft, je früher in der Ausbildung desto besser, doch nach Heureka war mir eigentlich bis zur 10ten gar nicht so zu Mute, im Gegenteil. Doch das mit der 10ten ist eine andere Geschichte.

In der 7ten stand bei uns Landschulheim auf dem Programm und für die meisten war das eine klasse Sache. Für mich nicht. Ich glaube ich war nicht beliebt. Nein. Ich ging manchen auf die nerven. Oder um genauer zu sein: Für die meisten war ich nicht existent, was noch viel schlimmer ist – und wenn man das beheben wollte viel man zurück auf Stufe 2 „nerven“. Und heute würde ich sagen: Zu Recht.

Ich war zu jung, ein wenig naiv (aus nem kleinen Dorf eben), hatte keinen Geschmack (Sch*-Frisur – Seitenscheitel) und meistens immer noch ’nen längst aus der Mode gekommenen Parka an. Ich aß mein Pausenbrot am liebsten so, dass es so halb noch in der Plastikfolie steckte, ich es also nicht anfassen musste um meine Finger nicht schmutzig zu machen. Meine Schwester war zu der Zeit das krasse Gegenteil, Mitglied der SMV, allseits beliebt, provokant, sozial, politisch. – Ich mochte am liebsten Fussball (und dann auch noch Hansi Müller und den VfB Stuttgart), war kindisch, weinerlich, immer etwas dicklich, im Sport keine Granate, leicht in Verlegenheit zu bringen und vor allem unsicher.

So saß ich in meinem Zimmer im Landschulheim mit den paar Leuten, die ich so kannte. Wir waren alle keine Party-Killer und – manche mehr, manche weniger – schlichtweg Teil der Masse ohne richtig aufzufallen. Es war schon schlimm genug sich in der Schule durchzubeißen und mit sich klar zu kommen, aber da hatte man seine Probleme wenigstens nur auf dem Weg zur Schule, in den Pausen und auf dem Weg nach Hause, aber hier hattest du deine soziale Rolle 24/7. Und die war eben nicht ums beste bestellt. Zu Hause am Nachmittag war das anders, da hattest du deine Kumpels aus dem Dorf, da fühltest du dich wohl, hattest sogar ein wenig die Leader-Rolle unter den Jungs, wobei – muss man ehrlich festhalten – man da allein wegen der Schule schon einfach Respekt bekam (ein paar der Jungs brachte es nie über Sonderschule oder Hauptschule hinaus), aber beim Bolzen auf der Wiese spielte das alles keine Rolle. Und um ehrlich zu sein: Ich habe das erst viel später kapiert, wie sehr damals schon die Bildung deinen Platz in der Gesellschaft bestimmt.

Das Landschulheim ist mir nur sehr fragmentarisch in Erinnerung. Eine Potenzierung von Minderwertigkeitskomplexen, eine sehr schwierige Konfrontation mit der Pupertät in ihren ersten Zügen (die älteren Jungs gingen da schon weit anders mit um und hatten nur Mädels im Kopf) und die Erkenntnis, dass ich mich meistens in der Zeit Sch*** fühlte. Bis auf …

Zwei Dinge

Ich lernte richtig Schach spielen. Klingt unspannend, passte zu so einem Typen wie mich? Mag sein. Mir aber bedeutete das ne Menge. Denn ich war richtig gut, lernte in kurzer Zeit schnell und bekam dafür ne ganze Menge Respekt. Ich spielte so viel Schach in dieser Zeit, dass ich zeitweise die Leute im Frühstücksraum in Gedanken als Figuren vor mir sah und ich total irritiert war, wenn der Läufer plötzlich um die Ecke bog statt seinen diagonalen Weg zu Ende zu gehen.
Als ich viel später Stefan Zweigs Schachnovelle laß, hatte ich zeitweise ob der Gedankengedänke tiefgreifende Déjà Vues (wurde auch das beste Deutsch-Referat, das ich je hielt – bestätigten übrigens auch alle, die es danach hielten…).

Und ich entdeckte meine Liebe zu Musik. Kein Nachrennen von irgendwas, was die anderen gut fanden, ich mochte es, weil es mir wirklich richtig gut gefiel. Die Band hieß SPLIFF und der absolute Hit »Carbonara«. Die Band setzte sich im Wesentlichen aus ehemaligen Mitglieder der Nina-Hagen-Band zusammen und war das, was man mit Fug und Recht als mega-cool behaupten kann. Und ich mochte sie, ich verehrte sie. Eine meiner ersten Platten, das ich heute noch mit Stolz nennen mag, war das Album »85555« mit Songs wie »Damals«, »Heut‘ Nacht« und eben »Carbonara«. Spliff wurde an der Abschlussparty rauf und runter gespielt und – ich bin mir nicht mehr 100% sicher, aber fast – ich habe dazu getanzt. Richtig getanzt, so für mich allein, mit all den anderen. Und ich gehörte für diesen Moment irgendwie dazu, zu den anderen, den Coolen.

Hatt meine Welt nicht spontan verändert damals, aber daran gerüttelt. Erschüttert wurde sie erst viel später, später dann aus den Angel gehoben und irgendwann auf den Kopf gestellt. Aber – ihr ahnt es sicher – das ist eine andere Geschichte …

[Mittagspausenblogging Ende]