Gewalt Gewalt Gewalt Gewalt Gewalt

Ein Wort zu Sebastian B.

Amerika, dann irgendwo im Osten, dann mal hier, mal da. Eingebettet in einen medial-aufbereiteten Sumpf aus potentiellen Terroranschlägen, stimmungs-gefärbten Nahost-Berichten voller demagogischer Ideologien, umrahmt von polit-profilierungs-motivierten Aufschreien ganz nach politischer Stimmungs- oder strategischer Wahlkreis-Lage: Gewalt Gewalt Gewalt! Zusammengewürfelt und vermengt ohne jedwede Wertung und notwendiger nüchterner Distanz wird betroffen gemacht, egal zu welchem Zwecke und zu welchem Preis, stets verbunden mit dem, was man für sich erreichen will, Quote, Stimme, Spende, Verbot, Gesetz, politische Instabilität, Ego-Befriedigung.

Zunehmend ungehört, zu viele Schreie machen die Ohren taub.

Dazwischen Sebastian B. – ein Amokläufer in Emsdetten. Wenigstens gab es außer ihm nur Verletzte. Der Aufschrei gewohnt souverän trotz Doppelbelastung auf allen Kanälen. Stereotypen austauschbar: Kanal 1 „Eine durchgehende Sicherheit auf Flughäfen kann es gar nicht geben“ – ZAPP – Kanal 2: „Eine durchgehende Sicherheit an Schulen kann es gar nicht geben“. Schuldzuweisungen, wenigstens beim Flughafen kramt man noch die privaten Sicherheitskräfte raus, die angeblich eine zu hohe Fehlerquote hätten. In Emsdetten kann man nicht einmal den Lehrkörper heranziehen, Sebastian B. war lange aus dem System (gefallen). Ein Grund muss her – und Stoiber formuliert es gewohnt ungelenk: Killerspiele animieren zum Töten! Sebastian B. war Killerspieler. 1+1=2. Verbot! Und alles wird gut. Das Flughafenproblem ist schwieriger, da müßte man entweder die vielgepriesene Privatisierung anpinkeln oder Geld in die Hand nehmen. Oder alles zum Militärgelände erklären … aber bitte die Idee gleich wieder vergessen.

Die Standardreaktion der üblichen Verdächtigen werden gesendet, die Computerspieler werden sich wieder dagegen wehren müssen, daß sie zum Sündenbock hochstilisiert werden und schon ist das eigentliche Thema wieder vergessen.
Mich interessieren die Computerspieler und ihr Problem, ständig für Gaga gehalten zu werden zwar, aber nicht in diesem Zusammenhang. Das ist ein eigenes Thema. Das Thema hier ist Hoffnunglosigkeit, das Thema hier ist der Leistungszwang und die Unmöglichkeit, anders zu sein. [Jens Scholz – Lesetipp 1]

Das Thema Computerspiele ist ein Thema, aber nicht dieses Thema. Es ist für mich nicht zu leugnen, dass durch Computerspiele Automatismen erlernt werden, die sonst doch gar nicht existent werden könnten. Waffe in die Hand nehmen, Laden, Entsichern, Abdrücken. Als ich in meinem Dorf groß wurde, hätte ich nicht einmal gewußt, wie das Entsichern geht. Durch die perfekte Visualisierung wird aus dem erlernten Automatismus ein Bild. Ein Bild, dass unter extremen Einflüssen real werden kann – erlernte Handlungsabläufe. Eine Hemmschwelle fällt weg. Unkenntnis ist manchmal gar kein Schaden. Aber es ist eben nicht das Thema hier, auch wenn es doch so schön ablenken würde.

Heute morgen erst hatte ich ein Buch in Händen, ein Buch, das provokant darauf eingeht, dass Kinder auch Wut brauchen, Aggressionen Teil des Lebens sind und vor allem nicht Aggression und Gewalt gleichzusetzen ist. Ich muss das Buch wohl unbedingt zu Ende lesen. Unterdrückte Aggression als Katalysator für Gewalt? Killerspiele als moderne Form der Aggresionsverarbeitung weil die Gesellschaft keine anderen Kanäle mehr bietet, keine Zeit und pädagogische Mittel mehr hat, mit natürlicher Aggression umzugehen?

Aber Sebastian B. war nicht nur Gewalt. Er war ein Fanal unerhörten Aufschreis und man jagt nun danach die Spuren posthum zu beseitigen. Staatliche Informationskontrolle.

Nach dem Amoklauf eines 18-Jährigen in Emsdetten ist im Internet ein ungewöhnlicher Wettkampf zwischen Ermittlungsbehörden und Webgemeinde entbrannt. Der Amokläufer Sebastian B. hatte nämlich vor seiner Bluttat über Jahre hinweg seine Spuren auf Internetseiten und in Foren hinterlassen. Die Ermittler bemühen sich jetzt, diese Spuren zu zensieren. Die Webgemeinde wiederum unternimmt alles, den Behörden ein Schnippchen zu schlagen und eben jene Auftritte von Sebastian B. öffentlich zugänglich zu machen. Eine Lehrstunde in moderner Medienpolitik… [Quelle: Augs.Blog – Lesetipp 2]

Keine Zeitbombe, die leise vor sich tickte. Im Gegenteil: Ein ungehörter Aufschrei – erst ein leises Wimmern und Flehen, dann lauter werdend bis zum verzweifelten Schreien tief aus der Seele … und dann zur Tat.

Sebastian B. im Jahr 2004
Ich denke das der ganze Dreck damit anfing, das einer von der Hauptschule (Ich bin auf real) nach Schulschluss zur unserer Schule kam, und mich schlagen wollte, keine Ahnung warum, vielleicht hat ihm meine Gesicht nicht gepasst, oder ich stand auf seinem Schatten.
Ich habe mich versteckt, seitdem hatte Ich Angst. Diese Angst schlägt so langsam in Wut um. Ich fresse die ganze Wut in mich hinein, um sie irgendwann auf einmal rauszulassen, und mich an all den Arschl**hern zu rächen, die mir mein Leben versaut haben. Ich meine diese “ganz harten”, die meinen sie müssten mit 12 in der Ecke stehen und sich zuqualmen. Das sin die die immer nur auf die schwächeren gehen können.
Für die, die es noch nicht genau verstanden haben: Ja, es geht hier um Amoklauf!
Ich weiss selber nicht woran ich bin, ich weiss nicht mehr weiter, bitte helft mir.
[Quelle: Augs.Blog

Hören wir denn zu? Wir Blogger?

Wir, die wir uns nun über die Politiker echauffieren, die Verbotsforderungen in der Luft zerreißen und die gesamte mediale Welt über ihre eigene Demagogie und Ratlosigkeit verwerfen und darniederliegend die Grabrede halten.

Haben wir zugehört? Hören wir zu?

Ein gesellschaftliches Problem kann nicht von oben behoben werden, es entsteht aus der Mitte der Gesellschaft und kann nur aus ihr heraus heilen. Zivilcourage, Null Toleranz, soziales Engagement, persönliche Initiative…