Blogkrise?

Wie lange blogge ich nun schon? Schon Zeit für eine Mid-Blog-crisis wie Rozana oder bereits am Abgrund und kurz vor dem auflegen von Kuschelrock 9 wie Sympatexter?

Nein, Bloggerkrise, das nicht. Auch wenn ich zur Zeit nicht jeden Tag 3 bis 5 Postings rausknalle und dabei vom Grimme-Award träume. Aber unverkennbar ist eins: Ich bin etwas müde geworden die Tage. Und das hat Gründe.

Zum einen ist da eine nicht zu unterschätzende Desillusionierung, die mich anlaßbedingt (und man darf sich durchaus angesprochen fühlen aber bitte ohne jede Resonanz) umfällt und die mehr ist als eine kleine Randnotiz biblischer Zitate, wie ich zunächst dachte. – Es ist diese gräßliche Erkenntnis, dass man auch unter Bloggern nur mit Wasser kocht und es eben ist wie es ist: ein Abbild unserer Gesellschaft. Und je mehr mitmachen, desto klarer wird das. Du wirst in Bloggersdorf das finden, was du auch da draußen findest. Und du fängst die Leser mit den gleichen Mechanismen, wie es in den großen Medien funktioniert und wem so manch ambitioniertes Blättchen wohl fast nicht widerstehen kann. Weh dem Idioten, der meint hier eine heile Welt zu finden.

Über das Blaue im Himmel in Blogs hatten wir es ja schon, aber die Anwürfe, Bloggersdorf rede am liebsten über Bloggersdorf selbst, sind auch mit einem wohlwollenden Blick nicht ganz von der Hand zu weisen. Bloggen über’s Bloggen ist nicht zuletzt auch das Thema gerade. *aufnasezeig
Und doch gibt es immer neue Erkenntnisse (zugegeben nur interessant für den, der schon die alten suchte und interessant fand). Und so verfolgte ich mit großem Interesse die Kommentare zu diesem Artikel hier. Blogs ohne Themenbezug sind also dem Tode geweiht? Halt – nicht gleich abschalten! Mal drüber nachdenken:

Zum einen sind da Blogs die keine feste Themenstruktur haben. Daher dann auch kaum regelmäßige Leser. Und das wird sicherlich irgendwann – auch mit Erfolg – langweilig. Man kennt alle Kniffe und der Weiterbetrieb kann nur noch mit exorbitant großem Zynismusniveau aufrecht erhalten bleiben. Da schätze ich doch die Blogs mit einem deutlichen Themenbezug. Das ist dann meist ein Hobby außerhalb des Internets. Sicherlich, wenn das Interesse an dem Hobby schwindet, ist auch mit dem Blog schluß.

Was Thomas Günther da so sagt ist eine beachtliche Erkenntnis, die man so nicht von der Hand weisen kann.
Blogs ohne thematischen Schwerpunkt – nach subjektiven Eindruck – neigen zu entweder immer ausschweifenderen Erkenntnissen der eigenen Seele (Seelenstrip) oder breiten nahezu jeden Schwank aus der Jugend nach und nach aus (mit Münchhausschen Tendenzen). Andere beginnen zu überdrehen, ein Zynismusniveau aufzubauen (nochmal danke Thomas für den Begriff, der mir lange fehlte in dem Zusammenhang), der für Gelegenheitsleser kaum mehr mit Schmunzeln zu ertragen ist. Man schwelgt in Bezugnahmen und fordert Hintergrundwissen aus der gegenwärtigen oder vergangenen Welt klein Bloggersdorfs, die kaum noch nachvollziehbar sind. Mag sein, das unter Bloggern ein Nachsatz a la “wie die Klowand ^^” mehr sagt als 1000 Worte, aber wem sonst?

Aber weiter im Kontext (das wird eh kein Grimme-Award-Artikel mehr…):
So stehen Blogs über kurz oder lang am Scheideweg. Entweder, man gruschelt (darf man das so sagen ^^) sich so ein und wird zum Blog-Eremiten, der ab und an aus seiner Hütte kommt und einen raus läßt, oder man wird zur Blog-Hyperventilierer, der den Takt verloren hat und beginnt zu überdrehen.
Blogs kommen an einen Punkt, den ich gerne mit Kleists Marionettentheater vergleiche:

Kleist gibt sein Zwiegespräch mit einem wegen seiner Anmut bewunderten Tänzer wieder, den er mehrere Male beim Besuch eines Marionettentheaters gesehen hat. Der Angesprochene schildert ihm, wie sehr er die “natürliche Grazie” der Bewegungen der Puppen bewundert und welche Lehre er für sich daraus zieht: dass es eine natürliche Anmut gebe, die sich in völliger Abwesenheit von Bewusstsein manifestiere. Sein Beispiel ist – neben den mechanischen Gliederpuppen des Marionettentheaters – ein Knabe, der mit wunderbarer Grazie einen Dorn aus seinem Fuß zieht und, als er sich beobachtet sieht, unter der Kontrolle seines Verstandes die Bewegung in ihrer Schönheit nachzuahmen versucht, was ihm natürlich misslingt.

Blogs erleben an einem bestimmten Punkt, dass sie entweder scheitern, weil sie erkannten, dass sie gut waren – oder beginnen sich das wieder zu erarbeiten. Denn sich in den Zustand zu versetzen, ein Bewußtsein zu ignorieren, ist spätestens nach dem ersten Blogbuster nur noch durch massives Selbstbelügen oder Alkohol zu erreichen.

Das alles hat nichts mit Ranking oder Besucherzahlen zu tun, das ist alles nur eine Frage der Zeit. Man kann noch ein bisschen weitermachen wie bisher oder – wenn man das so sieht wie ich – fängt an sich darüber Gedanken zu machen. Aber mehr sag ich heute nicht mehr dazu … geht fernsehen.