Und davon hast Du: keine Ahnung!

Über Wut und Enttäuschung, Drogen, Egomanie und die großen und kleinen Dinge des Lebens

Ja der René macht die Runde und ob er es nun will oder nicht (den Hype will er sicher, das andere nicht, lässt sich aber dann doch nicht so einfach mit Schwamm abwaschen, nur weil man es endlich los werden will), aber das ist gar nicht das Thema, nur die Einleitung, weil das Zitat »Und davon hast Du: keine Ahnung!« von ihm stammt aus einem Seelenstrip-Blogartikel called »Rage«. Und beim lesen selbiges kam mir eben – und René mag nun bitte keinen Verfolgungswahn meinerseits ob mehrerer kritischer Töne in Folge kriegen (kommt halt wie’s kommt) – so ein Gefühl auf, dass ich lange nicht mehr spürte…

Ab zum Mittagspausenbloggen, die Zeit eilt.

Das muss jetzt 20 Jahre her sein, Ende der 80er auf einem Gymnasium irgendwo im Niemandsland fränkischen Daseins und ich muss ehrlich zugeben, das danach irgendwann die Zivilisation weitergeht, das habe ich erst 10 Jahre später intellektuell auf die Reihe bekommen. Für mich war nach zwei weiteren Dörfchen Schluß – danach wohl Wald oder Steppe, was weiß ich.

Ich hatte gerade meine übelste Zeit in der Schule hinter mir, genau genommen waren das die Klassen 5 mit 10, und aufgrund eines im Lebenslauf als faux pas ausgewiesenen Umstands, den man damals anerkennend unter Kollegen die Ehrenrunde nannte, war ich aus dem Status des immer latent zu dicken Nesthäckchens schlagartig in die Haute Volé meiner neuen Klasse katapultiert.
Plötzlich mittendrin, statt immer nur dabei. Dennoch gehörte ich nie zu den Rädelsführern, die den Unsinn fabrizierten, den man damals „cool“ nannte. Meinen ausgeprägten Sinn für Moral, Glaube und Ethik hatte ich damals schon und ehrlich: ich steh damals wie heute dazu.
Dennoch zog mich die „Szene“ an wie ein Falter das Licht und so trieb ich mich meistens irgendwo im Grenzland zwischen den Fronten rum, ohne je richtig dazuzugehören – aber genug um vieles mitzubekommen.

Marc (Name geändert) war so einer der ganz tief drin war. Marc war brutal intelligent und das wusste er und die Lehrer, und Marc war gerade deshalb unglaublich verwirrend. Ihn zu kennen war nicht nur ob der Tatsache, dass er fast nie da war, schon etwas was die anderen in der Aula mit Anerkennung quittierten, von ihm gegrüßt zu werden war der Ritterschlag. Marc hatte die schönsten Frauen und war vollkommen autonom und resistent gegen jede Art Pädagogik, und Marc hatte noch nicht einmal Probleme aufgrund seiner Abwesenheit – eine Leistungsklausur ins „bestanden“ zu bringen gelang ihm zur Not (und das habe ich selbst mitbekommen) trotz 4-wöchiger Abwesenheit mit 24 Stunden Vorlaufzeit. Marc fing mit Kiffen an, dann ging es immer weiter, immer weiter … Aber das hier ist nicht seine Geschichte.
Marc stand mal in der Pause neben mir auf einer etwas erhoben Treppe mit Blick über die ganze Aula und sagte: Du, Alexander. Sieh dir alle Leute an. Sie interessieren mich Null. Sie sind nichts. Du – du interessiert mich.
Ich fand ziemlich Scheiße was Marc so alles trieb und tat, aber das ging runter wie Butter. Später sollte ich noch viel, sehr viel von Marc erfahren, erst von ihm selbst, später über andere. Viel später erst begann ich alles zu verstehen.

Annabelle lernte ich Jahre später kennen, sie war die neue Freundin eines meiner besten Freunde. Annabelle nahmen wir mal mit nach Hause nach einem ziemlich kläglichen Selbstmordversuch mit Pulsadernaufschneiden und Tabletten. Wir packten sie ein, nachdem der Sani die Wunde im Club versorgt hatte, und ließen sie zwischen uns pennen und eine kurze Weile bei uns sich sammeln. Wir erfuhren alles über die Beziehungsverflechtungen, die Probleme mit ihrem Kind, ihre Vergangenheit und Gegenwart und wir waren für sie nach eigenem bekunden mit die wichtigsten Menschen auf der Welt geworden.

Was die beiden verband und was viele andere verband die ich kennenlernte damals: Alle hatten eine Geschichte, ein Elternhaus voller Probleme, Schläge, Abtreibung, Gewalt, Drogen, Demütigungen. Und alle erlebten Dinge gerade, die man selbst nicht verstand, Erfahrungen im Drogenmilieu, manche im versnobten Milieu, die anderen im Party-Milieu, die dritten im Siff-Milieu. Man durfte zuhören und sie alle bedauern. Man durfte praktische Hilfe leisten und man durfte für sie dasein. Nur Ratschläge kamen nie durch, weil man ja von ihren Problemen keine Ahnung hatte. Man hatte ihre schwere Vergangenheit nicht mitgemacht, könnte ihre jetztigen Probleme gar nicht verstehen, weil man ja nicht drinsteckte. Dennoch sei man sehr sehr wichtig für sie.

Nicht erst heute weiß ich: Alles Bullshit.

‚Die‘ waren egomane Arschlöcher und sie wollten sich auch gar nicht ändern. Sie wollten überhaupt keine Hilfe, sie wollten ein Podium fürs Egokraulen. Du warst nie ihr Freund, denn sowas kannten sie schon lange nicht mehr. Sie hatten nur noch ihre Scheiß Drogen im Kopf und Drogen zu bekommen oder in ihren Drogenkreisen anerkannt zu sein war alles was sie wirklich beschäftigte. Jeder derer hatte so seine paar Deppen wie wir es waren. Die Kümmerer und Zuhörer, wenn ihnen mal wieder ein wenig melancholisch war oder sie einen Fahrer brauchten. Auf den Feten, auf denen man sie traf, warst du dann ein Nichts für sie. Doch auch dafür warben sie dann Tage später wieder für Verständnis und heulten über ihre eigene Schlechtigkeit sich bei dir aus – natürlich mit vielen Betonungen, wie wichtig du doch wärst.
Es dauert eine ganze Weile, dann erst kapiert man es. Und wenn man sich tatsächlich so lange nicht hat reinziehen lassen ist es noch ein weiterer Schritt die Sache klar einzunorden und einen Strich zu ziehen: Bis hierin und nicht weiter. Und spätestens dann verloren sie das Interesse an dir.

Einige derer sind versackt und gescheitert. Später haben sie mit Hängen und Würgen noch irgendeine Ausbildung gemacht. Andere haben die Kurve bekommen und wurden resozialisiert. Doch ganz gelungen ist es nie, noch heute merkst du manchmal die alten Mechanismen greifen. Ähnlich wie ein Box-Moderator mal sagte: »Man kann einen Boxer aus dem Ghetto heraus bekommen, aber nie das Ghetto aus einem Boxer.« Und du kannst jemand aus der Drogenszene rausholen, aber die Szene nicht mehr aus den Leuten. Es war kein Hedonismus, denn Liebe zu sich selbst war es sicher nie, aber Egomanie. Nackter Überlebenskampf im selbstgebauten Gefängnis auf der steten Jagd nach etwas, wozu man sich selbst abhängig machte. Diese Mechanismen, diese Denke kriegst du nicht mehr raus.

Es waren immer die gleichen Sätze: Man habe keine Ahnung! (danke für die Steilvorlage, René)

Man würde alles einfach nicht verstehen. Aber mit viel Pathos. Immer viel Pathos und immer mit den ganz großen Dingen im Kopf. Die ganz große Liebe, das ganz große geschäftliche Ding, das ultimative Erleben, dass man nur durch die Drogen erfahren konnte.

Am Ende war die Vergangenheit oft (nicht immer, klar) schlicht genauso dröge wie deine eigene. Die Kindheit nicht schlimmer als die von dir und den anderen Blöden. Und die Drecksdohle „eigene Mutter“ war nicht die „alte Schlampe“, die man „nur noch hassen könne, weil sie einen immer manipuliert weil sie ihr eigenes Versagen hasst“, sondern – wenn man sie mal kennen lernte, die ganz normale Frau, die sich angesichts der Machtlosigkeit der Dynamik der Entwicklung des Kindes im Angesicht dieses Sogs nachts die Augen ausheulte. Als Vater versteht man das heute noch einmal ganz anders …

Klar ist dann bei vielen einiges eskaliert, doch die Eskalation folgte oft erst nach der Flucht aus dem Alltag. Die Wirkung wurde zur Ursache gemacht. Alles verschwamm im Nebel der eigenen Wahrnehmung.

Keine Ahnung? Viele der, die da angeblich keine Ahnung haben oder hatten, haben viel zu viel kapiert und eben keine Lust mehr gehabt sich verarschen und missbrauchen zu lassen.

Die Flucht in das Pathos, das Große, das nur geboren werden kann, wenn man sich nicht vom Kleinkram des Alltags und des eigenen Seins behindern ließe, stellte sich fast immer als Luftnummer raus. Da war nichts. Da kam nichts.
Und bei denen, die das Talent hatten, fehlte die Disziplin und das Durchhaltevermögen um was drauß zu machen. Manchmal finden sie Förderer und manche dieser Förderer geben viel und riskieren viel. Manche zu viel. Manche sogar sehenden Auges.

Keine Ahnung? Mag sein, aber diese Erfahrungen muss man manchmal auch nicht haben. Wut? Verzweiflung? Frag mal junge Mütter und Väter wie sie damit umgehen, wenn beim Kind eine Krankheit festgestellt wird. Sich den Sorgen des Alltags zu stellen und für Freunde und Familie Verantwortung zu übernehmen (und das heisst nicht nur ab und an mal da zu sein und ein bisschen zu helfen), sein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen und nicht nur und immer wieder zu flüchten und sich dann vor sich und der Welt hinter Geschichten längst vergangener Tage zurückzuziehen – das braucht Mut.

Wir alle haben unser Päckchen zu tragen. Wir alle mussten durch unserer Kindheit und Pupertät durch. Und wir alle haben es verdient respektiert zu werden. Aber wir alle sind auch in großem Umfang eines: Unseres eigenen Glückes Schmied.