Senft dazu: Moral – Reine Kopfsache?

Senft dazuForscher haben entdeckt … wenn schon ein Bericht so anfängt wird einem ja schon mulmig. Vielleicht weil sogenannte Forscher in Berichten die mit „Forscher haben entdeckt“ beginnen nach meinem Empfinden mehr im Bereich von Mystik unterwegs gewesen sein müssen. Mit Grauen erinnere ich an die „Forschungsergebnisse“ nach der Lokalisierung des Glaubens irgendwo im Hirn. Hirn weg, Glaube tot. Schon klar.
Nun, die Forscher entdeckten also nun »wo Moral und Emotionen herkommen« und man kommt zu dem Schluß »Moral ist gleich Gedanke plus Gefühl«. Bewiesen wurde das alles mit unglaublich wissenschaftlichen Tests, die mit wahnsinnig ausgeknobelten Fragen hantieren, die einem schwer an die eigene Kriegsdienstverweigerung erinnerte: „was tust du, wenn deine Mutter durchdreht und alle umbringen will und du bist ans Bett gefesselt und hast nur eine Waffe die sofort tödlich ist und nur damit kannst du sie aufhalten – tötest du sie? was ist, wenn sie deine Kinder töten will, tötest du dann?“ Und unglaublicherweise zögern dann manche Probanten mit der Antwort und sind – Hört Hört! – unsicher. Aber wer ne Macke hat eine Hirnschädigung im Bereich des Stirnlappens, der Gefühle, speziell soziale Gefühle, hat, der reagiert am Besten weil er gleich wegpustet zum Wohle aller.

Die Mehrheit der Befragten war sich unsicher, berichten die Wissenschaftler. Einige gestanden ein, dass sie den Kranken nicht töten könnten, auch wenn sie es theoretisch tun sollten. Doch sechs der Probanden, bei denen ein Teil des Gehirns beschädigt war, trafen ohne Zögern die für sie logische Entscheidung, ein Leben zu opfern, um viele zu retten.
Quelle: Netzzeitung

Ja, auf Basis dieser schlauen Fragen und der kniffeligen Tests »ziehen US-amerikanische Forscher Rückschlüsse darauf, wie Gefühle die Moral beeinflussen« und veröffentlichen das dann »in der Online-Ausgabe des Magazins „Nature“« (Quelle: Netzzeitung a.a.O.).

Mein Senf dazu:

Ich weiß gerade nicht was mich mehr ärgert, diese nach meinem Empfinden vollkommen unwissenschaftlichen Tests und deren Ergebnisse, die mindestens im Zustandekommen vollkommen beliebig sind, oder die mediale Aufmerksamkeit. Solche Tests landen dann nämlich mit großer Begeisterung auf Titelblättern von Hochglanzmagazinen mit mindestens mehrseitigen Ausführungen und bunten Hirnquerschnitten ausgestattet, die mit wichtigen Pfeilen hin- und herdeuten.

Natürlich ist meiner Meinung nach sowohl Moral wie auch Glaube Teil (wohlgemerkt „Teil“, das bedeutet weder Ursprung noch Ganzes) unseres Verstandes und unserer Wahrnehmung, und natürlich wird das kognitiv verarbeitet und wenn man es nicht verarbeiten kann, nimmt man es nicht wahr. Aber darauf den Rückschluß zu ziehen, Moral und auch Glaube seien eben reine Kopfsache und nicht mehr als ein „Hirngespinst“ (mal frei formuliert) ist doch Unsinn.

Ich glaube was mich am meisten daran stört ist die Konsequenz. Wenn man Moral als ein reines wissenschaftliches Element betrachtet, das im Hirn eben veranlagt ist oder eben nicht, dann bringt man es in eine Position, die nicht nur uns als Mensch in Frage stellt, sondern erst Recht unser Rechtssystem. Denn wie kann ich denn jemanden nach Schuld und Unrechtsbewußtsein verurteilen, wenn das Empfinden und Verstehen von Schuld und Unrecht eben eine Sache von „gesundem Verstand“ ist?! Müßte ich dann nicht jeden, der gegen unser Moralverständnis oder unsere Rechtsordnung verstößt statt einzusperren oder zu bestrafen nicht gleich in die Neurologie überweisen?

Die Diskussion um Moral ist mir mittlerweile insgesamt zu verquer. Statt sich über eine Rekalibrierung unserer Moralvorstellungen Gedanken zu machen wird Moral entweder religös stigmatisiert oder eben wissenschaftlich auf eine Art genetische Veranlagung reduziert.

Manche Bücher, die man gerade liest, könnte man am liebsten zu jeder Gelegenheit zitieren oder am Besten für jeden zur Pflichtlektüre erklären. Bei mir ist es zur Zeit das Buch »Briefe in die chinesische Vergangenheit« von Herbert Rosendorfer, das mir auch zu diesem Artikel hier ein Zitat finden lässt. Herr Kao-tai, der Mann aus der Vergangenheit, lernt unser modernes Rechtssystem kennen und schreibt seinem Freund darüber in die Vergangenheit zurück das Folgende:

»Überhaupt sind Riten und Sitten in dem Maß in Verfall gekommen, wie diese willkürlichen Gesetze, von denen es wahrhaftig unzählige gibt, überhandgenommen haben. So sind Sitte und Gesetz getrennt, das heißt: das Gesetz ist losgelöst von jeder Moralvorstellung. Da das Gesetz zu übertreten für Großnasen [gemeint sind in dem Fall »Deutsche«] nicht als unmoralisch gilt, muß der Staat zu Strafen greifen. Belehrungen fruchten nichts mehr. Moralvorstellungen gibt es zwar noch, die sind aber religiöser Natur und sind für das öffentliche Leben unverbindlich. Moral und Religion haben nur noch ungefähr poetischen Wert. … Daß so ein Staat in Unordnung gerät und daß hier die Vernunft ein Faktor von nur noch dekorativem Wert ist, leuchtet mir ohne Weiteres ein.«