Paid Content ist gescheitert

Ein kleines Resümée eines gescheiterten Business-Models

Inhalte gegen Bezahlung – heute fast eine urban legend oder ein Internet-Kinderschreck. Bezahlen für Inhalte? Never. Die wenigstens können sich heute noch vorstellen, dass man für Inhalte, für das Lesen von SPON, der sueddeutschen oder Fokus Geld bezahlt. Vereinzelt wird noch Geld für Artikel aus den Archiven verlangt, aber – auch ohne Kenntnis der Zahlen – ich kann mir nun wirklich nicht vorstellen, dass das im Gesamtbudget einen messbaren Eindruck hinterlässt. Eher eine letzte Bastion des Widerstands gegen die Erkenntnis: Paid Content ist eigentlich gescheitert.

Die passende News dieser Tage stammt aus dem Haus Horizont, eines der bedeutenden Magazine/Zeitschriften für die Medien- und Werbe-Branche. Mit horizont.net hielt man lange standhaft gegen den Kostenlos-Wahn. Nur registrierte Nutzer durften lesen, wobei auch Print-Abonnenten einen Zugang erhielten. Nun fielen die Mauern und man gab der Erkenntnis nach, dass es einfach nicht funktioniert. Auch das einmal lobenswert erwähnt: Besser spät erkannt als nie.

HORIZONT.NET ist wieder full free. Warum? Wie andere Webangebote hat sich auch HORIZONT.NET seinerzeit von Paid Content viel erhofft. Zuviel, wie wir – aber auch viele andere inzwischen feststellen konnten. Nun also: “Back to the roots” zum hauptsächlich werbefinanzierten Internet-Dienst.
Quelle: horizont.net-Blog

Ein Sieg der Verbraucher? Mindestens ein Pyrrhussieg, wie ich meine. Nicht nur der Umstand, dass nun eben die Vermarktung herhalten muss, was in der Regel mit optisch verschandelten Websites einhergeht und einem PopUps und das ganze Sortiment an Werbemitteln mit dem Auftrag „Sieh mich, lies mich, klick mich“ beschert. Es ist auch eine Niederlage für Qualität.

Als wir damals im Jahr 2000 mit Autokiste begannen, standen auch wir vor der Frage der Finanzierung. Wenn man kein Hobby-Projekt startet muss man regelmäßige Einkünfte erzielen. Werbung kann da ein Standbein sein, aber trägt es? Paid-Content wäre da eine Option gewesen, doch bereits damals konnte man absehen, dass es nicht funktionieren würde. Was blieb also wenn man Qualität anbieten will?

Entweder das Web-Angebot wird ein kostspieliges Anhängsel der Print-Ausgabe, ein Klotz am Bein des Verlags (so denn einer dahinter steht), man unterwirft sich er der totalen Vermarktung mit allem was das Web bietet (und dabei neigt man dann schon zum Ausverkauf der Ideale…, schließlich ist meist das am Besten bezahlt, was entweder sonst keiner tun will, besonders penetrant ist oder vom User gern auch mal mit den Inhalten verwechselt wird) oder man setzt auf die massive Einsparung auf Ausgabenseite. – Alle diese Spielformen sind im Netz reichlich anzutreffen, und – so komisch das klingen mag – vor allem die letzte ist oft die schmerzlichste. Denn statt ausrecherchierter auf das Internet zugeschnittener Artikel findet man in Breite und Masse den journalistischen Einheitsbrei, kopiert aus Presse- oder Agenturmeldungen, reduziert und zusammengestöpselt von ganz offensichtlich nicht gerade der Creme de la Creme der journalistischen Zunft. Individualität Mangelware. Dafür eine grassierende Ausbreitung des Boulevard und – einmal unterstellt – schlicht zur Steigerung der Userzahlen und damit des Werbe-Incomes, aber vielleicht auch einfach ein Spiegel der Qualität der Redaktion, was die Sache nun wirklich nicht besser machen würde.

Der Wegfall der Einkunftsmöglichkeit über den User scheiterte, weil der User schlicht nach dem Prinzip vorging: Was soll ich zahlen, was ich zwei Ecken weiter kostenlos bekomme. Ob damit verbunden Qualität eingebüsst wird, war unerheblich. Zudem förderten gerade auch die großen Verlage durch massive Anfangsinvestitionen und damit verbundenen Free Angeboten schnell jede Hoffnung auf ein entsprechendes Geschäftsmodell. Was zur Marktpositionierung gedacht war, stellte sich als Bumerang für das eigene Überleben heraus. Statt den Markt zu erobern wurde er zerstört – noch bevor er zu leben begann.

Nein, ich bin kein Masochist und bettle darum etwas bezahlen zu müssen, was es nun kostenlos gibt. Bewahre. Aber ich weiß eines: Leistung hat immer einen Preis. Und den bezahle ich so oder so – entweder durch Beeinträchtigung durch Werbung (was mich persönlich sehr stört, weil Werbung eine Spirale des Irrsinns ist, da sie immer mehr ignoriert wird und dann immer mehr tun muss um aufzufallen), durch Auswertung und Preisgabe meiner Daten (oft unbemerkt) oder durch den zunehmenden Rückgang an Qualität und Individualismus. Es gibt nichts geschenkt nach den Regeln dieser Welt.

Ursache für das Scheitern des Paid Content war aber auch, dass man es bis zum heutigen Tage nicht schaffte ein funktionierendes Micropayment-System zu etablieren. Ein System, das – möglichst auch anonym – mit einem Mausklick das zahlen eines Cent-Betrags ermöglicht. Vielleicht setzen viele deshalb so viel Hoffnung in Second Life, hier ist das ein fester Bestandteil und funktioniert problemlos. Ein Ein- und Ausloggen, eine Bindung an einen Anbieter, eine Anschaffung von besonderer Hardware wie Keyboards mit Slots – all das waren und sind Irrwege und führen nicht weiter. Es fehlt eine einfache Lösung. Vielleicht ist deshalb Amazon auch auf dem Weg zum Marktplatz und weg vom reinen Buchhändler – hier hat man ein Bezahlsystem und es besteht ein Bedarf.

Paid Content ist also mindestens vorerst gescheitert. Und damit auch ein ganzer Markt. Mit Werbung allein kann man sich als Nischenanbieter kaum bis gar nicht finanzieren, von leben will ich gar nicht reden. Auch Blogger kennen das Problem. Werbefinanziert ist ja fast zum Buzz-Word diese Tage geworden, dabei ist es ein vollkommen legitimer Versuch das Pro-Bloggen auf neue Füße zu stellen. Und – auch das will ich noch mal klarstellen – Adical ist ein guter Versuch, ein Versuch es irgendwie richtiger zu machen als andere – Johnny (alias Spreeblick) steht hier dafür und er ist glaubwürdig. Die Diskussion zuletzt zeigte aber, wie emotional das Thema ist und dabei wurde schon so manches mal Äpfel mit Birnen zusammengeworfen. Ich bspw. kritisierte nicht die Vermarktung an sich oder Adical – im Gegenteil. Meine Kritik richtete sich an einzelne, die noch vor einiger Zeit fast fanatisch gegen Werbung opponierten und nun wie ein Wunder vom Paulus zum Werbe-Saulus mutierten. Aber genau das ist das Problem und bei der Vermarktung von Bloggern im Besonderen: Es verschmilzt Persönliches mit Business – von jeher keine gute Mischung.

Der Abgesang auf ein bezahlten Content – einzelne Angebote einmal ausgenommen, wie sehr spezielle Tests oder längere Dossiers und Gutachten – bedeutet, dass man weiter keine Grundlage für kleinere Business-Modelle finden wird, die speziell auf den Bereich Content im Internet zielen. Ich kenne den harten Weg der Eigenvermarktung von der Pieke auf und damit aus eigener Erfahrung.

Ob ich selbst bezahlen würde? Eine sinnfreie Frage. Warum? Weil sie fiktiv ist und der Rahmenbedingungen entbehrt. Mit einem funktionierenden Micropayment-System ist es da nicht ad hoc getan. Es müsste auch erst wieder „gelernt“ werden und „üblich“ werden. Auch da haben eben die großen Anbieter in der Pionier- und Erziehungsarbeit versagt. Ich bin mir sicher, dass vor diesem Hintergrund eine ganze Menge Neues entstanden wäre, auch in Blogs – qualitativer, individueller, kreativer. Weil Menschen dann versucht hätten damit zu überleben ohne sich in Abhängigkeiten von Werbegeldern zu begeben. Das wäre dann ein Content, den zu bezahlen es wert wäre.

Chance vertan. Schade drum.

Aber wer weiß was passiert wäre, wäre es anders gekommen. Pervertierungen aller Art sind dem Menschen ja nichts Neues.