‚Ich mein‘ ja bloß‘ – Zum Zwischenfazit der FAZ über Weblogs

Ein Kommentar über die aktuelle Entwicklung der Weblogs und nicht erfüllter Erwartungen in Richtung digitaler Revolution – Achtung: jetzt wird es lang und weit ausholend

Gern würde ich mich hinstellen und sagen „Ich hab es ja gesagt“, aber zum einen hab ich es so nicht gesagt, aber immer sagen wollen, jedenfalls in der Deutlichkeit, zum anderen brächte es nun auch nichts, wenn ich es getan hätte. – Nun kommt nämlich all das auf uns Blogger zurück, was so mancher in seiner Überschwänglichkeit und seinem Mitteilungswahn ja unbedingt in alle Welt hinausrufen musste. Vollkommen überzogene Erwartungen durch Vorankündigungen von digitalen Weltrevolutionen. Und Kämpfe, ja wahre Wort-Kriege, mit anderen Menschen, die zufälligerweise auch einer Tätigkeit nachgehen die ähnlich in der Handlung aussieht und auch im Ergebnis (jedenfalls im Internet) irgendwie vergleichbar sein könnte, aber das überhaupt nicht ist.

Was der Artikel vom Harald Staun in der Samstag-Ausgabe (hier der Link zum Online-Artikel bei faz.net, gedruckt in der FAS) nicht besser hätte auf den Punkt bringen können, ist die Ansammlung von den grundsätzlichsten und vielleicht wesentlichsten (Vor-)Urteilen über Weblogs, die nicht nur über die Weblogs herumgeistern, sondern zu großen Teilen auch von ihnen selbst provoziert wurden.

Seit Jahren revolutionieren Blogs jetzt schon die Medien. Warum nur merken wir davon nichts?“.


Die Kleinteiligkeit der Blogs („Bloggersdorf“), das Nischen-Dasein, die Streitigkeiten über die Charts, die Stöckchen-Mentalität (anschaulich belegt mit McWinkels Bauchschau) oder die interne und externe Diskussion über das Selbstreferentielle, das den Blogs inne wohnt.

»Die Revolution der Medienwelt, die von „Web 2.0“-Guru Tim O’Reilly spätestens vor zwei Jahren ganz offiziell verkündet wurde, scheint sehr mühsam erfochten werden zu müssen. Im Kampf Mann gegen Mann.«


‚Die Geister die ich rief, werd ich nun nicht wieder los‘, musste schon einst Goethes ‚Zauberlehrling‘ feststellen, und – man mag es mir nachsehen – insoweit sind Blogger auch noch bisweilen ‚Kommunikationslehrlinge‘, so naiv manche sich selbst zum medialen Narren machen und sich durch geringen Aufwand instrumentalisieren lassen. Und da reicht schon eine kleine provokante Aktion und man wartet ab, ein kleines Tingeln durch die einschlägigen Multiplikatoren-Blogs in den Kommentaren reicht da dann schon mal aus um sich der Aufmerksamkeit zu versichern. Zu denen, die der Naivität fröhnen, kommen noch die, die sich das ganze eh zu nutzen machen wollen, ob von außen oder von innen, und alle zusammen treiben die Weblogs derzeit vor sich her. Und ob das nicht schon schlimm genug wäre, sobald sich Widerstand organisieren will, wird selbiger von Anarchisten-aus-Leidenschaft unterwandert, die lieber sterben als sich zu formieren.

Nun hat man sie, auch wenn ich den FAZ-Artikel nur als kleines Beispiel nehme (der Grund-Kanon aber wird lauter), ‚die‘ Aufmerksamkeit, um die man immer buhlte. Und im Gegensatz zur Kakaphonie der Weblogs sind sich offenbar die Gegner »im Kampf Mann gegen Mann« weitaus einiger und treffen den entscheidenden Punkt: Konnte man die Weblogs schon nicht mundtot machen, dann lässt man sie eben reden, ja im Gegenteil. Man verstärkt noch ihre Stimme, einzelne, ausgewählte Stimmen, und überführt so die ganze Materie ob ihrer Bedeutungslosigkeit, ja ob ihrer Belanglosigkeit und Banalität. Kein Esprit, nein, nacktes Wühlen im Dunkeln der Tristesse menschlicher Alltäglichkeiten. Und noch nicht einmal sex appeal ob privater intimer kleiner Details aus dem Leben der Nachbarin, nein, Schmerbauchschau von Männern mittleren Alters. Für einen Lacher gut, mehr nicht.

Und wäre das noch nicht schon medial einfach, so gibt man ihnen auch noch Mikros in die Hand und publiziert ihre Aussagen, um sie einfach an der Realität mit Genuß zerschellen zu lassen. Keine Revolution ist passiert, wie Herr O’Reilly verkündete, kein Markt erschüttert, keine neue Kommunikation erfunden. – Einfach gewogen und für zu leicht empfunden, so das Zwischenfazit, das an den (selbst-)gestellten Messlatten gemessen auch zutreffend ist. Und ja, auch die re:publica durfte im Artikel nicht fehlen.

Man sollte einen Gegner nie unterschätzen, und gerade nicht, wenn man sich an ihren Fressnäpfen vergreifen will, sei es Aufmerksamkeit, Relevanz und Einfluß oder seien es nicht zuletzt die wirtschaftlichen Einnahmen. Und so werden Weblogs nicht mehr bekämpft im Stirn an Stirn, was sich auch nach anfänglichem Muskelspiel als Torheit und Eigentor entwickelte, sondern man besinnt sich auf seine gelernten Tugenden: die Kommunikation. Man überführt sie, ohne in Häme zu geraten oder triumpfierend zu wirken, für den Leser selbst in seinem Kopf. Man lässt den Leser die Antwort auf die Frage selbst finden: Wo seid ihr?
… und beginnt zu bedauern. Man selbst habe nun ja Hoffnungen gehabt und sehe nun, wie eine bessere Welt in den Tiefen des täglichen Alltags zu einer kommunikativen Grabbelkiste ohne Relevanz in der Breite verkommt. Amen. Wir waren alle ja so blauäugig. Wieder eine große Blase geplatzt.

Wir – und so ungern ich das „wir“ sage, doch bin ich wenn auch unfreiwillig ja mit im Boot, wie viele andere auch – haben uns das alles selbst zuzuschreiben. Statt mit Bedacht haben der Blutrausch der ersten Siege aus so manchem einen kleinen Hazardeur werden lassen. Zu einfach war zu erkennen, wie Klein-Bloggersdorf tickt. Wie einfach kleine Zuwendungen große Wirkung zeigen, wie leicht sie einzuschüchtern sind, wie sehr man sie in sich selbst verstricken kann. Stimmt.

Dieser Artikel fasst für mich das zusammen, was ich erst gestern wieder verbal beantworten musste auf die Frage: Weblogs kenne ich mittlerweile, aber sie interessieren mich nach anfänglichen Interesse nicht mehr. Und warum sollte ich, was ich fand gab mir nichts? Oder heute im beruflichen Gespräch mit Verweis auf diesen Artikel erst wieder: Man muss doch noch länger überlegen, ob das mit einem Corporate Blog Sinn macht. Haben Sie den Artikel in der FAZ gelesen?

Unsere eigenen Statements und nicht zuletzt auch unsere eigenen Rankings und Charts haben uns selbst ein Bild und einen Spiegel gegeben, und nun sehe sich das Ergebnis doch einmal auch vor dem Hintergrund dieses Artikels mit Ruhe und Nüchternheit selbst an. Was da steht, kann man so einfach nicht wegwischen. Dieses Bild beginnt in die Köpfe einzubrennen.

Als wirres.net einmal schrieb: Ich bin kein Blogger mehr, ich bin wieder eine Website. Habe ich das für einen sehr interessanten Gedanken, aber einen inhaltlichen Nonsense gehalten. Heute würde ich fast rufen wollen: Ich will auch raus hier. Raus aus dem Klischee, raus auf dem Topf.

Das Kernproblem für mich ist, dass es nicht gelang etwas kommunikativ zu platzieren, was den eigentlichen Charakter von Weblogs ausdrückt. Im Bemühen um Aufmerksamkeit wurden zu oft die gleichen Statements gebracht, die gleichen Leute zitiert. Dabei entstand ein Bild, das unwiderrufen seine Kreise ziehen konnte. – Widerstand zwecklos, ja sogar schädlich, denn als selbstreferentiell „enttarnt“.

Diese Runde geht nicht an Bloggersdorf, das ist klar. Doch das ist egal. Vollkommen zwecklos. Nutzlos und höchstens ein Aufschub. René sagte es ja so schön cineastisch: Wir sind gekommen um zu bleiben.

‚Wer‘ ‚wie‘ Weblogs und Bloggen einschätzt, welchen gigantischen Einflüssen man ihnen einmal zuschreibt, und wann. Ob gestellte Erwartungen erfüllt werden, oder nicht. Es ist alles eine Diskussion um des Kaisers Bart. Denn im Ringen um Bedeutung und Einordnung dürfen Don Quijotes und Weblog-Mühlen-Besitzer gerne weiter machen und am Ende verbrannte Erde hinterlassen oder es mögen alle zu Müllern werden. Ändern tut das alles nichts.

Denn Weblogs ’sind‘ nicht.

Es gibt keinen Sieg gegen etwas, was keine Form oder Materie hat. Wer Weblogs nur als technische Lösung, als Kommunikationsform mit Tagebuchcharakter ansieht, der kann dagegen vielleicht angehen, aber „Weblog“ steht synonym für etwas, um das es eigentlich wirklich geht: Um den Zusammenbruch der Strukturen der Kommunikationskanäle – ich betone: der Strukturen, nicht zwangsläufig der Kanäle selbst. – Wie auch immer es weiter gehen wird, es ist nun möglich zu reden und gehört zu werden. Jedem. Und damit bin ich auch bei meinem Eingangsstatement: Denn das ist der Unterschied: Ich kann reden! Ich kann es sagen! Ob in meinem Blog, oder in einem x-beliebigen Forum auf der ganzen Welt. Ich kann dafür sorgen, dass man mein Thesen lesen wird. Und dazu muss ich nicht die Empfangsdame bestechen, die meinen Beschwerdebrief sonst entsorgt, mehrseitige Anzeigen schalten, Journalisten umgarnen oder große Summen investieren. Wenn ich ein Produkt grottenschlecht finde, werden es andere Käufer erfahren, wenn ich will. Wenn ich gute Musik mache, werden es Menschen hören können auf der ganzen Welt. Und wir sind erst ganz am Anfang. Es sind nicht Weblogs, es ist dieses Internet. Und die Menschen beginnen seine Möglichkeiten zu entdecken. Sich zu entdecken. Andere. Aus anderen Kulturkreisen und sozialen Umfeldern. Dieser Einsturz dieser Barrieren ist im Kopf noch nicht vollzogen, daher gibt es noch kleinere Scharmützell über einzelne Ausdrucksformen. Doch das Bewusstsein wächst. Und niemand wird hier ernsthaft mir erzählen wollen, dass das nicht jedem klar ist, der sich damit beschäftigt.

Was sind Weblogs also wirklich?

Wenn man aufhören würde, diese Frage zu stellen, wäre man vielleicht einen ganz Schritt näher an der Antwort auf die eigentliche Frage, die man nur noch nicht formulieren kann, weil wir dafür noch keine Worte im Wortschatz haben um sie zu stellen.

&#160
Und mir geht es gut wenn ich das nun einfach en bloc runterschreiben konnte, in einer schönen halben Stunde von etwas, das ich Mittagspause nenne. Und du hast es gelesen.

&#160
Nachtrag:
Offenbar ist der Artikel nicht nur mir einen Kommentar wert gewesen. Auch Herr Knüwer drüben vom Handelsblatt sah sich genötigt [via] und auch fob »Ein dicker Patzer in Sachen Web 2.0« will das nicht unkommentiert lassen.