52. Eurovision Song Contest und die europäische Frage

Meine Frau sagte noch: Jetzt blogg ruhig mal, dass du den Eurovision Song Contest geguckt hast.
Darauf ich: Unterschätz‘ uns Blogger nicht, unsere Schamgrenzen sind bereits extrem niedrig.

Vielleicht doch zur Entschuldigung mein labiles Verdauungssytem ins Feld geführt, sonst wäre das wohl sicher nicht passiert. Aber ich fand das ja dann richtig interessant, wenn ich auch die Ergebnisse aufgrund komatösen Einschlafs nach der letzten Darbietung erst am nächsten Morgen erfuhr. Und das lästern, das hier ja zum Konzept gehört, ist auch äußerst kurzweilig.

Interessant war es aber auch abseits der musikalischen Darbietungen. Man ist ja schon gewohnt aus den 80ern mit Milli-van-Nillis bis Mordern Talking, dass der Massengeschmack nicht unbedingt jedermanns Sache ist – und so muss man die jeweiligen nationalen Voting-Ergebnisse eben so hinnehmen. Auch Deutschland hat sich ja lange schwer getan und rutschte bisweilen in fast peinlichen Klamauk à la Ukraine 2007, stellte nunmehr mit Max und nun auch Roger Cicero absolut Hörbares zur Wahl. – Die Ernüchterung folgte im Ergebnis: Gesamt-Platz 19. Doch was sagt uns das? Eine Frage der Qualität? Eine Frage des nicht massenkompatiblen Geschmacks?

Als ich mir so den Abend und den nächsten Tag mit einigen Rezensionen so ansah und durchlas, dann kam mir mittlerweile ein ganz fieser Gedanke auf. Was, wenn das nicht nur eine (gewollte und so konzipierte) europäische Lach-Nummern-Läster-Veranstaltung war, sondern ein Spiegel dessen, was uns in einer europäischen Gesamt-Demokratie erwarten würde? Wenn sich Gruppierungen (wie einst damals schon bei Guildo in Deutschland im Kleinen) formieren, wenn ganze ethnische Gruppen oder Länder solidarisieren um jenseits des Zweckes von Veranstaltung oder Verfahren sich Solidarität zu geben und zu versichern.

Was, wenn das, was hier – meiner Meinung nach – zu sehen war, nicht nur ein Ergebnis eines Populär-Musik-Contests ist, sondern ein Spiegel der aktuellen EU. Und in dem Sinn ‚Wehe, wenn die offene Demokratie losgelassen‘. Und Kernländer, wie im Eurovision Song Contest die EBU-Geldgeber Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien, nur deshalb „unabsteigbar“ respektive „gesetzt“ sind, weil sie eben Haupt-Geldgeber sind.

Man mag aus diesem kleinen Fernseh-Spiel nun keine europäische Frage aufwerfen noch will man Grenzen schaffen, wo man Grenzen gerade abbauen will. Aber vielleicht ging es nicht nur mir so, dass der diesjährige Contest neben vielen Lachern und einem pikierten „Cicero war musikalisch doch eines der besten, ihr habt doch alle keine Ahnung“ ein mulmiges Gefühl hinterließ. Die „dunkle Ostblock-Bedrohung“ reloaded, nun eben demokratisch.

Das mag eine überzogene Interpretation sein, mir dünkt allerdings, dass ich dieses ‚Gleichnis‘ nun öfter in der politischen Populismus-Diskussion zitiert hören werde.

Musikalisch fand ich übrigens neben Cicero überraschenderweise drei kleine Highlights für mich. Die finnische Darbietung (Hanna Pakarinen – „Leave Me Alone“) war mir zwar ein wenig zu theatralisch und der Reim „leave me alone, i wanna go home“ ein bisschen trivial, erinnerte mich musikalisch aber wohltuend an Indie/Gothic der 80er. Die ungarische Janis Joplin (Magdi Rúzsa – „Unsubstantial Blues“) fand ich unglaublich authentisch und ein Blues ganz nach meinem Geschmack. Und mein Highlight dann der Beitrag Georgiens von Sopho Khalvashi „Visionary Dream“, die mich in der Tat an Björk oder die Sugarcubes erinnerte – der Seitenhieb des SPON auf einen Mireille Mathieu-Charme kann ich so gar nicht teilen. Die Kosaken im Hintergrund mag man als landesspezifischen Tribut hinnehmen. Aber da könnte ich mir vorstellen, mir eine Platte von zu kaufen.

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