Kunst der Dialektik

Wer es hat, der kämpft mitunter selbst damit. Wer es nicht hat, der versteht die, die es haben, überhaupt nicht und hält sie für schizophren.

Als ich in der 9. Klasse nach einer Doppelstunde Deutsch raus in die Aula ging, umringten mich einige meiner Mitschüler. Ich stand gerade eben im Unterrricht allein gegen 20, eine Diskussion um Bundeswehr, ich als einziger pro Bundeswehr. Ich stand es durch. Danach fragten mich alle, ob ich denn bescheuert sei. Und ich sagte, es wäre mir egal, und natürlich sei ich grundsätzlich gegen Wehrdienst. Jahre später habe ich dann übrigens verweigert. Der Lehrer gab mir nach der Stunde eine Eins.

Bescheuert? Eine Meinung vertreten, die man gar nicht hat? Nein, Dialektik.

Dialektik wird ausdrücklich an das Gespräch (den Dialog) gebunden. Sie meint eine Kunst der Gesprächsführung, die, so betont Platon gegen die Sophisten, im Dienst der Sache steht. Die “Kunst” der Sophisten dagegen, jeder beliebigen Meinung zu widersprechen oder jede beliebige Meinung zu “beweisen”, bestehe nur in Wortspielerei (Eristik). Dialektik ist für Platon eine Methode, Positionen zu problematisieren und schließlich durch die Bewegung des Gesprächs zwischen den Teilnehmern (Frage-Antwort) den Widerstreit der Meinungen zu überwinden; sie ist der Weg zur Erkenntnis der Wirklichkeit (der Ideen).
Quelle: Die Dialektik

Sich eine Meinung zu bilden ist oft nicht einfach. Manchmal brauchen wir auch Meinungsführer, denen wir uns anschließen können. Manchmal gefällt uns auch einfach ein Image. Aber wenn man auch der Suche nach der eigenen Meinung ist, der eigenen Überzeugung, dann müsste man oft zugestehen, dass man die Meinung des anderen eigentlich auch sehr gut teilen könnte, manchmal fehlte da eigentlich gar nicht viel.

Pro Bundeswehr zu sein, das war in der Tat eine Übung der 9ten Klasse. Zu einfach, sich auf eine Handvoll wirklich wichtiger Argumente zu stützen, die die Existenz und Notwendigkeit rechtfertigen. Es kommt nur darauf an, um überzeugend zu sein, dass man diese Argumente einmal offen und ohne Scheu an sich heranlässt. Einmal ungefiltert sich in die Lage und Ausgangssituation eines anderen zu versetzen. Seine Motive, seinen Background zuzulassen als legitim und daraus sich eine These zu entwickeln. Es ist eigentlich ganz einfach. Überzeugend gelingt es nur, wenn man dazu veranlagt ist.

Um die Dialektik rein aufzustellen muß man, unbekümmert um die objektive Wahrheit (welche Sache der Logik ist), sie bloß betrachten als die Kunst Recht zu behalten, welches freilich um so leichter seyn wird, wenn man in der Sache selbst Recht hat. Aber die Dialektik als solche muß bloß lehren, wie man sich gegen Angriffe aller Art, besonders gegen unredliche vertheidigt, und eben so wie man selbst angreifen kann, was der Andre behauptet, ohne sich selbst zu widersprechen und überhaupt ohne widerlegt zu werden. Man muß die Auffindung der objektiven Wahrheit rein trennen von der Kunst seine Sätze als wahr geltend zu machen: jenes ist die Sache einer ganz andern “poagnateia” pragmateia [Betätigung], es ist das Werk der Urtheilskraft, des Nachdenkens, der Erfahrung, und giebt es dazu keine eigene Kunst: das 2te aber ist der Zweck der Dialektik.
Quelle: rhetorik-netz.de

Extrema in Weblogs. Manchmal reibt man sich die Augen, so unterschiedlich können Thesen in Blogs vertreten sein. Geschieht dies in einem einzigen Blog, dann wird schnell der Ruf nach “Fähnchen im Winde” laut. Zu Recht bisweilen. Doch sollte man das nicht pauschalieren und sich die suchen, die ungefiltert laut und dialektisch denken. Mir eigentlich sogar viel zu wenig. Ich denke es gibt mehr Dialektiker unter den Bloggern, als man dies erkennen kann. Schade eigentlich, aber auch ich mag manchmal lieber konform bloggen und spar mir zu kontroverse Beiträge.

Pro Werbung in Weblogs zu sein – oder strikt dagegen … nur als Beispiel … das ist doch einfach zu vertreten. Beides, und beides mit Überzeugung.
Wer beginnt und zulässt, dass eine andere Meinung nicht nur denkmöglich ist, sondern auch – durch minimal Veränderungen der eigenen Parameter – die eigene sein könnte, der lässt eine differenziertere Betrachtungsweise zu. Das nimmt nicht die Kraft der Diskussion, nein, es hinterfragt sogar noch schärfer, entzieht dem Disput aber die emotionale Verachtung, die man dem anderen entgegenbringt, weil das Unverständnis entfällt. Eine Versachlichung und ein Respekt fehlt mir gerade im Zusammenhang mit dem genannten Beispiel oft.

Meinungen geraten zu oft zu emotionalen Grundsatzentscheidungen, verbinden sich mit einem Geflecht aus Überzeugung und vermeintlicher innerer Werte. Mit der Diskrepanz, mit der eigenen Meinung dann Wochen oder Jahre später zu brechen und eine neue zu vertreten, leben viele dann, indem sie jegliche Verantwortung für ihr eigenes Handeln und Denken davor nicht mehr übernehmen und es schlichtweg versuchen zu ignorieren. Eben der Klassiker “was kümmert mich mein Geschwätz von gestern”.

Jedoch hat selbst diese Unredlichkeit, das Beharren bei einem Satz der uns selbst schon falsch scheint, noch eine Entschuldigung: oft sind wir anfangs von der Wahrheit unserer Behauptung fest überzeugt: aber das Argument des Gegners scheint jetzt sie umzustoßen: geben wir jetzt ihre Sache gleich auf; so finden wir hinterher, daß wir doch Recht hatten: unser Beweis war falsch; aber es konnte für die Behauptung einen richtigen geben: das rettende Argument war uns nicht gleich beigefallen. Daher entsteht nun in uns die Maxime, selbst wann das Gegenargument richtig und schlagend scheint, doch noch dagegen anzukämpfen, im Glauben daß dessen Richtigkeit selbst nur scheinbar sei, und uns während des Disputirens noch ein Argument jenes umzustoßen oder eines unsre Wahrheit anderweitig zu bestätigen einfallen werde: hiedurch werden wir zur Unredlichkeit im Disputiren beinahe genöthigt, wenigstens leicht verführt.
Quelle: rhetorik-netz.de

Dialektisch zu denken ist manchmal für einen selbst verwirrend. Zu sehr springt man im Kopf bisweilen von einer Position in die andere. Kritiken gehen einem zu nahe, weil man sie im doppelten Sinne hinterfragt: Hat er meine Position verstanden, greift er mich trotzdem persönlich an? Warum greift dieser Mensch über das Thema hinaus meine Person überhaupt an? Hat er nicht meine Argumente verstanden? Wollte er sie nicht verstehen? Geht es ihm gar nicht um Argumente? Geht es ihm nur darum seine Position zu verteidigen? Tut er es mit allem was er hat, weil er seine Argumente nicht ‘nur’ intellektuell versteht, sondern sie mit seiner ganzen Persönlichkeit verbindet und er es deswegen auch bei mir so sieht und daher für legitim hält, seine Meinung mit Angriff auf meine Person zu verteidigen?
Viele Fragen, die schon in persönlichen Gesprächen oft nur schwer in der Hitze von Wortgefechten aufzulösen sind, noch schwerer in der Rhythmik von Artikel und Kommentaren.

Zudem werden viele auch einfach überschätzt. Man misst Dummschwätzern zu viel Bedeutung bei. Leute, die zwar eine vermeintlich gute Schreibe haben, aber in Wahrheit weder in der Lage sind dialektisch zu denken noch Überzeugungstäter sind. Das sind die Schlimmsten, die uns allen die Zeit rauben.

Na ja, mal so eingeworfen. Wahrscheinlich wieder so ein Posting mehr nur für mich.