Die gute alte Presse: Tabloid – Schönheits-OPs einer alternden Diva

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Die Frankfurter Rundschau nun also im neuen Gewand, werblich gern als ‚handliches Pocket-Format‘ bezeichnet – oder eben schön neudeutsch als ‚Tabloid-Format‘.

Nun bin ich aus der aktiven Zeitungsleser-Fraktion ca. vor 7 Jahren ausgestiegen und schon komplett ins Netz gewandert (wen wunderts bei mir…), aber zum Format fallen mir spontan schon ein paar Dinge ein, z.B. warum man das Großformat (sog. norddeutsches Format) überhaupt jemals gut fand? Für mich war das immer total unhandlich und weder am Frühstückstisch, noch in Bus/S-Bahn oder am Klo zu gebrauchen. Die Umstellung also irgendwie längst überfällig, wobei man auch bei dem Format jetzt noch für meinen Geschmack einen Tick zu groß ist – aber das sind Marginalien.

Das Ganze unter dem Schlagwort Tabloid zu verkaufen ist zudem etwas „unglücklich“, wird der Begriff »Tabloid« im englischen Sprachraum ja synonym für »Boulevardzeitung« verwendet. Nomen est omen – über die allgemein Boulevardtendenz der klassischen Medien on- und offline klage ja nicht nur ich.

Die Format-Umstellung ist aber für mich insgesamt ein Art ‚Facelift‘, wie man das gern bei Autos vornimmt, die bereits lange auf dem Markt sind und durch die kleine Modell-Auffrischung noch einmal ein bisschen Schwung in den Absatz gebracht werden soll – während das Nachfolgermodell längst in den Startlöchern steht. Also keine echte technische oder konzeptionelle Überarbeitung, sondern ein paar Design-Retouschen, gern flankiert von „Sondermodellen“ mit verbessertem Ausstattungspaket etc. pp.

Die Tagespresse ist für mich – und das sage ich nun nicht speziell als Blogger, denen man eine Dauerfehde mit dem Journalismus gerne andichten würde – längst dem Tode geweiht, jedenfalls in der gedruckten Form und mit den aktuellen Inhaltskonzepten.

Früher galt der Satz: „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern.“

Doch heute wissen wir: „Nichts ist älter als die Zeitung von heute.“

Multimediale Formate haben diverse Vorteile, wie Videoeinblendungen, Bewegtbilder, User-spezifische und angepasste Contents, aber das alles ist Geschmacks- und Gewöhnungssache. Der eigentliche Fallstrick für die gedruckte Presse ist, dass sie im Moment der Erscheinens in vielen Fällen schon wieder überholt ist. Das trifft im Besonderen auf top-aktuelle Ereignisse wie Krisen- oder Kriegsberichterstattung zu, aber auch in der Rückbetrachtung auf Ereignisse (wenn auch da nicht so evident), denn auch da gibt es vielleicht neue Erkenntnisse oder neue Statements. Multimediale Online-Formate sind einfach im Zweifel live – und aktueller als live geht nicht.
Das sind Killer-Argumente, dessen sind sich alle Beteiligte sicher bewusst.

Auch wenn man nun mit dem Kopf schüttelt und sagt: Wer will sowas schon am Bildschirm lesen, der denkt für mich zu kurz.
Erstens sind wir technisch noch nicht ganz soweit – wenn auch schon nahe dran -, dass alternative Trägermaterialien massentauglich werden. Und dazu gehören dann vielleicht Projektionsmöglichkeiten (Beamer im Kleinstformat) auf beliebige Flächen oder auch flexible fast papierähnliche Monitore, die man einrollen oder falten kann um sie in die Tasche zu stecken.

Zudem sollte man nicht vergessen, dass die Generation – die Menschen, die gerade Erwachsen geworden sind -, schon die ersten sind, die bereits von Kindesbeinen an an Monitore gewohnt sind und das Lesen daran kennen gelernt haben. Die nächsten Generationen werden das noch weit mehr in Fleisch und Blut haben.

Was mir fehlt – und da noch mal zurück auf das Auto-Beispiel – ist das neue Modell, das bereits in den Startlöchern steht. Ich sehe kein Konzept oder die Diskussion drüber (da wird im TV-Bereich schon lauter drüber nachgedacht).

Die Online-Ableger der großen Zeitungen scheinen sich momentan mehr (wie schon erwähnt) auf dem Boulevard wiederzufinden. Was auch nicht verwunderlich ist, ringt man nun nicht regional mit einer Handvoll anderer Regional- oder überregionaler Zeitungen, sondern immer sofort national, wenn nicht sogar global um den Leser. Dieser Leistungsdruck begleitet von einer schier gnadenlosen Auswertbarkeit und Messbarkeit ist das Ende jeder Beschaulichkeit, die man gern einer klassischen Lokalredaktion nachsagte.

Wo also sind die Alternativen für die Zeitungen? Viele sagen es wäre der sogenannte Qualitätsjournalismus, doch der gerät zunehmend eben in die Bredouille zwischen den Zwängen des Massen-Erfolgs (also doch wieder Boulevard) und dem Kostendruck.

Ich bin ja mal gespannt. Aber ich glaube, ich erlebe noch das Ende.