Bloggersdorfer Werbe-Sautreiben

Foto © Endl 2007 - Leider war nur die Wildsau zur Hand

Sautreiben gilt in Bloggersdorf ja zu den Axiomen, so wie Stöckchen-Werfen oder Katzen-Content. Gemeint ist dabei wohl die Bedeutung: »etwas lautstark zum Thema machen; viel Aufregung mit einer Nachricht erzeugen« (redensarten-index.de). Bisher galt die Aufmerksamkeit eher denen da draußen, den Unternehmen, der Presse, den klassischen Medien. Doch spätestens seit dem Beginn der Vermarktung von Blogs ist das vorbei. Und eigentlich ja auch ganz praktisch, verbindet es ja den Hang zum selbstreferenziellen, der den Bloggern nachgesagt wird, mit diesem ‚beliebten‘ Sport. Zudem ist die Recherche einfach, meistens reicht Google und Technorati um alle Quellen zu erschließen und die Protagonisten sind redselig und leicht zu Stellungnahmen zu motivieren/provozieren.

Worum geht es eigentlich? Die Werbung und die Unternehmen entdecken die Weblogs als Markt – spät, aber nicht weiter verwunderlich, dass das passiert. Weblogger wiederum entdecken ihre Weblogs als Einnahmequelle – die einen sehen das eher dann als Sport, die anderen interessiert das als Praxisbeispiel am lebenden Objekt aus beruflichen Gründen, andere sind schlicht geldgeil und manche wollen damit ernsthaft eine Existenz darauf gründen, die ihnen erlaubt unabhängig zu bleiben und ihr Hobby sprichwörtlich zum Beruf zu machen. – Dem nun steht eine durchaus ebenbürtige Front entgegen, die der Werbung kategorisch die kalte Schulter zeigen, oft aus Idealismus, manche sind auch nur Trittbrettfahrer weil ‚dagegen sein‘ en vogue ist.

Grundsätzlich also eine gesunde Mischung verschiedener Ansichten und dabei könnte man es bewenden lassen, sobald alle Argumente ausgetauscht sind, oder eben sachlich weiterführen, wenn einem danach ist und genügend Leser das noch interessiert. Was mir allerdings nicht gefällt ist, wenn Personen persönlich angegangen werden, ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird und – nach meinem persönlichen Empfinden – Populismus betrieben wird.

Aktuelles Beispiel F!XMBR mit dem Artikel adical – Blutblogging reloaded

Einen Zusammenhang herzustellen zwischen chinesischen Dissidenten, Yahoo!, der Werbeplattform adical und zu guter letzt dann noch den an adical beteiligten Blogs halte ich für absurd. Aber absurd ist harmlos, es ist eben für mich Populismus im Sinne von „ein Thema, eine Ansicht, um jeden Preis nach vorne zu bringen um damit seine Ziele zu erreichen“. Dabei bedient man sich dann eben auch gerne solch zitierter Zusammenhänge und konstruiert publikumswirksame Schlußfolgerungen. Das finde ich einfach nicht in Ordnung, sowohl in der Sache als auch für die Beteiligten. Hier wird die in den Weblogs so gelobte Diskussion karikiert.

Versucht man dort auf diese Ansicht hinzuweisen wird man kategorisch abgebügelt. Diskussion über andere, ja, sich selbst zur Diskussion stellen, nein.

Hier ist alles gut. Über die Art der Kritik wird hier nicht weiter diskutiert, über die Kritik selbst gerne. Wenn es nicht gefällt, gebe ich wie immer den Hinweis, F!XMBR aus den Favoriten löschen.

Keine Frage, die Diskussion ist zu führen, gerade wenn ich auch an die Problematik rund um trigami und die Spammer (siehe auch hier) denke, wo ich bedaure mich auch beworben zu haben für eine Rezension, das nun auch aus politischen Gründen nun nicht mehr machen würde – aber die Bewerbung ist eben verbindlich. Andererseits habe ich auch kein Problem eine Rezension zu schreiben, denn im Gegensatz zur vertretenen Meinung sehe ich mich nicht als Handlanger des Bösen, wenn ich einen Bericht schreibe, eine Dienstleistung nutze oder für eine Firma werbe, die im Zusammenhang mit umstrittenen Aktionen bekannt ist. Natürlich sensibilisiert das, und hätte ich die Diskussion gekannt, hätte ich mich vielleicht eben nicht beworben, aber sind wir doch mal ehrlich: 1. Nicht jeder Yahoo!-Nutzer ist doch deswegen am Schicksal chinesischer Dissidenten verstrickt und 2. für welche Firma ab einer gewissen Größe kann man denn noch seine Hand unbedenklich ins Feuer legen. Dann sollten wir Blog-Eremiten werden. Bliebe dann die Frage, ob man dann noch einen technischen Dienstleister findet, der einen Persil-Schein hat.

Wie gesagt, die Diskussion ist im einzelnen zu führen, aber sachlich und ausgewogen. Personen, Firmen oder Blogs zu brandmarken bringt uns auch nicht weiter. Aber manche brauchen wohl einfach ein Adrenalin-Ventil in ihrem Leben.

Übrigens: Das Sautreiben ist historisch wohl anders zur Redewendung geworden. Ich zitiere aus der Website des Baseler Zoo:

Dies geht auf die mittelalterlichen Festspiele und später auf die Schützenfeste zurück. Die Sieger dieser Wettbewerbe wurden jeweils mit wertvollen Preisen beschenkt, während man jeweils dem Letztplatzierten eine Sau überreichte. Dieser Preis war damals wenig beliebt und man hat sich dafür geschämt. Das Schwein wurde nämlich unter mit Hohn gespickten Glückwünschen unter der Spottfahne übergeben. Der Preisträger wurde danach aufgefordert, sein Schwein durch die johlende Menge nach Hause zu treiben. War der Preis nur ein kleines Ferkel, so versuchte der Gewinner dies ganz heimlich unter seinem Ärmel versteckt unbemerkt Heim zu tragen.

Und genau das passiert in meinen Augen – ohne das Zitat nun wörtlich umgemünzt sehen zu wollen. Die Aufmerksamkeit der Masse ist kein Staunen und Applaudieren, es ist die nackte Schadenfreude, Hohn und Spott – und zwar für Sau und Treiber.

Ich erwarte mir nun auf dieses Posting wahrlich kein sentimentales „du hast ja so recht“ mit anschließendem tränenrührigen Versöhnen der Parteien. Dieser Artikel richtet sich eher an die gemäßigte Front und auch Außenstehende, damit mal klar wird, dass es in Bloggersdorf nicht zwei gespaltene Lager gibt oder Sautreiben zum guten Ton gehört. Die Mehrzahl der Blogger sind differenziert und lassen sich nicht unter einen Hut oder in eine Schublade bringen. Nur weil laut geschrien wird, muss es nicht heißen, dass der was Wichtiges zu sagen hat, der schreit. Aber – wie man sieht – es funktioniert, man fühlt sich genötigt Stellung zu beziehen. Leider.

Nachtrag/Update: Soeben habe ich bei trigami insbesondere vor dem Hintergrund der in der Tat unklaren Rechtslage um Stornierung meiner Bewerbung gebeten.

Nachtrag/Update: Meinen Wunsch wurde entsprochen. Man äußerte sich zwar nicht in der Sache (verständlich), zeigte aber Verständnis für Meinungen.