Ein Däne der auszog uns Deutsche auf den rechten Pfad zu bringen

Troels R. Klausen - Die Selbstlähmung DeutschlandsDa schreibt mich ein Däne an, ein Troels R. Klausen, und fragt mich, ob ich ein Exemplar seines Buches haben mag. Na ja, sag ich, warum nicht?

Ein ‘witziger’ Däne, der ein provokantes Buch mit Titel ‘Die Selbstlähmung Deutschlands‘ schreibt, das klingt doch spontan gar nicht so schlecht. Und so schmökerte ich mich dann auch durch. Und so nen Monat später war ich dann auch durch.

Das war nun so alles März mit April, aber ich wollte doch das Feedback und den kleinen Dialog gern noch hier posten, fand den nämlich ganz interessant.

Ich poste hier – natürlich mit Troels abgesprochen – mal mein Feedback an ihn nach dem Lesen und dazu auch (eingerückt) seine wesentlichen Anmerkungen darauf.

Hallo Troels

also ich fand das Buch lesenswert, weil es auch einfach eine lustige Idee transportiert: Ein Däne kritisiert Deutschland. Das hat mich gleich angesprochen.

Inhaltlich hab ich manchmal mit mir gerungen. Einfach weil es manches mal genau richtig und treffend ist, wenn man ein Thema so verkürzt darstellt, manches aber sofort auf inneren Widerstand stößt. Und das noch nicht mal im Ergebnis, in der Aussage, aber im Wissen, dass es dann doch zu komplexe Dinge sind, die man so viel zu sehr “banalisieren” würde.

Troels: Im Prinzip hast du Recht, aber nimm mein Beispiel mit meinem Bussgeld auf A7. Warum um Gottes willen bekomme ich 2 Wochen später die Briefe? Muss dass sein? Ist es schwierig das zu ändern? Manchmal kann man sich auch hinter Thesen wie “Ist doch alles sooo kompliziert, lassen wir es lieber” verstecken.

Das ist auch an manchen Ecken mein Problem stilistischer Art gewesen: Dieses “ich hau da jetzt mal 5 Punkte am Tisch, dann wird das schon” erinnerte manchmal an Diskussionen an lauen Abenden im Freundeskreis (von manchen boshaft “Stammtisch” genannt – auch ein typisches deutsches Phänomen übrigens).

Troels zu “Stammtisch”: mit dem Begriff habe ich auch meine Probleme, das gebe ich zu. Das wird – tur mir leid Alex, aber das ist mein fester Eindruck – zu oft dann eingesetzt, wenn die Argumente dünn werden. Ich bin für weitgehende Meinungsfreiheit, auch die der Hohlköpfe, von denen ich gar nichts halte. Apropos. Bist du für Volksabstimmungen auf Bundesebene?

Mir wäre da manchmal “weniger” “mehr” gewesen – statt das nahe liegende auszusprechen hätte man es im Raum stehen lassen können, damit sich der Leser die Antwort dann selbst gibt. Das wäre vielleicht sogar eindringlicher gewesen.

Troels: Den Tipp habe ich mir notiert!

Ich würde das alles gern – vielleicht auch noch ein wenig ausführlicher zu einzelnen Punkten – in meinem Blog schreiben, wenn du nichts dagegen hast.

Troels: Nicht das Geringste!! Bitte!

Mir gefällt es, wenn man nicht nur große Töne spuckt, sondern auch mal den Mut hat sich angreifbar zu machen und ein Buch zu schreiben, in dem man seine Thesen vertritt. Wir Blogger tun das ja auch täglich irgendwie. Nimm meine Kritik also bitte nicht persönlich, ich hoffe du hast sogar auf Kritik gewartet. Aber Lob gibt es natürlich aber auch, denn viele Punkte triffst du schon sehr gut, gerade was manchmal unser Drang nach Bürokratisierung angeht. Allerdings bin ich mir gar nicht mal so sicher, ob die Schranken noch im Kopf der Deutschen sind, denn allein die Frage muss ja gestattet sein: Wer ist denn Deutscher?

Troels: Da hast du Recht!

Wir hier in Frankfurt haben einen Ausländeranteil von 25 % mit denen wir alle zusammen leben und uns gegenseitig beeinflussen und prägen – viele Deutsche haben Verwandte oder Wurzeln im “Ausland”. Wir leben mit Touristen und sind Touristen, andauernd, irgendwo. Lesen internationale Literatur und werden ebenso davon beeinflusst wie durch die internationalen Medien. Das Bild des klassischen Deutschen ist vielleicht gar nicht mehr zeitgemäß, weil es DEN Deutschen gar nicht mehr gibt (jedenfalls nicht mehr in einer gesellschaftlich prägenden Relevanz). Und dennoch stimmen offensichtlich viele der alten Vorurteile gegenüber Deutschen noch – bleibt die Frage “warum?” Vielleicht weil wir den alten Schienen nicht entfliehen können.

Troels zu Vorurteile: … manches sind Vorurteile, manches nicht. Ich bilde mich eine Ahnung über Deutschland zu haben nach mehr als 20 Jahren mit und unter euch, und es gibt klare Haupttendenzen! Aber klar trifft das bei weitem nicht auf alle zu!

Vieles der Bürokratie hat sich so verkompliziert und verselbstständigt, dass man gar nicht mehr weiß wo man was ändern kann, ohne an anderer Stelle damit Chaos zu verursachen.

Troels: Neugliederung der Bundesländer als Beispiel: Warum ist das so schwierig??

Viele der aktuellen Reformen haben das ja gezeigt, dass man eine Sache änderte, den Irrsinn aber damit an 5 anderen Stellen auslöste. Wir sind in manchen Punkten gefangen in unseren eigenen Regeln, ein unentwirrbares Geflecht aus Beziehungen und Verflechtungen – und die EU macht das alles sogar noch schlimmer. Das ist sicher auch der Grund, warum viele nach den radikalen Reformen rufen – aber vielleicht um dann zu erkennen, dass es die gar nicht gibt, geben kann. Das birgt übrigens auch eine große Gefahr für die Stabilität einer Demokratie …

Troels: Lese ich zwischen den Linien hier eine Angst für Zustände aus der Weimarer Republik? Ich denke, eure Demokratie ist gefestigt und weiss sich zu wehren.

Das Beispiel, dass du auch oft zitierst, Jürgen Klinsmann, hätte ich letztes Jahr auch gern jedem zugerufen. Aber tatsächlich war es auch diesbezüglich ein “Sommertraum”. Klinsmann ist zwischenzeitlich als Sportmoderator bei arena unter Vertrag und viele zwischenzeitlich bekannt gewordene Hintergrundinfos zeigen, dass das Klinsmann-Wunder auch nur für ein Projekt getaugt hat und hätte, weil bspw. bestimmte Medien für diese Zeit einmal die Waffen ruhen ließen und lieber auf den Hype aufsprangen. Hätte Klinsmann weitergemacht, wäre er von den Medien, dem Verband und wohl auch den Vereinen zermürbt worden. Zudem hätte er die Euphorie – und ich denke das erkannte er selbst – nicht halten können. Und viel Kritik wäre auch berechtigt gewesen, denn vieles war tatsächlich ein Hype von Klinsmann, und der eigentliche Arbeiter im Hintergrund ist zwischenzeitlich zu Recht Bundestrainer.

Troels: Wer ist wichtiger für eine Fussballmannschaft: Der Stürmer, der das Tor Trifft, oder der Mittelfeld_Wühler? Unmöglich zu beantworten, aber ich lese zwischen den Zeilen, dass du enttäuscht von Klinsmann bist. Du nennst es Hype, stark negativ geladen, mehr schein als sein. Ich gebe dir hier nicht Recht, Klinsmann war genau der richtige Mann an richtiger Stelle, und wer weiss, ohne ihn, hätte es den Umbruch und das Umdenken beim DFB vielleicht gar nicht gegeben. Wer weiss, ob Löw die Reformen hätte durchboxen können? Ich glaube nicht, und damit profitiert Löw auch in hohem Masse von Klinsis Arbeit, und umgekehrt klar. Klinsi hat mental eine Menge bewirkt, das sage ich klipp und klar, das ist mein fester Eindruck, und dazu stehe ich heute noch 100%. Er hat für eine Stimmung gesorgt, und das kann kam ihm gar nicht hoch genug anrechnen.! Denn manches beginnt halt im Kopf, Wirtschaft besteht laut klugen Köpfen zu 50 % aus Psychologie! Kurz: Beim Thema Klinsmann, siehst du meiner Meinung nach seine Person zu kritisch.

Also doch noch ein etwas längeres Feedback geworden, was ja auch zeigt, dass dein Buch zum Nachdenken über bestimmte Aspekte noch einmal im Besonderen anregte.

Troels: Das freut mich: Eines ist klar: Ich verstehe, was du schreibst, und du hast schon Recht: Ich generalisiere und vereinfache. Ich räume es ein! Ich bin nicht so blöd und erkenne manchen Nuancen nicht. Aber ich wollte kein akademisches Werk schreiben, davon gibt es genug. Ich wollte ein kurzes, leicht lesbares und humorvolles Werk schreiben, das vielleicht auch von “Wenig-Lesern” gelesen wird. Ich versuche es mit Witz zu tun, und spiele nicht den Oberlehrer, der alles besser weiss. Hoffe ich zumindest nicht.

In Dänemark gibt es eine Redewendung: Følg ham der søger sandheden, og pas på ham, der siger han har fundet den. Soll heissen: Folge dem Mann, der die Wahrheit sucht, und pass auf den Mann auf, der behauptet, er hat sie gefunden!!

Ich habe sie nicht, aber ich suche sie, ich interessiere mich für die Gesellschaft, auch die deustche, ich gebe meinen Senf dazu, ich wähle eine Partei aus der Mitte, ich spende Blut, ich habe ein Patenkind in Afrika, ich sammle ab und zu Geld für die Cancersache etc. Kurz: Ich versuche mich zu engagieren, und im Kleinen bei den wichtigen Sachen einen Unterschied zu machen und bringe mich ein. Denn du hast Recht: Es gibt genug, die im Hinterkopf analysieren. Wer veränderungen will, muss sie leben. Ich könnte wie die meisten mehr tun, keine Frage. Ich hoffe, dass ich mit dem Buch einen winzigen Beitrag zur Diskussion leiste. Und wenn die Leute beim Lesen ab und zu schmunzeln oder lachen, dann bin ich glücklich. Denn eines ist klar: Wir sollten uns alle nicht so ernst nehmen. Gäbe es weniger Leute, die sich so ernst nähmen, sähe die Welt besser aus.!.

 
Einige Anmerkungen von Troels habe ich weggelassen, der Lesbarkeit halber. Im Wesentlichen Zustimmungen oder Bekräftigungen.

Warum ich das alles poste? Zum einen weil ich dem Autor den Gefallen gern tue auf sein Buch hinzuweisen (Link zur Bestellmöglichkeit), zum anderen weil Germany-Bashing vor allem durch die Deutschen selbst ja immer en vogue ist (typisch deutsch ist ja selbst für Deutsche fast ein Schimpfwort), da ist so eine Blick von draußen, vor allem wenn er ehrlich und gut gemeint ist, eigentlich willkommen.

Ich habe über das Thema dann tatsächlich länger nachgedacht und mir wurde für mich leider immer bewußter, wie schön es wäre, wenn die wohlgemeinten Ratschläge von Troels – egal ob man denen nun im einzelnen zustimmt – helfen würden. Allein mir fehlt der Glaube. Ich glaube sogar, dass die Verdrossenheit über das politische Establishment und das bürokratische und juristische und nicht zuletzt wirtschaftlich oritentierte System nicht durch Einfluß von außen reformiert wird, sondern nach außen wirkt, also um sich greift und Europa und die globalisierte Welt mehr und mehr bestimmen wird. Warum? Weil das Establishment gar kein Interesse daran hat, etwas zu ändern und von unten keine Gegenwehr bei der Masse vorhanden ist – jedenfalls solange es halbwegs genug zu Essen und Unterhaltung gibt. Jedes Aufbegehren von unten – wie in Frankreich – scheint im Ergebnis nur noch mehr in die falsche Richtung zu führen, die Gegenreaktion – wie auch auf die terroristischen Akte – führt zu einer noch zunehmenderen Bürokratisierung und Überwachung und Kontrolle. Kaum Vertrauen mehr in die Fähigkeit einer demokratisch legitimierten Regierung die Probleme zu lösen – so ermittelte das vor kurzem mal eine Studie, wie ich mich zu erinnern meine – unter 50 % der Befragten. Aus Desinteresse an Politik und Protest wurde Verdrossenheit und Abwendung. Und ja nicht nur bei mir:

Aus dem Jaaa Blog:
Früher, im SoWi-Unterricht (oder war es Politik? Egal.) haben wir mal die Debatte geführt, ob die Politikverdrossenheit nicht vielmehr eine Politikerverdrossenheit ist. Damals haben die meisten von uns zugestimmt. Keiner von uns hat die Menschen “an der Spitze” ernst nehmen können, weil wir sie (selbst als unerfahrene Schüler) größtenteils schon für Schwätzer hielten — aber dem System der Politik, der Demokratie an sich, haben wir vertraut, ihm Chancen eingeräumt, besser zu werden, wenn denn die Menschen dahinter besser würden.

Heute fällt es mir nicht nur schwer das noch zu glauben — ich kann es nicht mehr. Und das liegt leider nicht an einzelnen Politikern, die einem klar machen, wie wenig sie der einzelne Andere interessiert. Es liegt nicht an einem Edmund Stoiber, der hier in Dormagen mal auf einen Zwischenruf öffentlich erwiderte: “Ihre Meinung interessiert mich nicht.” Es liegt nicht an Gerhard Schröder, an Angela Merkel, Söder, Schäuble, und, vergangene Debatten im Fernsehen verfolgend, auch an keinem anderen Politiker, von dem ich etwas mitbekommen habe.

Der Gedanke gärt schon länger in mir. Zu groß. Was zu groß ist, funktioniert nicht mehr vernünftig, und versucht sich Kontrollstrukturen aufzubauen, weil die “Führung” selbst nicht mehr weiß, was zu tun ist. Oder auch nur, was gerade passiert. Und eigentlich wahnsinnige Angst davor hat. Angst davor, dass sich Dinge ändern.

Habe ich also – wie Troels, dem ich an der Stelle für Buch und Gedankenanregung danke, es sagte – tatsächlich ‘Angst um unsere Demokratie’?

Ja.

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Ich glaub, das war's.