Moderne Ladenöffnungszeiten

Symbolfoto © Endl 2007

Fröhliche junge Menschen, die abends nach 8 giggelnd vom Sport auf dem Nachhause-Weg sind und noch von Mami via Handy angerufen werden ein Päckchen Backpulver mitzubringen. Oder der treusorgende Familienvater, der noch schnell um die Ecke zum Drogeriemarkt verschwindet nachts um 3 weil die Windeln ausgegangen sind und dabei seiner Frau noch schnell eine feilgebotene Rose mitbringt. Glückliche Mitarbeiter, die zwar auch mal nachts ran müssen, dafür aber mal ein paar Tage am Stück frei haben, klingelnde Kassen, weil man vor lauter Bequemlichkeit des Rundumdieuhreinkaufens auch mal mehr konsumiert als man eigentlich wirklich bräuchte.

So oder ähnlich müssen die Ideen wohl aussehen, rund um die Liberalisierung der Ladenöffnungszeit.

Wirft man einen Blick in Länder, wo die Ladenöffnungszeiten mit 24/7 schon weitgehend umgesetzt sind, zeigt sich oft ein anderes Bild. Als ich Anfang der 90er in den USA rumreiste erschien mir Einkaufen nachts zwar manchmal sehr praktisch, immer aber höchst mysteriös. Das lag nicht nur an der seltsamen Stimmung, die ein fast verwaister Einkaufsladen mit Neon-Beleuchtung und übernächtigten und latent nervösen Mitarbeitern machte, das war auch eine reale Bedrohung. Denn – und da machte sich da auch niemand groß was vor, jedenfalls nicht die Einheimischen, die ich sprach – so ein Laden mitten in der Nacht ist nun mal ein potenziell leichtes Ziel. Und da geht es nicht gleich um Raub der Kasse, da geht es einfach um klassischen Ladendiebstahl – allerdings mit der Einschränkung des „einfach“, da gerade in den USA die Reizschwelle auch von Kleinkriminellen im Falle der Entdeckung (und dem damit verbundenen Griff zur Waffe) enorm niedrig ist. So kam man auch an manchen Läden dann auch gar nicht mehr rein, ohne vorher gemustert zu werden, oder durfte seine Bestellung durch einen vergitterten Mini-Fensterschen durchgeben und erhielt seine Ware nach Vorabbezahlung durch eine Luke (so erlebt an einer Tankstelle in New Orleans).

Alles ferne Länder? Wir sind ja nicht in Inglewood (Inglewood galt damals bei uns als das besonders rauhe Pflaster von LA)! Nein, wir sind in Deutschland, aber wir sind auch nicht aus der Welt. Und so verwundert mich der Bericht von Bjoern Harste über seinen nächtlichen Sondierungs-Besuch im Rahmen seines neues durchgehend-geöffnet Projekts auch nicht wirklich.

Die anderen sieben Personen haben sich rund eine halbe Stunde hier im Laden aufgehalten. Liefen hier hin, liefen dort hin, begutachteten die Verteilung der Überwachungskameras, versuchten, wenn auch vergeblich, Antworten auf die Frage nach Kundenzahlen und ähnlichem zu bekommen. Wenn sie sich unbeobachtet fühlten, redeten sie miteinander. Ansonsten stromerten sie scheinbar ziellos durch den Laden, kauften schließlich zwei Teile im Wert von insgesamt zwei Euro und gingen. Ein Mitarbeiter war sich sicher, Fetzen von „morgen Abend“ und „zuschlagen“ gehört zu haben – was auch immer damit in dem Moment gemeint war.

Ich wäre durchaus für eine vollkommene Liberalisierung – ich sehe (bis auf die Sonntage) auch keinen Grund es nicht zu liberalisieren. Allerdings sieht die Realität, und da darf man sich nichts vormachen, eben nicht wie einleitend beschrieben aus, sondern weitaus nüchterner. An mehr Umsätze glaube ich nicht, sie werden sich einfach verlagern bei mehr Aufwand, was auf die Preise umgeschlagen wird (nachdem am Anfang noch mehr Gewinne gefahren werden, solange man noch einen Marktvorteil auf Kosten der nicht öffnenden Mitbewerber hat, aber das legt sich). Die Kunden werden vornehmlich die üblichen Nachtschwärmer und dunklen Gestalten sein, die man auch sonst meist nachts antrifft (jedenfalls unter der Woche) – eben die, die man selbst spät sieht, nachts, wenn man von einer Veranstaltung nach Hause will. – Die Mitarbeiter werden einfach mehr arbeiten müssen zu schlechteren Zeiten (und damit einen großen Einschnitt in der Gestaltung ihres Privatlebens hinnehmen müssen – natürlich nicht bei allen Läden), kleinere Läden, die es sich nicht leisten können durchgehend aufzumachen, werden Umsatzeinbußen erleben und vielleicht auch in ihrer Existenz bedroht. Die Kriminalität wird zunehmen (gerade auch Beschaffungskriminalität) und daraufhin die nächtliche automatische Überwachung auch (da Technik billig, Personal teuer ist), was man natürlich dann auch auf den Tag ausdehnt.

Man wird das Rad nicht zurückdrehen können, unser Leben ist eh dynamischer geworden, die starren Arbeitszeiten (wie der Klassiker von 8 bis 17 mit einer Stunde Pause) sind längst aufgehoben, die Nacht beginnt später, der Tag früher, was man auch im TV-Programm ablesen kann (in meiner Kindheit kam nach 23 so gut wie gar nichts mehr – und das ist nicht inhaltlich gemeint). Und mangels moralisch-religiöser Grundwerte wird auch bald der Sonntag ‚fallen‘.

Das ist uns ja allen auch klar, denke ich. Aber bitte versucht es uns nicht als Blumenwiese zu verkaufen. Es ist und bleibt der Acker des täglichen Brots.