Toleranz vice versa

Rotraut Susanne Berner sagte gestern sinngemäß in einem hr1-Radio-Interview: Das schlimme an dieser Form der Zensur ist, dass man sie in der Regel gar nicht mitbekommt.

Rotraut Susanne Berner ist Kinderbuchautorin und wäre beinahe auch in den USA mit ihren illustrierten Kinderbüchern verlegt worden, wäre da nicht das »Pimmelchen«-Gate gewesen. Ein gemalter Mini-Penis an einer napp 7 Millimeter großen Statue in einer Museumsszene, dazu kam dann auch noch ein Frauen-Akt in einem Gemälde (Bilder und weitere News dazu u.a. hier bei der Netzzeitung).

Der Verleger lehnte ab, drängte die Autorin zu einer Überarbeitung. Eine »versteckte Zensur«? Ja, weil es eine Form der Zensur ist, die so früh ansetzt, dass es die Bevölkerung in der Regel gar nicht mitbekommt. Die Zensur nach Veröffentlichung eines Werks würde vielleicht Diskussionen hervorrufen, Zensur noch vor Veröffentlichung und im vorauseilendem Gehorsam durch die Verleger (oder sogar schon durch die Autoren), ist unsichtbar. Greift deshalb aber nicht kürzer. Gerade auch deshalb habe sich Frau Berner – wenn ich sie richtig verstand – gewehrt und damit lieber von einer Publikation abgesehen statt das Pimmelchen zu entfernen.

Richtig, Frau Berner. Das finde ich auch – und unser humanistisch tolerantes Deutschland sowieso. Die prüden Amerikaner und ihr Fundamentalismus wieder, Rückfall zum Mittelalter sozusagen. Doch die dabei zum Ausdruck gekommenen „christlichen Wertanschauungen“ sind in dem Fall für meinen Geschmack nicht nur übertrieben sondern konterkarieren die eigentlichen christlichen Werte sogar. Und das führt mal wieder zu einer imho falschen Richtung der Kritik, denn nicht die christlichen fundamentalen Wertanschauungen sind das Übel, sondern deren (falsche/übertriebene) Vertreter sowie den nicht zu verachtenden wirtschaftlich strategischen Überlegungen dahinter.

Denn christliche Wertanschauungen sind nicht nur „Täter“ sondern auch betroffen. Die FIFA z.B. schreibt aktuell ein neues Regelwerk für den Weltfußball, darunter die Regelung 4 zur »Ausrüstung der Spieler«, die »Slogans und Werbeaufschriften« auf Kleidungsstücken verbiete (ausgenommen das Trikotsponsoring natürlich), nun aber ergänzt um den Zusatz, dass dies auch „politische, religiöse sowie persönliche Schriftzüge“ umfasse. Kurz gesagt: Das T-Shirt „Jesus loves you« des Brasilianers nach dem Torjubel wird es nicht mehr geben (Quelle: Medienmagazin „pro“).

Dafür wird nun so mancher Deutscher – das unterstelle ich mal – seltsamerweise Verständnis für aufbringen. Sport und Religion müsse man ja trennen. Was sucht das in einem Stadion? Und was ist, wenn das der Brasilianer beim Auswärtsspiel in Istanbul macht? Da darf man ja keine Tumulte auslösen und Sponsoren sowieso dürfen nicht verschreckt werden. Viele Unternehmen sind ja multinational, da muss man auch an seine Klientel in andersgläubigen Regionen denken. Und außerdem: Was, wenn statt »Jesus loves you« eine andere fundamentalistische Glaubensrichtung ihr »Gott ist groß« draufschreibt oder radikale(re) politische Weltanschauungen vertritt? Wird dann das gleiche Maß gemessen?

Toleranz vice versa? Geht unsere Toleranz so weit, dass wir andere vor unseren Weltanschauungen schützen müssen? Oder schreien wir da nur nach Zensur, wenn es um Pimmelchen und den USA geht? Weil hier ja eine Weltanschauung die Regeln offensichtlich dominiert? Steht am Ende vielleicht »Toleranz und Zensur führen zum gleichen Ergebnis«?

Ich verzweifle selbst an dem Disput und weiß keine rechte Meinung dazu zu finden. Was aber passiert: Es führt zu dem, was wir eigentlich fast schon haben, zu einer grauen Masse aus konformen, politisch (und wirtschaftlich) korrekten und nicht mehr identifizierbaren Gesellschaften, die am besten eines hat: Kein Gesicht mehr.