
Durchs Drehkreuz durch und vom Gedanken beseelt warum man statt einer Entschädigung für die bevorstehenden Leiden eigentlich noch Geld bezahlen musste. Die rosafarbene Umhängetasche, die du deiner Frau nicht ausreden konntest, weil eben da schon alles drin ist und sie auch naß werden kann, über die Schulter geworfen missmutig den Gang Richtung Naßbereich gehend, vorbei an Haare-föhnenden Zwergen und die zunehmend ansteigende Luftfeuchtigkeit durch deine für diese Zwecke nie geschaffene Jacke dringend.
Die High-Tec-Plastikkarte in den dafür vorgesehenen Schlitz am Spind steckend und sich stoisch die Kleider ausziehend, im steten aber vergebenen Bemühen die Unterhose diesmal beim Ausziehen eben nicht in die Nässe des Bodens kommen zu lassen und in Bälde in selbiger Pfütze mit nackten Füßen stehend, durch die eben noch dir unbekannte andere mit ihren unapettitlichen Füßen liefen – kurz zögernd, ob der Umstand, dass deine eigenen Straßenschuhe hier auch gerade noch den Boden berührten, nicht noch schlimmer ist – bervor du selbige in das innere des immer viel zu kleinen und baulich vollkommen verbaselten Aufbewahrungsschrank verstaust.
Die hochwertige Plastikarte mit all deinen persönlichen Besuchs-Daten verbleibt im Spind während du das durchnässte klamme plastikartige Bändchen mit Stecksystem für den Schlüssel angewidert um dein Armgelenk zu binden versuchst, um mit großer Skepsis den Verschluß zu beäugen – aber den Gedanken daran, später im Becken danach tauchen zu müssen, sofort verdrängst.
Du zwingst dich Haltung zu bewahren, während du dich – den Anweisungen der Beschilderung Folge leistend – in Richtung des Gemeinschafts-Duschbereichs bewegst. Immer und immer wieder kommt dir der Gedanke nach oben, warum du deinen Adonis-Leib, den du auch im Hochsommer sonst nicht freiwillig und nur unter schweren Einfluß eines durch Sonne erhöhten Melatoninspiegel der gemeinsamen Bade-Gesellschaft preis gibst, hier unter diesen Bedingungen wildfremden Menschen zur Schau stellen musst.
Dann der Schock: Ein verstärkter Drang das Urinal direkt vor dem Duschraum aufzusuchen. Wohl dem, der nun wenigstens auf Badelatschen setzte. Mit blanken Füßen wären die nächsten Minuten sonst eine Brandmarke in deiner Erinnerung.
Warum gibt es im 21. Jahrhundert keine Einzelkabinen für das Duschen? Warum bin ich gezwungen mich zwischen – wenn überhaupt – beengenden Alibi-Seitenbegrenzern einem Prä-sportivem Reinigungsritual zu unterziehen und mich dazu komplett der Nacktheit in der Öffentlichkeit zu stellen. Aber noch schlimmer? Warum muss ich anderen dabei zusehen, die offenbar bar jeder Hemmungen mit ihrem Discounter-Duschgel frontal – sich dem inneren des Raums zugedreht – am Genitalbereich herumschrubben? Von der Problematik der ewig fehlenden Ablagemöglichkeit für die wenigen verbliebenen Habseligkeiten brauchen wir gar nicht anfangen.
Das Ohr gewöhnt sich tatsächlich mit der Zeit an das ohrenbetäubende hallende Grundrauschen des Kuppelbaus, das nur durch die immer wiederkehrenden hochfrequenten Schreie von Kindern durchrissen wird – frequentiell untermalt durch die Lautsprecherdurchsage: “Vorsicht im Wellenbecken. Wellenbetrieb.”
Aber du bist hier auch nicht für Wellen, du bist hier in einer Mission. Dein Ziel ist das Sportbecken da drüben. Du willst die Qual, das Leiden, die Verbrennung von Kalorien – das Ausschütten von Endorphinen wäre deine Rettung, vielleicht reicht aber auch ein handelsüblicher Tagtraum oder es klappt mit dem Erreichen des Idealzustands: dem dumpfsinnig stoiischen Tunnelblick mit mechanischer Bewegungsabfolge, gern erreicht durch das penetrante Zahlenjonglieren zwischen den geschwommenen und den noch vor dir liegenden Bahnen, mit Berechnung des Zeitfaktors und des so ermittelten Durchschnitts den im ganzen Leben nie mehr auch nur einen Menschen interessiert – dich selbst eingeschlossen. Doch dazu kommt es selten, nicht nur weil du selbst bemerkst, dass du in der gähnenden Langweile, die dich zu umgeben scheint, irgendwann zwischen der Zählweise “7 Bahnen geschwommen”, das ist “meine 8te Bahn” und “nach der Wende kommt gleich die 9te” vollkommen den Faden verloren hast. Doch auch das sind Luxusprobleme.
Nachdem du dir die Schwimmbrille ins Gesicht gezogen hast, die du zwar albern findest, deren Notwendigkeit du aber nach geschätzten 27 Jahren der Abwägung nun anerkennst, läßt du dich zwischen im Wasser am Beckenrand baumelnden Gelegenheitsschwimmern in das feuchte Naß gleiten. Schnell verspürend, dass eine kältere Dusche im Vorfeld Sinn gemacht hätte. Die Gesichter darf man sich rechts und links aber schon mal einprägen, man wird sie immer und immer wieder sehen. Du versucht dir einen Überblick zu verschaffen, während deine Schwimmbrille das erste mal von innen beschlägt. Das wird sich noch oft wiederholen. Du suchst zwischen dem Wirrwarr an schwimmenden Leibern eine Art Spurrille, ein geeignetes Fahrwasser zu entdecken. Was dir nicht gelingt, bis du beschließt eine gefunden zu haben.
Die Spiele beginnen. Du bist ab jetzt nicht mehr Alexander, nicht mehr Familienvater, Jurist oder Projektmanager, du bist Schwimmer wie alle anderen. Und das hier ist unsere Kampfbahn. Menschen mit windmühlengleichen Schlagbewegungen pflügen auf dem Rücken treibend viel zu nahe an dich heran und viel zu nahe an dir vorbei. Explosionsartige Arschbomben schlagen nur wenige Zentimeter rechts und links neben dir ein. Die zwei Frauen, die mit Schwimmhaube nebeneinander schwimmen und dabei ihre Beine fast senkrecht nach unten im Wasser mit alibi-gleichen Fußwedlern hinter sich herziehen, wirst du ebenso bald persönlich und dank Unterwasserperspektive mit Schwimmbrille an Stellen wiedererkennen, die du nie wissen wolltest – weder bzgl. dieser Person noch der Details. Jeder Anschlag am Beckenrand wird bereits Meter vorher zur Strategie von Einschlagwinkel und Abstoßmöglichkeit zwischen einer Masse sich ständig bewegender und veränderter Gruppen, die den Beckenrand als Entspannungs- und Laber-Territorium annektiert haben. Nur manche schwimmen wie du, doch auch die schneller oder langsamer, so dass ein ständiger Auf- und Überholprozeß beginnt, dessen Eintreffen du Bahn für Bahn vorauszuberechnen versuchst.
Das versprochene Endorphin bleibt aus, die Gleichmäßigkeit der Bewegung weicht einer verkrampften inneren Anspannung und du merkst, wie ein dir unbekannter Zorn und Hass auf dir vollkommen unbekannte Menschen aufkommt.
Man versteht jetzt, warum man nur eine Badehose, ein Tuch und ein Armbändchen bei sich tragen darf – allesamt als Waffe nahezu untauglich.
Dein Pensum ziehst du durch. Du entwickelst statt eines entspannten Gleichklangs der Gedanken eine Strategie der Durchsetzung und der Bosheit. Du überlebst dieses Becken, sie werden dich nicht unterkriegen. Du hast deine Bahn erobert und du bist bereit sie unter allen Umständen zu halten.
Durch das Drehkreuz gehend weißt du, dass du dich behauptet hast. Du hast dich nicht kleinkriegen lassen und mit der frischen Luft an der Nase merkst du, wie dich die angenehme Realität wieder umfängt und deine Gedanken sich dem Alltag zurückwenden. Du sehnst dich nach Ruhe, Alkohol und fettigem Essen. Du meinst sogar, dass der da drüben, der in den Passat einsteigt, einer der Kampfschwimmer aus der Delfin-Schwimmgruppe war. So in seinen Zivilklamotten sieht er ja ganz sympathisch aus, eigentlich ein Typ wie du.
Soviel zum Schwimmen, Frau Paradise:
»Die Schwerelosigkeit, die Ruhe, allein sein und mit sich, beinah ohne Störung, das ist etwas Besonderes.«
Ach was! So was gibt es doch nur im Kurbad, aber nicht in einer Großstadt.
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