Es ist soweit: Sie wissen jetzt wo du surfst

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Ich erkläre meinen eigenen Beitrag hier nun selbst zur Lesepflicht. Soll keiner sagen, ich hab noch nie was von gehört.

Anonym im Internet surfen? Na, an die Mär glaubte eh keiner so Recht. Aber nun ist es soweit: Man trackt dich, du wirst erkannt. Es gibt einen, der weiß wo du dich rumtreibst und das ohne dass du dich direkt mit ihm beschäftigt hast. Es passiert einfach, aber du kannst was tun dagegen. Noch.

Es gab immer ein paar eherne Grundregeln um halbwegs anonym zu bleiben: Verwende keine statische IPs, achte über welchen Referrer du kommst, lösche im Zweifel deinen Cache und mit ihm alle Cookies. Das garantierte zwar nichts, machte es aber schwerer dich zu verfolgen. Nur das Surfen über echte Anonymizer-Proxies boten da noch ein Mehr an Anonymität. Die statischen IPs sind der Fluch des unerkannt bleiben wollenden Business-Surfers. Wohl dem, der regelmäßig eine neue IP vom Provider zugeteilt bekam, wie das üblicherweise durch Massen-Provider, die nicht für jeden Kunden eine IP vorhalten, in einer Art Rotation geschieht.

Nun stell dir vor es gäbe eine Methode, wie man dich erkennt, ohne etwas installiert und ohne eine Website besucht und dort Spuren hinterlassen zu haben. Du surfst von deinem Forum zu deinem Lieblingsmagazin, holst Post ab, liest noch eine Rezension über ein Produkt und kauft dann etwas online – und all das wird bei einem zentral gespeichert, mit allen Inhalten, vielleicht sogar mit mehr Informationen wie die Verweildauer, die Besuchsfrequenz, die Klickrate. Und sein Name ist: Google

Und das ist kein Horrorszenario, das ist Jetzt und Hier, und es ist im Prinzip noch nicht einmal neu. Bereits früher waren die eigentlichen Datensammler – wie man munkelte – die großen AdServer. Wenige Anbieter teilten sich letztendlich da den Markt und bedienten die großen Magazine und Portale. Wie, Warum? Weil das Ausliefern einer Banner-Werbekampagne gar nicht so einfach ist. Man braucht dazu mächtige Tools und das kaufte man sich in der Regel extern ein. Die Banner, die du oft sahst, sind nicht vom Portal-Betreiber, sie werden über einen externen AdServer eingespielt, die dafür sorgen, dass die gebuchte Masse sowohl im Umfang wie auch in der Zeitspanne gleichmäßig verteilt wurden. Diese AdServer waren und sind nach meinem Kenntnisstand in der Lage, einen User zu erkennen, wenigstens in Grundzügen. Da nun wenige Anbieter sich den Markt teilten, kommt es häufig vor, dass man beim Surfen von A nach B vom gleichen AdServer bedient wurde. Sprich: Der AdServer wusste, dass du auf beiden Seiten warst. Nur du wusstest nichts davon und dachtest: Was weiß das Magazin schon, auf dem ich surfe, dass ich gerade noch beim Sexshop war. Das Magazin vielleicht nicht, aber der AdServer schon. Und es gab nicht wenige, die mir Stein und Bein schworen, dass die angezeigten Banner sich nach dem Surfverhalten zumindest teilweise richteten. Auch schon mal den Eindruck gehabt?

Aber das waren noch kleine Fische im Gegensatz zu dem was sich hier anbahnt und von Robert fast euphemistisch mit »Google AdSense will genauer werden« betitelt wird. Während die AdServer im weitesten nur rudimentäre Informationen über die Art der Seite und den User selbst sammeln konnten (angenommen sie hätten tun, was man nur glauben, aber nicht unterstellen darf), so steht Google ganz anderes Material zur Verfügung und vor allem eine ganz andere Abdeckung. Die Durchsetzung mit Google AdSense-Anzeigen ist fast schon omnipräsent im Internet, dazu kommen die Daten aus GMail. Man kennt nicht nur die Seiten, man kennt den User, z.T. seine Mails, inhaltlich ausgelesen und ja gerade zum Zwecke der textsensitiven Werbung analysiert und ausgewertet.

Durch die Einführung einer User-ID per Cookie wird der User nun vollkommen netzübergreifend verfolgbar. Man kennt seine intimsten Surfdetails, wenn nur die angesteuerte Seite bspw. AdSense-Werbung einblendet. Und nicht nur das: Durch den Zukauf von Doubleclick – eben einer der global player im Bereich Werbeauslieferung – schließt Google die Informationslücke noch um ein großes weiteres Stück.

Noch einmal zum Mitschreiben: Sobald das Projekt User-ID, das sich noch in der Testphase befinden soll, den regelmäßigen Betrieb aufnimmt, wird Google endgültig zum »Big Brother« in meinen Augen. Und wenn mir das jetzt einer entkräften kann, dann bitte möge er das schnell tun.

Und nochmal nochmal nochmal: Betroffen ist JEDERMANN, nicht nur z.B. die GMail-Kunden.

An Googles-Feldtest nehmen automatisch alle teil, die Cookies akzeptieren.
heise.de: »Google testet neuen Cookie«

Noch kann jeder zumindest in der Testphase: NEIN sagen, aber er muss das tatsächlich aktiv tun und zwar hier bei »Google test ad server cookie settings«

Wer nicht am Testprogramm teilnehmen möchte, muss es ausdrücklich ausschalten, von Hause aus ist ab sofort jeder Benutzer einfach Testkandidat. Die User bekommen eine eindeutige ID zugeteilt und lassen sich so von Google wiedererkennen.
Golem: Google-AdSense speichert bei Werbeeinblendungen User-IDs

Ich verfolge die gesamte Google-Entwicklung ja mit großem Argwohn (siehe zuletzt: Neues aus Google-Busch – Überraschung!). Und das nicht, weil ich Google als besonders böse empfinde. Ich bin da sogar eher der Meinung, es passiert einfach, ein Schritt nach dem anderen, weil es eben möglich ist und im Sinne einer besseren Vermarktung Sinn macht. Und am Ende steht vielleicht wie einst bei der Erforschung der Kernenergie eine furchtbare Waffe, eine Daten-Atombombe. Natürlich kann man friedlich nutzen, wehe dem aber, gerät sie in falsche Hände oder wird (macht-)politisch beansprucht – und unsere Ost-Vergangenheit muss man da ebensowenig heranzitieren wie die Überwachung im dritten Reich, wenn ich einen »Patriot Act« vor mir habe: Eben alles für die Sicherheit und gegen den Feind.

Rüttelt mich, schüttelt mich. Warum gibt es hier keine Mahner? Warum wird bei der fast albern dagegen anmutenden Videoüberwachungs-Diskussion hyperventiliert und bei diesen Schlag auf Schlag eintreffenden Meldungen nicht?

Weil es einfach noch keiner kapiert? Weil die Politik und der Großteil der Journalie einfach keinen Durchblick hat in den Zusammenhängen der Netzwelt? Und weil die Technik- und Netzversierten eh zu desillusioniert sind oder sogar fast ehrfürchtig Beifall klatschen ob der Innovation?

Ich sage es euch – an diese Zeiten wird man sich einst mal erinnern und sich fragen: Warum habt ihr denn damals einfach nur zugesehen und nicht einmal opponiert oder hinterfragt? Wo war euer Protest? Wo waren eure Politiker? Habt ihr das einfach so geschehen lassen, unter euren Augen, akribisch dokumentiert und in den Medien präsentiert. Wie konntet ihr zulassen, dass all eure geheimsten Daten, eure intimsten Geheimnisse, eure private Post, eure Bilder, eure Identität, euer Leben und Handeln in die Hand eines Wirtschaftsunternehmens kamen? Ohne dass nur einer wirklich aufschrie?