Kein Blogblues

Bild © Endl 2007

»Den Löffel gibt es nicht« – siehe unten

In der Tat! Auch ohne das man vorher sich damit beschäftigt hat und die Themen nicht mal kannte, hätte ich das Feedback der ZKM-Veranstaltung und der darum rankenden Diskussionen und Beiträge auch selbst aus der eigenen Beobachtung formulieren können: Die Blogger haben einen Blogblues, wie Don Alphonso es nannte. Oder ist es vielleicht doch eher etwas anderes? Eine handfeste Midlife-Crisis?

Judith und auch Björn stellen sich die Frage: Was bin „Ich“ als Blogger? Kunstfigur? Authentisch? Wie das zuletzt Malte (mal wieder) bei Spreeblick thematisierte?

Nein, für mich ist das alles kein Blogblues. Über den Blues belehrt uns Wikipedia: »Bluestexte sind in der Regel in der Ich-Form verfasst, das heißt der Autor oder Sänger erzählt von tatsächlichen oder fiktiven eigenen Erlebnissen. Diese sind aber meist so stark verallgemeinert, dass eine Identifikation des Hörers mit dem Sänger ermöglicht wird. Häufig enthalten die Texte sexuelle Bezüge und handeln von Verrat, Resignation, unerwiderter Liebe, Arbeitslosigkeit, Hunger, finanzieller Not, Heimweh, Einsamkeit und Untreue.«
Den Blues haben wir doch hinter uns, es ist doch eher so, dass wir das alles in epischer Breite durchlebten und durchschrieben. Nein, für mich passt die Blog-Midlife-Crisis besser. Blogger haben keinen Blues, sie stellen sich die Blog-Lebens-Sinnfrage nach Abschluß eines Lebensabschnitts, nach Rekapitulation dessen und nüchternen Analyse, was um einen passierte und worauf das alles hinausläuft, mit sich und den anderen.

Nach den wilden Sturm- und Drangjahren, die eigentlich viel zu kurz ausfielen, hat für viele schon die Desillusionierung des Alltags begonnen. Enttäuschungen pflasterten unseren Weg, womit wir wieder bei Authentizität wären. Blogger voll wunderbarer Geschichten stellten sich als Gaukler und Märchenerzähler heraus, die Robin Hoods des Blogwood Forest ließen sich nach kurzer Balgerei relativ schmerzfrei vom Sheriff von Nottingham nach Hause einladen und machten zusammen ne lustige Roadshow und bastelten am Vermarktungskonzept. Die eifrigen Mitmach-Gurus der vergangenen Tage kommen vor lauter Mitmach-Dingenskirchen zu allem – nur nicht mehr zum Mitmachen und drehen sich vor allem meist nur noch um sich selbst und ihre eigenen Sinnfragen und Richtungsdiskussionen. Kommentare bei anderen sind dann schon die Ausnahme, die klassischen Themenübernahmen von anderen Blogs, das suchen nach dem Puls der Zeit läuft nur noch in den eigenen Zirkeln, meist nur im eigenen Kopf. – Aber sind deswegen die anderen schuld? Bewahre! Enttäuschung kommt von „Ende einer Täuschung“ und das ist nicht immer in den anderen begründet. Man selbst hat sie bisweilen dazu gemacht, idealisiert, ikonisiert. Die Täuschung eine Frage der eigenen Wahrnehmung, das Ende davon ein heilsamer Prozeß.

Es ist fast witzig (für mich), dass ich gerade dabei war nachzudenken, was ich denn in Zukunft so machen würde – manchmal sind wohl Themen einfach „in der Luft“…

Und ich wollte tatsächlich genau das Gegenteil tun, was ich so mancherorts lese. Ich wollte alles gerade noch persönlicher machen (was nicht heisst noch mehr aus dem Nähkästchen zu plaudern), vielleicht sogar ein Bild prominent von mir auf’s Blog-Template bauen – ein „Seht her! Ich!“. Nicht aus Eitelkeit (hoffe ich…), und ich will auch keine Show und ich will auch keine thematische Ausrichtung (und vor allem keine innere Diskussion darum). Ich will schreiben. Ich liebe es zu schreiben. Ich mag es, wenn man mich liest. Wenn man über meine Witze lacht, sich mit mir ärgert und manchmal auch nur die Seele baumeln lässt.

Mögen andere ihre Krisen haben, das einzige was ich aus den ganzen Diskussionen bisher erkenntnisreiches (wenn auch nicht angenehmes) mitnahm: Ich hab meine Naivität verloren. Eine Naivität, mit der ich an viele Dinge bewusst herangehe, um lieber enttäuscht zu werden als etwas schönes von Keim an zu ersticken. Und die Diskussion um Authentizität und Ich ist für mich eben schon durch und wurde mit dem Strich beendet: Ich glaub nur noch die Hälfte, wenn überhaupt.

Aber deswegen muss man das ja nicht selbst so machen. Ich für meinen Teil will ich bleiben. Ich will selbst dosieren, wie viel ich von mir erzähle und was. Ich werde nie alles preis geben und grenze da ne ganze Menge meines Lebens aus. Aber was ich erzähle ist echt, authentisch.

Ich schließe mit den Worten des Don: »Bloggen bedeutet: Erzählen. Erzählen ist ein bombensicheres Kommunikationsmodell, es ist simpel und effektiv wie das Blog als Instrument, da hat eine Ausdrucksform das ideale Ausdrucksmittel gefunden«.

Zitat zum Bild oben aus Matrix (Film):

  • Junge: [bietet Neo einen Löffel an, den dieser verbiegen soll] „Versuch nicht den Löffel zu verbiegen, das ist nämlich nicht möglich. Versuch dir statt dessen einfach die Wahrheit vorzustellen!“
  • Neo: „Welche Wahrheit?“
  • Junge: „Den Löffel gibt es nicht.“
  • Neo: „Den Löffel gibt es nicht?“
  • Junge: „Dann wirst du sehen, dass nicht der Löffel sich biegt, sondern du selbst.“