Google und seine Kinder: Es ist nicht leicht mit der Erziehung

Bild © Endl 2007

Google war mal ein kleines Projekt, das Projekt Suchen&Finden. Sicher wollte man es besser machen als die anderen. Nicht so belehrend und selektiv, nicht so redaktionell und damit auch subjektiv aufbereitet wie die damals marktbeherrschenden Katalog-Frachtschiffe. Man wühlte sich einfach durch das Internet: sammeln von Informationen, vermessen, erfassen. Entscheidend war die Information, der Inhalt der Website. Man suchte nicht mehr nach der Meinung eines Katalogs, der dem individuellem Geschmack und der Tagesform des Redakteurs ebenso unterworfen war wie den politischen und wirtschaftlichen Interesses des Katalog-Betreibers, man fand – via Google. Das Prinzip war einfach genial, aber nicht genial einfach.

Das Problem: Der Erfolg.

Mit dem Erfolg kam Einfluß und mit dem Einfluß erwuchsen die finanziellen Interessen der Betroffenen. Googles Kinder waren die erfassten Websites. Die Sucher standen an den Konsolen, aber die Websites lieferten das Futter. Von Google gefunden werden war bares Geld wert. Der wirtschaftliche Erfolg eines Online-Biz steht und fällt mit der Google-Erfassung. Und dafür tat man auch eine Menge. Man bereitete die Website auf, man optimierte sie. Und Google dankte es mit mehr Besuchern, die es zu dir schaufelte. Eine Symbiose. Doch bekam Google wohl ein Bewusstsein, ein Bewusstsein seines Erfolgs und seiner Monetarisierbarkeit.

Man erfand Google AdWords und Google AdSense. Zwei Dienste, die sich kongenial gegenüberstanden: Hier die Werbenden, dort die Werbetreibenden. Google hielt Angebot und Nachfrage in einer Hand, steuerte mit seinen Schiebereglern von nun an, wohin der Geldstrom fließen darf. Neben dem Standbein der Google-eigenen Suchmaschine wurden die direkt auf den Websites angezeigten und verwerteten Werbeschaltungen zu einem big business. Und Google ließ sich dabei kaum in die Karten sehen. Wer warum welchen Preis erzielt, das wissen ja nicht einmal die Anzeigenschalter. Man stellt Google ein Budget x zur Verfügung und bestimmte Budget-Korridore, der Rest wird von Googles Schiebereglern bestimmt. Die Werber schluckten die Kröte, denn Erfolg will man nicht zu kritisch hinterfragen. Google Kinder, die Websites auf denen geworben wird, dankten nach Jahren der Isolation von den fetten Fleischtöpfen der Werbewirtschaft, für die sprichwörtlichen Brotkrumen, die nun vom Tische fielen.

Doch die Kinder wurden undankbar.

Stolz konnte man sein, im Hause Google. Den Werbemarkt komplett reformiert und aufgerollt zu haben. TKP-Modelle, die auf reinen Page Impressions und Bannereinblendungen aufsetzten, gelten heute fast nur noch als urban legends. Jeder kann mitmachen, jeder kann mit verdienen. Wenn man denn sich an die Regel hält. Googles Regeln. Als die Kinder erst einmal den kleinen Finger hatten wollten sie mehr. Einmal am Honig genascht verfielen sie den Verlockungen fremder Männer in Trenchcoats, die ihnen Geld fürs Nichtstun versprachen. Ein kleiner Link, kaum der Rede wert, ein paar Euro pro Monat. Nicht viel, aber immerhin. Und das für einen Link. Die Trenchcoat-Typen wussten was sie taten: Viele Links bedeuten vielleicht auch ein paar User mehr, aber vor allem – so deute ich das – eine Manipulation des Google Rankings. Man bezahlte dafür, dass man wichtiger bei Google wurde.

Die reine Welt des wahren und guten bewahren.

Google mag dem Mammon sich zwar unternehmensintern vollkommen zugewandt haben, in punkto Sucheregebnis stellt man sich aber nach außen als die Vertreter der Tugend. Werbung ja, Manipulation des Rankings nein. Und wer dem sich zuwieder verhält, der muss eben erzogen werden. Wie schön, wenn man dazu die absolute Macht gleich in den Händen hält. Wer sich auf der einen Seite beim Wahren und Guten nicht wahr und gut verhält, wird auf der anderen Seite eben bestraft. Denn: Weniger Besucher durch eine Abstrafung im Ranking schmerzen nicht nur das Ego und können Mitmach-Projekte, die auch auf externen Zulauf angewiesen sind, nachhaltig gefährden, sie bedrohen eben auch die finanzielle Existenz. Wer auf in seinem Online-Biz auf Zulauf angewiesen ist, weil er s Kunden zu sich zieht, der wird ebenso die Strafe spüren wie der, der auf den bordeigenen Werbedienst Google AdSense setzt, denn weniger Besucher sind statistisch einfach auch weniger Klicks.
Das Linkverkauf-Problem bekämpft man allerdings tatsächlich so an der Wurzel. Denn das Kapital, dass man als Website-Betreiber ja verkaufte, war ja Beteiligung an der Verbesserung der Google-Position des Kunden. Ein schlechter PageRank – einem Messinstrument, den viele schon viel zu früh beerdigt sahen – ist wenig wert, ja kann sogar dem Kunden schaden. Denn nur wenn wichtige auf wichtige verlinken, honoriert das Google.

Linkverkaufende Seiten wurden massiv abgestraft – in der Regel mit einem um zwei oder mehr Punkte verringerten PR. Golem.de stürzte von sechs auf vier, eTracker.de von 8 auf 5. Da der PR natürlich auch den Wert eines Linkverkaufs mitbestimmt, dürfte das für die betroffenen Sites etwas mehr als nur ärgerlich sein.
gulli.com via Basic Thinking

Verständlich?

Die Methode der Erziehung über den Geldbeutel (auch wenn die tatsächlichen Motive der PageRank-Revision – mögen sie noch so nahe liegen – natürlich Spekulation sind) mag erfolgreich sein. Sie zeigt für mich aber auch den ganzen Ausmaß der Monopolstellung Googles. Eine gnadenlose Abhängigkeit, die ohne Billigung Googles keine Geschäftsmodelle um es herum zulässt. Niemand hebt da derzeit den Finger. Kartellbehörden scheinen mit Microsoft genug beschäftigt zu sein. Für mich ist eine derartige Marktdominanz bedenklich. Wer Angebot und Nachfrage steuern kann (und fast zwangsläufig nicht im Interesse der Allgemeinheit sondern im Interesse der Aktionäre handeln muss), ist eine Bedrohung für mich. Der Shareholder Value ist nicht umsonst zum Unwort unserer Tage geworden.

Mein PageRank wurde in den letzten zwei Jahren so von 5 auf 3, auf der Hauptdomain sogar auf 2 gesenkt (im Vergleich: die Weiterleitung zielpublikum.de, die naturgemäß keine werblichen Links direkt enthält, rangiert weiter auf 4, das nur zur Dokumentation). Dies schmerzt mein Ego und auch die Möglichkeiten der Monetarisierung meines Blogs. Mag dies manchem eine kleine Freude wert sein, weil er es mir nicht gönnte oder generell etwas gegen Einnahmen hat, aus Purismus oder sonstigem Idealismus, den man sich leisten kann oder eben nicht, im Ergebnis aber führt dies dazu, dass man sich dem Googlschen Diktat unterwerfen muss und sein Wohl und Wehe in Google AdSense suchen darf (oder in dunklen Gassen von nun an von den Trenchcoats graue Umschläge entgegennehmen muss und heimlich Links zu setzen …).

Aber es führt auch zu etwas anderem und dies wird vielleicht das System zum kollabieren bringen: Die Sanktion Googles schadet Google nämlich auch extrem selbst. Es wird nur dauern bis die Erkenntnis reift. Wer mein Blog abstraft wird kaum den so umgefallen Sack Reis wahrnehmen. Wer aber Golem oder Basic Thinking deswegen als weniger wichtig einstuft, also nicht wegen der Wichtigkeit an sich, sondern um der Strafe Willen, der verwässert seine Qualität auf der Kapitalseite: dem Suchergebniss. Denn – ob es Google gefällt oder nicht – auch heute noch steht ganz vorne die Qualität des Suchergebnisses. Wer hier mit den Nutzern, den Suchenden spielt, der schaufelt an seiner eigenen Glaubwürdigkeit und dies zu ignorieren wäre fatal: Arroganz hat schon ganz andere Größen der Wirtschaftsgeschichte zu Fall gebracht.

Und so summe ich nun doch einen alten Pink Floyd Klassiker vor mich hin:

We dont need no education.
We dont need no thought control.
No dark sarcasm in the classroom.
Teacher, leave those kids alone.
Hey, teacher, leave those kids alone!
All in all its just another brick in the wall.
All in all youre just another brick in the wall.

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