Die Sache mit der Wahrnehmung

Ich glaube das Hauptproblem der Menschheit ist ihr gnadenloser Drang danach sich selbst zu überschätzen und zu wichtig zu nehmen. Und weil das dem selbsttitulierten einzig vernunftsbegabten Lebewesen dieser Erde noch nicht reicht, unterfüttert er seine Thesen mit „Fakten“. Das Faktum, also das „Tatsächliche“, das „Geschehene“, duldet keine Zweifel. Die Brillianz der In-sich-Schlüssigkeit der von uns selbst aufgestellten Kreisschlußtheorien begeistert uns derart, dass wir notwendige Korrekturen aufgrund später bekannt werdender neuer Fakten problemlos akzeptieren und neue Theorien aufstellen. War die Erde lange Zeit eine Scheibe, so ließen sich darauf Theoriengebäude der Klügsten errichten und das gesamte Weltbild darauf abstimmen. Nun eben eine Kugel, vergessen das was hinten war, fortgeschritten zu neuen Ufern mit der gleichen Inbrunst der Überzeugung der Richtigkeit der aktuellen Theorie. Die Gefahr, die Demut, dass danach noch eine weitere Erkenntnis kommen könnte, die ähnlich das Weltbild auf den Kopf stellen könnte wie der Wandel von Scheibe zur Kugel, wird nicht in Betracht gezogen. Selbstzweifel sind nicht unsere Sache.

Doch woran liegt das? Weil der Mensch von seiner Wahrnehmung überzeugt ist. Was er sieht, was er berührt oder geschmeckt oder was er wissenschaftlich und mit seinem Geiste erfasst hat, das ist für ihn die Wahrheit. Fakten, die Tatsache, das Geschehene. Der Jurist erinnert sich an seine Studientage: Befrage über den gleichen Vorgang (bspw. ein Unfall an einer großen Keuzung) alle anwesenden Zeugen. Gebe dazu noch folgende Parameter: Lass etwas Zeit verstreichen und lass einige der Zeugen sich darüber austauschen. Mag am Anfang noch ein vielleicht annähernd ähnliches Bild des Geschehens abgegeben werden, mit dem Reden darüber und dem Zeitablauf verändert sich die Wahrnehmung, der Unfall wird von unserem Gehirn rekonstruiert. Angereichert mit unseren Erfahrungswerten, den Meinungen der anderen.

Unser Miteinander läuft im Prinzip nach dem gleichen Muster. Nicht umsonst wird ein Ehepaar, dass sich seit 30 Jahren kennt, plötzlich bewusst, im anderen vielleicht einen ganz anderen Menschen immer gesehen zu haben als er ist. Die eigene Wahrnehmung, die Erwartungen, Wünsche, Vorstellungen, kompenisierte das was offenbar nicht oder anders vorhanden war. Was alle sahen, sah der sprichwörtlich blind verliebte nicht. Unsere Emotionen, Liebe, Hass, Eifer, Zorn, beeinflussen unsere Urteilskraft, und unser Leben besteht zu 90% aus Emotionen, und sei es Gleichgültigkeit.

Schreibend ist das übrigens nicht einfacher, es ist noch schwieriger. Als Leser wie als Autor. Noch weniger Informationen stehen zur Bewertung zur Verfügung, noch mehr prägt die eigene Situation beim Lesen z.B. die Tonalität der Worte.