
Die Welt des “zweiten Lebens” wurde gehypt und verworfen, diskutiert und belacht, ließ Träume blühen und Geld verbrennen. Tatsächlich aber gibt es diese Welt weiterhin und bei den meisten ist wohl durchgedrungen, dass es primär weder ein Spiel noch eine Kontaktbörse noch ein virtueller Marketing-Gag ist – es ist einfach eine Plattform, eine virtuelle Plattform für das was man eben selbst sucht und machen möchte. Die Grenzen sind die eigene Phantasie und natürlich die Grenzen des Systems, der Technik also. Und an letzterem wird eifrig gebastelt. Ein Punkt dabei ist die “Insellösung” (hier nicht wörtlich zu nehmen) aufzulösen. Dafür arbeitet man hinter den Kulissen wohl an strategischen Allianzen. Kooperationen und gemeinsame Standards, die es erlauben sollen seinen Account über virtuelle Welten hinweg zu transferieren. Das heisst nun ‘noch nicht’, dass man dann mit seinem WoW-Avatar in Second Life rumlaufen kann und umgekehrt, das heisst wohl zunächst vor allem, dass man in diese Welten mit seinem “virtuellen Pass” eintreten kann, also inklusive etwaiger Altersverifikationen, Zahlungsmodalitäten und sonstige Rahmenmerkmalen. “Noch” können Avatare “nicht” zwischen den Welten wandeln, aber auszuschließen für die Zukunft ist es nicht. Doch dafür sind mehr als strategische Einigungen zu vollziehen, dazu wäre es auch notwendig die Technologie aufeinander abzustimmen. Second Life hat dazu einen ersten Schritt getan, indem es seine Software auf Open Source umstellte. Ein perspektivisch enorm wichtiger Schritt, um seinen strategischen Vorteil, die erste derart etablierte Welt zu sein, auch so auszunutzen, dass andere große Player, die bisher noch abwarten und zusehen, nicht auf den Gedanken kommen mit einem Großinvest die fehlenden Entwicklungen nachzuholen. Man muss Fakten schaffen, will man überleben.
Ein weiterer Aspekt der Evolution ist aber in der Welt selbst festzustellen. So wie die beste Ehefrau der Welt noch heute müde über meine Schulter blickt, wenn ich mal EA Sports Fussball Manager spiele und sie nur meint “naja, echt sieht das ja immer noch nicht aus”, so ist auch in Second Life die grafische Darstellung zwar bemüht aber doch noch mehr für den virtuellen als den realen menschlichen Blick geeignet. Es sieht halt ein bisschen aus wie ein Computerspiel aus den 90ern, die Menschen wie Püppchen, wie “Barbies und Kents”, die Objekte wie selbst gebastelt, die Landschaft wie eben “computeranimiert” und was man sich darunter vorstellt landläufig. Die Einführund der “Sculpted Prims” führte da bereits zu einigen optischen Highlights, aber es blieb Stückwerk, da diese Technik auch erst einmal von den Erbauern beherrscht und dann verbreitet werden muss. Ein echter “Wow-Effekt” (kleines zweites “w”!) ist aber nun seit gestern bei mir auf dem Rechner. Der Name dieses Wunderdingens ist “WindLight”.
Second Life hat zwar eine eigene Software, aber mit Open Source ist grundsätzlich auch die Nutzung einer anderen GUI, einer Software-Oberfläche für den User denkbar. Alles was letztendlich auf deinem Rechner interpretiert wird, also nicht als grafische Texture hinterlegt ist, ist ja theoretisch auch anders darstellbar. In Second Life ist das zum Beispiel der Himmel, die Wolken, aber auch Wasser, die Wellen, das Meer – und mit einigen Abstrichen auch die Avatare eben selbst, soweit eben “interpretiert”. Mit WindLight hatte Second Life selbst bereits vor einigen Monaten so eine andere Oberfläche vorgestellt (siehe auch Bericht bei Golem), allerdings wohl enorm buggy und für die meisten User damit unbrauchbar. Nun aber gibt es Second Life WindLight als “First Look”-Version (Download hier), eine – nach eigener Erfahrung – sehr stabilen Beta und der Effekt bei mir war ein begeistertes Abklappern meiner Lieblingsecken um nun noch mehr zu staunen. Wer Second Life mag und einen halbwegs aktuellen Rechner hat, wird kaum mehr zurück auf den normalen Client zu bewegen sein. Nach dem “weiterlesen” zwei visuelle Eindrücke/Gegenüberstellungen, die ganz bewusst nicht auf das klassische Panorama abzielen, sondern den Effekt im Detail zeigen, die Kleinigkeiten eben, wie Wasser und Wolken, die aber ein ganz neues Reality-Feeling erzeugen. Das sind die Evolutions-Schritte, die mich an die Zukunft einer solchen Plattform glauben lassen.


Oben die normale Ansicht eines Sees bei Nacht, unten der gleiche Blick mit WindLight.


Auch hier: Oben der Blick in den Nachthimmel im normalen Viewer, unten mit WindLight. Und dazu ist alles noch individuell konfigurierbar, Wellen, Wolken, Farben. Beeindruckend.
Nachtrag 20.11.2007
Begeisterung auch bei anderen Nutzern mit schönen Beispielscreens
WindLight Update 2007-11-20

4 Comments
Der große Hype um Second Life ist in der Tat vorbei. Dennoch ist das Phänomen aktueller der je, da es sich durchaus verselbstständigt, andere Lebensbereiche durchdringt und mittlerweile trotz geringerer Aufmerksamkeit munter vor sich hin entwickelt.
Am Montag den 19.11. sendet der RBB um 22.05h einen Film zum Thema: “Second Life – mein digitaler Zwilling”.
Bei Polylog.tv wird der halbstündige Film danach zu sehen sein. Dort darf er dann auch kommentiert werden.
Auf SLinside.de haben wir kürzlich einen Test des Windlight-Viewers auch in der Nahansicht veröffentlicht: http://slinside.com/index.php?option=com_content&task=view&id=905&Itemid=86
Ein guter und richtiger Schritt für Second Life.
P.S. Sehr guter und detailierter Artikel.
Euer Artikel mit dem Gesichts-Vergleich ist aber auch gut, hab ich mir schon länger im Feedreader markiert. Ist leider genau so – die Stärken in der Landschaft werden durch die Schwäche in den Avataren getrübt.
… und durch die Stabilität
Ich persönlich setze im täglichen Einsatz seit Oktober auf den Onrez Viewer. Aber ich glaube dass die Grafik ausschlaggebend für SL ist in naher Zukunft und ein richtiger Schritt.