Zufall? Erst vor wenigen Tagen in Köln, dann heute die Meldung aus Kaarst: Geplante Amok-Läufe werden im Internet angekündigt und können per Polizeieinsatz rechtzeitig gestoppt werden. In Kaarst gab es nun Entwarnung, in Köln brachte sich einer der an der Beteiligung verdächtigen nach seiner Vernehmung selbst um.
Doch das war vielleicht nur die Spitze des Eisbergs. Denn offenbar waren noch weitere Schulen betroffen. Heute morgen wurde mir aus einer Schule im Rhein-Main-Gebiet folgende Mail vom Vorabend zugespielt (von einer Mutter eines Schülers, die den Inhalt als authentisch bestätigte):
Liebe Elternvertreter,
Frau ### ist zur Zeit in ###, weshalb ich die letzten Stunden heute am Telefon verbracht habe und erst jetzt dazu komme, Sie über die Ereignisse zu informieren. Zunächst vorab: Nach allem was uns (dem Vorstand des ### aus den Gesprächen mit der ### bekannt geworden ist, besteht keine Gefahr und es hat wohl auch keine Gefahr bestanden und Sie können Ihre Kinder morgen in die Schule schicken und Ihre Eltern entsprechend informieren.
Die Sachlage stellt sich wie folgt dar:
Ein Schüler aus unserer Schule hat im Internet in einem Chat eine wage Andeutung gemacht, morgen werde etwas passieren. Diese Info ist an die Schulleitung gelangt, die meines Wissens nach alle erforderlichen Schritte eingeleitet hat, dh die Polizei und Psychologen sind eingeschaltet worden, der Schüler ist namentlich bekannt und er steht in intensivem Kontakt mit der Polizei und der Schulleitung. Morgen wird der Schüler ganztägig unter Auffsicht der Polizei und von Psychologen sein. Sie können bei dieser Sach- und Informationslage also Ihre Eltern informieren, dass sie ihre Kinder morgen in die Schule schicken können. Wichtig wäre, dass Sie die ohnehin kochende Gerüchteküche nicht noch weiter anheizen.
Ich hoffe, dass diese Info Ihre Informationswünsche halbwegs befriedigt und bei weiteren Fragen können Sie mich gerne heute noch bis 23:00 anrufen unter ########
Herzliche Grüße
#####
Ps: Sehen Sie mir die vielen Tippfehler nach, aber zum sauberen Schreiben besteht keine Zeit im Moment
Offenbar sind also noch weitere Fälle bekannt, die aus mir unerfindlichen Gründen in der überregionalen Presse keine Beachtung finden. Doch warum? Unkenntnis oder besteht doch die eigene (oder politische) Sorge, dass eine Vielzahl von Fällen (wenn es denn noch weitere als diese gibt) einen Flächenbrand der Panik ausbreitet und Trittbrettfahrer oder schlimmstenfalls sogar Nachahmer die Gelegenheit nutzen?
Doch neben dieser Ungereimtheit ist auch für mich im obigen wie im Kaarst-Fall auch Aufklärungsbedarf. Wie bitte gelangen solche Chat-Fragmente an die Schulleitung respektive die Polizei? Angenommen es gäbe da aufmerksame Beobachter innerhalb des Chats, die ihre Bürgerpflicht taten, dann wäre das ja legitim, doch davon war nicht die Rede. In Kaarst sickerte etwas mehr durch:
Dort waren Ermittler in einem geschlossenen Internet-Chatbereich auf ein Gespräch gestoßen, in dem ein möglicher Amoklauf in der deutschen Schule in Kaarst-Vorst nicht ausgeschlossen wurde.
Offenbar haben sich zwei Personen darüber unterhalten, dass sie wiederum über einen Dritten von einer bevorstehenden Gewalttat an der Schule gehört haben wollen. Konkrete Hinweise auf eine Gewalttat habe es nicht gegeben, sagte der Polizeisprecher.
Trotzdem reagierte die Polizei sofort: Einsatzkräfte riegelten die Schule in Kaarst ab. Der Unterricht wurde nach Rücksprache mit der Schulleitung aus Sicherheitsgründen abgesetzt.
Für eine Bewertung, wie die von den finnischen Ermittlern abgefangene Warnung einzuschätzen ist, sei es noch zu früh…
Wie kommt die finnische Polizei an die Chat-Protokolle bzw. in den geschlossenen Chatbereich? Auf welchen Anlaß hin? Was heisst konkret “die von den finnischen Ermittlern abgefangene Warnung”, wie wurde die “abgefangen”? Und: Arbeitet die deutsche Polizei (siehe oben) auch so? Sind so gewonnene Erkenntnisse verwertbar? Welche gesetzliche Grundlage besteht?
Ich weiß, eine Gewissens-Frage: Ein Amok-Lauf wurde mutmaßlich verhindert. Wie kann man da über so bürokratisches wie die Ermittlungsarbeit der Polizei diskutieren? Ich denke: Man muss! Wir diskutieren hier hitzig über Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherung und lesen dann en passant, dass finnische Behörden Informationen aus Chats “abfangen”?
Wie darf ich mir das vorstellen? Werden Chats generell gescannt? War es ein Zufallsfund? Wurde das abgefangene Gespräch in einem offenen Kanal geführt oder in einem privaten Chat-Raum? Bedeutet das, dass auch meine Gespräche generell gescannt werden, dann aber ohne öffentliches Interesse keine Beachtung finden?
Viele offene Fragen, auf die die Öffentlichkeit bei aller Sorge um grassierende Amok-Läufe ein Recht auf Antworten hat.
Und bei allem bleibt noch die zweite Frage von oben offen: Kennen wir wirklich alle aktuellen Fälle? Oder hält da einer den Deckel gerade drauf?
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Zufall? Erst vor wenigen Tagen in Köln, dann heute die Meldung aus Kaarst: Geplante Amok-Läufe werden im Internet angekündigt und können per Polizeieinsatz rechtzeitig gestoppt werden. In Kaarst gab es nun Entwarnung, in Köln brachte sich einer der an der Beteiligung verdächtigen nach seiner Vernehmung selbst um.
Doch das war vielleicht nur die Spitze des Eisbergs. Denn offenbar waren noch weitere Schulen betroffen. Heute morgen wurde mir aus einer Schule im Rhein-Main-Gebiet folgende Mail vom Vorabend zugespielt (von einer Mutter eines Schülers, die den Inhalt als authentisch bestätigte):
Liebe Elternvertreter,
Frau ### ist zur Zeit in ###, weshalb ich die letzten Stunden heute am Telefon verbracht habe und erst jetzt dazu komme, Sie über die Ereignisse zu informieren. Zunächst vorab: Nach allem was uns (dem Vorstand des ### aus den Gesprächen mit der ### bekannt geworden ist, besteht keine Gefahr und es hat wohl auch keine Gefahr bestanden und Sie können Ihre Kinder morgen in die Schule schicken und Ihre Eltern entsprechend informieren.
Die Sachlage stellt sich wie folgt dar:
Ein Schüler aus unserer Schule hat im Internet in einem Chat eine wage Andeutung gemacht, morgen werde etwas passieren. Diese Info ist an die Schulleitung gelangt, die meines Wissens nach alle erforderlichen Schritte eingeleitet hat, dh die Polizei und Psychologen sind eingeschaltet worden, der Schüler ist namentlich bekannt und er steht in intensivem Kontakt mit der Polizei und der Schulleitung. Morgen wird der Schüler ganztägig unter Auffsicht der Polizei und von Psychologen sein. Sie können bei dieser Sach- und Informationslage also Ihre Eltern informieren, dass sie ihre Kinder morgen in die Schule schicken können. Wichtig wäre, dass Sie die ohnehin kochende Gerüchteküche nicht noch weiter anheizen.
Ich hoffe, dass diese Info Ihre Informationswünsche halbwegs befriedigt und bei weiteren Fragen können Sie mich gerne heute noch bis 23:00 anrufen unter ########
Herzliche Grüße
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Ps: Sehen Sie mir die vielen Tippfehler nach, aber zum sauberen Schreiben besteht keine Zeit im Moment
Offenbar sind also noch weitere Fälle bekannt, die aus mir unerfindlichen Gründen in der überregionalen Presse keine Beachtung finden. Doch warum? Unkenntnis oder besteht doch die eigene (oder politische) Sorge, dass eine Vielzahl von Fällen (wenn es denn noch weitere als diese gibt) einen Flächenbrand der Panik ausbreitet und Trittbrettfahrer oder schlimmstenfalls sogar Nachahmer die Gelegenheit nutzen?
Doch neben dieser Ungereimtheit ist auch für mich im obigen wie im Kaarst-Fall auch Aufklärungsbedarf. Wie bitte gelangen solche Chat-Fragmente an die Schulleitung respektive die Polizei? Angenommen es gäbe da aufmerksame Beobachter innerhalb des Chats, die ihre Bürgerpflicht taten, dann wäre das ja legitim, doch davon war nicht die Rede. In Kaarst sickerte etwas mehr durch:
Dort waren Ermittler in einem geschlossenen Internet-Chatbereich auf ein Gespräch gestoßen, in dem ein möglicher Amoklauf in der deutschen Schule in Kaarst-Vorst nicht ausgeschlossen wurde.
Offenbar haben sich zwei Personen darüber unterhalten, dass sie wiederum über einen Dritten von einer bevorstehenden Gewalttat an der Schule gehört haben wollen. Konkrete Hinweise auf eine Gewalttat habe es nicht gegeben, sagte der Polizeisprecher.
Trotzdem reagierte die Polizei sofort: Einsatzkräfte riegelten die Schule in Kaarst ab. Der Unterricht wurde nach Rücksprache mit der Schulleitung aus Sicherheitsgründen abgesetzt.
Für eine Bewertung, wie die von den finnischen Ermittlern abgefangene Warnung einzuschätzen ist, sei es noch zu früh...
Wie kommt die finnische Polizei an die Chat-Protokolle bzw. in den geschlossenen Chatbereich? Auf welchen Anlaß hin? Was heisst konkret "die von den finnischen Ermittlern abgefangene Warnung", wie wurde die "abgefangen"? Und: Arbeitet die deutsche Polizei (siehe oben) auch so? Sind so gewonnene Erkenntnisse verwertbar? Welche gesetzliche Grundlage besteht?
Ich weiß, eine Gewissens-Frage: Ein Amok-Lauf wurde mutmaßlich verhindert. Wie kann man da über so bürokratisches wie die Ermittlungsarbeit der Polizei diskutieren? Ich denke: Man muss! Wir diskutieren hier hitzig über Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherung und lesen dann en passant, dass finnische Behörden Informationen aus Chats "abfangen"?
Wie darf ich mir das vorstellen? Werden Chats generell gescannt? War es ein Zufallsfund? Wurde das abgefangene Gespräch in einem offenen Kanal geführt oder in einem privaten Chat-Raum? Bedeutet das, dass auch meine Gespräche generell gescannt werden, dann aber ohne öffentliches Interesse keine Beachtung finden?
Viele offene Fragen, auf die die Öffentlichkeit bei aller Sorge um grassierende Amok-Läufe ein Recht auf Antworten hat.
Und bei allem bleibt noch die zweite Frage von oben offen: Kennen wir wirklich alle aktuellen Fälle? Oder hält da einer den Deckel gerade drauf?
5 Comments
Letztes Jahr habe ich ein interessantes Buch gelesen: The Tipping Point. Im letzten Kapitel geht es um die signifikante Häufung von Selbstmorden in Mikronesien. Junge Männer haben sich umgebracht, viele haben das nachgeahmt bis die Selbstmorderei irgendwann vollkommen außer Kontrolle geraten ist. Amoklaufen unterliegt genau dem gleichen Phänomen. Einige brechen den Damm und dann häuft sich dieses Phänomen. Je mehr darüber geredet wird, um so mehr wird sich dieses Phänomen häufen. Andererseits: was sind die Alternativen? Totschweigen? (<– dummes Wortspiel, ich weiß)
Ein gaanz schwieriges Dreieck:
Ermittlung hier – Informationsbedarf da – Bedrohung dort
Da gibt es doch diesen Cybercrime-Vertrag des Europarates. Laut dem müssen Erkenntnisse aus der Vorratsdatenspeicherung im Bedarfsfall an 52 Staaten ausgeliefert werden… aber frag mich nich nach Links, müsste jetzt selber googeln…
Gewiss ist es gut, wenn ein Amoklauf verhindern werden konnte, doch diese Tendez zur totalen Überwachung besorgt mich. (Gut, als Schweizer etwas weniger, doch die Tendenzen sind auch hierzulande vorhanden.)
Zudem ist das mit Chats und Gesprächsfetzen und privaten Äusserungen eine heikle Sache. Denn wie kann ein Ermittler unterscheiden, ob eine dahingeworfene Aussage nun ernst gemeint ist oder doch nicht? Anders gesagt: Personen in Rage sagen viele Dinge, die sie später vielleicht bereuen. Doch das sind unüberlegte Äusserungen, die nur bei sehr labilen Personen einen Bezug zur Wirklichkeit haben. Und wie will der Beamte wissen, wer nun labil ist und wer bloss ein Choleriker?