Schutzfolien und Schonbezüge

Symbolphoto - Bild © Endl 2007

Es gibt Menschen, die entfernen die Schutzfolien von Geräten nicht. Also ich meine nicht die, die es gar nicht merken und verdutzt gucken, wenn du mit zwei Fingern an der Lasche nach Monaten des Gebrauchs fragst, ob du das nicht für sie mal entfernen solltest. Ich meine die, die penibel darauf achten, dass die Display-Schutzfolie dran ist und bleibt. Am Videorecorder, am Handy und natürlich an der Digitalkamera. Es würde mich mal interessieren, ob es einen Zusammenhang gibt und diese Leute auch Schonbezüge in ihrem neuen Auto haben.

Die Frage ist für mich, welchen Sinn es macht etwas zu schonen und schützen. Alte ausgelaugte Autositze so wieder etwas ansprechender zu machen ist nicht das Thema, auch nicht um gräßliche Farben des an sich prima Gebrauchten zu kaschieren. Es geht darum das Neue, das Makellose zu bewahren – doch für was? Was habe ich davon zu wissen, dass das Display „unter“ dieser hässlichen Folie, die dann sogar von manchen auch noch regelmäßig ersetzt wird, eine wunderebare Haptik und Schönheit hat?

Eine Folie hat für mich immer die Ästhetik einer Folie, nie der Brillanz von Glas oder wenigstens die Anmutung von glattem, polierten gehärteten Plastik. Tauscht man das Gefühl das Perfekte zu bewahren gegen den Genuß dessen ein? Siegt die Angst davor, dass es sich abnützt, verkratzt oder an Wert verliert?

Mein Vater hatte einmal einen leicht neurotischen Kollegen, der sein Auto nicht nur pflegte, er behandelte es wie ein Juwel. Die Frau durfte nicht einmal mit Ringen am Finger den Wagen besteigen, an Regentagen fuhr er mit dem Fahrrad und bei Flugrost auf dem Auspuff ließ er selbigen komplett austauschen. Als der Wagen dann doch in die Jahre kam trennte er sich schweren Herzens davon und verkaufte ihn an einen Freund seines Sohns, der als erste Amtshandlung den Wagen per Hand umlackierte… (Anm.: Keine Sorge, lieber Leser, der Kollege meines Vaters hat es überlebt)

Handys gehen kaputt, ob mit oder ohne Schutzfolie, sie altern und werden mit Zeitablauf wertlos. Autositze können unter den Schonbezügen vielleicht lange ihre Ursprungsfarbe bewahren und fleckenfrei bleiben, aber abgenutzt und ausgesessen werden sie so oder so. Und was nutzt es mir, wenn ich dann ein paar Euro mehr bekomme, weil der bessere Zustand des Wagens oder des Handys dem Nachkäufer das auch mehr wert ist, denn diesen Mehrwert musste ich mir ja auch selbst versagen, ich mache also keinen Gewinn.

Ist das vielleicht ein Lebensprinzip? Lieber etwas nicht zu benutzen, nicht nach außen tragen, es bewahren und schonen, nur damit es nicht kaputt geht oder Kratzer bekommt? Oder gehört das Vergängliche, die Abnutzung, nicht zu uns, macht etwas erst auch zu unserem, zu einem Teil des Lebens? Ich meine das nicht nur in Bezug auf Gegenstände, sondern auch in Bezug auf Situationen, Gefühlen, Erlebten und Geteiltem. Lieber etwas wegpacken, in die Erinnerung stauen, als es in die Hand nehmen und damit leben. Auch auf die Gefahr hin, dass es sich verändert, dass es vielleicht kaputt geht, ersetzt werden muss? Ist es das nicht wert, bevor wir etwas unter Verschluß verrotten lassen oder nach Jahren feststellen müssen, dass das, was da so wie neu in seiner Schachtel liegt, längst uns nicht mehr passt oder seinen Reiz und Glanz längst verlor?

Meine Frau hatte wohl Recht: Als ich mit meinem neuen Fahrrad meinen ersten Abflug hatte und beklagte, dass nun der Lenker einen sichtbaren, wenn auch nicht tragischen, Schaden als Andenken mitbekam, da sagte sie: Jetzt ist es Deines.