Parabel eines großartigen Spiels

Bild © Endl 2007

Langweilig, vorhersehbar. Es kotzt mich an. Peter Jensen aka pitmachine42 kaut unzufrieden auf seiner kalten Pizza. Die KI hätte längst ein Update vertragen können. Das ist doch alles Schrott, das ist doch kein neuer Ansatz, da ist null Innovation.

Peter hatte sich definitv mehr versprochen vom „Traumjob“. Senior Game Architect hieß es, Gruppenleiter und zuständig für die Implementierung der komplett neuen KI in das Spiel vom Marktführer himself. Komplett neue Standards wollte man setzen und damit selbst MMORPG in Grund und Boden stampfen.

Aber DAS hier ist Schrott. Aufgebrühter Kaffee! Das ist die alte Engine mit ner neuen Surface und ein paar Gimmicks sowie der Gamecontrolle aus der Consolen-Variante. Die hauen uns das sowas von um die Ohren. Peter ist unzufrieden. Seine Ideen waren noch nicht mal besonders gefragt. Das klang noch anders, als man ihm zur Aufgabe seiner eigenen kleinen Software-Schmiede köderte und ihn mit nem fetten Gehalt lockte.

Eine komplett neue Form von Künstlicher Intelligenz sann er vor sich hin das wäre es. Und das war es, was ihn auch – neben Firmenwagen und Gehalt – auch schnell entscheiden ließ. Ohne die ganze Infrastruktur hier wäre das nicht mal denkbar gewesen. Dass hier das Controlling und das Marketing am Ende eine Luftnummer draus werden lassen und alles im Keim abbügeln, was ein wenig Entwicklerarbeit bedeutet hätte, das kotzt ihn an.

Was wäre das geil gewesen, ein Spiel, dass so noch keiner gekannt hätte. Eine Art Terrarium im eigenen Rechner. Nicht was man bisher kannte! Ein lebendiges Wesen, dass die Grenzen der Definition von „Spiel“ komplett sprengt. Peter sinniert über seiner Tasse Kaffee. Ein sich selbst entwicklende Spielstruktur, basierend auf letztendlich einfachen und klaren Gesetzen und Regeln. Eine Plattform, kein Korsett, ein Boden für Wachstum. Grenzen? Nicht wie man sie kannte.

Das Spiel hätte – einmal gestartet – eine Symbiose mit dem Wirt gebildet, der Wirt ist das System, auf dem es installiert wurde. Zugewiesener Festplattenplatz? Eine Definition von gestern. Vielleicht, ja. Vielleicht…

Peter greift in seine Papiertüte und tastet nach den letzten Krümeln. Ob sich das Spiel daran hält? Wer weiß es. Jedes Spiel würde sich anders entwickeln. Es hätte Freiräume, Raum für Zufall, für Entwicklung. Der Besitzer würde besessen werden davon nur zuzusehen. Sein Eingreifen wäre wie eine Beschädigung. Das Spiel wäre in der Lage sich selbst zu kalibrieren, zu entwicklen, zu expandieren, zu kommunizieren … irgendwann. Vielleicht.

Er starrt nur noch mit leeren Augen auf den Bildschirm, der ihn im totalen Dunkel des Büros mit Licht umflutet. Das Spiel würde sich selbst erfinden, jedes Spiel anders. Die Zutaten kann der Besitzer einwerfen, Module, Kenntnisbausteine, Objekte. Grenzen gibt es keine. Das Spiel lernt sich selbst kennen, entwickelt sich und hätte die Fähigkeit sich selbst zu regenerieren. Fragmentierte Daten? Das Spiel könnte lernen sich selbst zu defragmentieren. Kaputte Bausteine? Mit etwas Glück lagert sich das Spiel selbst aus oder geht zu Grunde. Alles ist möglich. Peter ist in Gedanken vollkommen versunken. Vielleicht würde es umsiedeln, mit seinen Spielfiguren. Spielfiguren? Vielleicht gäbe es sie, vielleicht nicht.

Vielleicht würde das Spiel eine Gesellschaft entwickeln oder ein einziger Organismus sein. Ja, Organismus, eine Lebensform. Sie würde vielleicht beginnen sich selbst zu entdecken, sich zu verstehen. Vielleicht würde es versuchen zu kommunizieren, das DSL-Kabel entdecken und eine P2P-Protokoll begreifen. Neue Festplatten zu besiedeln.

Er ist aufgestanden, geht sinnierend zur Toilette. Vielleicht würde es andere Individuen seiner Art suchen. Beziehungen aufbauen, Hardware aktiv selbst verändern oder in neue Zusammenhänge bringen, beginnen komplett neue Ideen zu entwickeln. Vielleicht würde es begreifen lernen, was es selbst ist. Vielleicht würde es hinterfragen, wer hinter dem allen steckt.

Vielleicht würde es beginnen mit seinem Besitzer zu kommunizieren? Vielleicht auch sich von ihm zu emanzipieren. Vielleicht würde es an seinem Sinn zweifeln. Aufstreben. Gegen sich selbst, den Besitzer. Andere seiner Art.

Peter hält inne. Starrt auf seine Hände, die er gedankenverloren seit Minuten wäscht und sieht das Wasser über seine Finger rinnen. Sein Blick wandert nach oben zum Spiegel über dem Waschbecken und er sieht sich selbst in die Augen.