Von Fleiß und anderen Talenten

Für mich ist Fleiß immer grund falsch verstanden in unserer Gesellschaft – entweder es wird einem vorgeworfen oder als Begründung angeführt. Von Schulzeiten an. “Schau! Nimm dir an dessen Fleiß ein Beispiel!” oder “Bei allem Fleiß konnte er es nicht schaffen, ihm fehlte halt das Talent”. Dem Fleißigen fehlt bisweilen das Talent und dem Talent der Fleiß, Quatsch, meiner Meinung nach, denn der Fleiß ist für mich einfach ein Talent.

Fleiß ein Talent wie schnelles Begreifen, wie gute Schreibe, wie den berühmten Federstrich. Der Unterschied, sagt man, sei, dass Fleiß erlernbar ist. Doch meiner Meinung nach ist das genau der Punkt, den ich auch für fehlendes anderes Talent anführe. Nehmen wir Genies einmal raus, dann ist doch das meiste, was wir tun, das Produkt dessen war wir selbst lernten. Wenn wir heute einen Jojo für seine Comics heute lieben, oder einen Blogger für seine Schreibe schätzen, dann ist dies zwar einerseits dem geschuldet, dass es ihm leicht von der Hand geht – aber doch auch nur, weil er sein Talent suchte und ausbaute, kultivierte. Auch Jojo fing mal an und da merkte man, dass es noch dauern würde, bis der lockere Strich sich finden würde. Und auch man selbst kennt doch seine Geschichte, wie lange man eigentlich doch dran blieb an einem Thema, an Fotografieren oder Schreiben oder was auch immer, bis man heute mal aus dem Ärmel etwas schüttelt, wo andere sagen: hey, na für dich ist das doch kein Problem, wenn ich nur das so leicht könnte. – Tat ich das nun, weil ich Talent hatte, oder weil sich da Fleiß und Talent traf? Oder vielleicht weil ich da das Talent habe, dafür fleißig zu sein?

Es ist fast wie ein Vorwurf, wenn gesagt wird: Der eine rackert sich ab, dem Talentierten wird es geschenkt. Doch dabei erkennen die Fleißigen vielleicht nicht, dass ihr Fleiß das Talent ist, das ihnen geschenkt wurde. Vielen “Talenten” fehlt nämlich der Fleiß und das wird ihnen als Charakterschwäche ausgelegt – ich aber sage: es fehlt ihnen einfach etwas, dafür haben sie etwas anderes. Wenn Fleiß und Talent (und ein paar gute Rahmenbedingungen) zusammen treffen, dann merkt man, dass etwas Herausragendes entsteht.

Ich widerspreche der These, es sei charakterlich eine größere Leistung, fleißig zu sein. Ich halte es schlicht für eine andere Art von Talent. Willensstärke zu zeigen, den eigenen Schweinehund zu überwinden, ist für mich keine herausragende Leistung, wenn man dazu talentiert ist, das zu tun, also das Talent dazu hat, sich überwinden zu können. Was ist daran charakterlich besonders hervorhebenswert?

Nur mal hypothetisch: Wenn man wählen könnte, welche Talente man auf dem Weg mitbekommt, würde man sich für den Fleiß entscheiden? Oder würde man herausragende Fähigkeiten wählen, wie musikalische Begabung, dann aber Zeit seines Lebens sich schwer tun und mit sich und seinem Talent kämpfen, damit man dieser Begabung auch gerecht wird? Oder wäre nicht doch eher eine mittlere Begabung mit Fleiß die bessere Wahl, also das “Talent” sich auch hinzusetzen und zu üben und sich dabei nicht jeden Tag aufs neue einen erbitterten Kampf mit seiner Selbst stellen zu müssen?

Das Gedankenspiel ist nun nicht auf Krisensituationen gemünzt, Existenzangst und Notsituationen verändern das Bild. Es geht auch nicht um krasse Missverhältnisse Marke “Ungelernter Bauarbeiter und Professor”. Es geht um Menschen in ähnlichen Lebenslagen und auch nicht um Spezialbegabungen, es geht um zwei Schüler, bei denen der eine sich abquält und der andere die Lösung schnell parat hat. Der eine muss sich alles erarbeiten, was dem anderen quasi zufliegt. Doch irgendwann kommt nämlich der Punkt, an dem das Talent nicht reicht, da zieht der Fleißige dann vorbei und der Weg an den Schreibtisch um zu pauken ist hart, für manchen zu hart und daran scheitert er dann – Charakterfrage? Oder doch eine Frage der Begabung fleißig sein zu können? Mag ein Teil des Weges leichter gefallen sein, das eine ohne das andere funktioniert aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

Manche sagen: Fleiß sei doch für jeden erlernbar. Und zitieren dann sich selbst, wie “faul” sie früher waren und nun sich durchgebissen hätten und heute wissen, wie man sich überwindet. Ich werfe dem entgegen: sie kannten nur ihr Talent zum Fleiß nicht. Das ist wie ein spät entdeckter Musiker, der früher nicht mal Noten lesen konnte oder Flöte spielen. Erst als er die ersten Schritte machte und begann sein Talent zu entdecken, wurde es offenbar.

Soll das nun “Faulheit” rechtfertigen? Nein, es bedeutet für mich zum einen, dass Fleiß keine charakterlich lobenswerte gesteigerte Willensstärke ist, die aber dann doch gegenüber vorhandenen Talent als minderwertig, wenn nicht bedauernswert einzustufen wäre. Fleiß und Talent sind keine sich gegenüberstehenden Elemente, sie sind sich gleich, sie sind eins. Mag sich der freuen, die Fähigkeit zu haben sich das zu erarbeiten, was ein anderer vielleicht hat. Denn den Fleiß sich zu erarbeiten, das ist vielleicht schwerer als man glaubt.

P.S. Und Ehrgeiz ist noch mal ein eigenes Talent. ;-)

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Facebook-Kommentare

2 Comments

  • 1
    birgit
    13. Februar 2008 - 13. Februar 2008 14:08 | Permalink

    hm. naja.

    kommt darauf an, was man erwartet.
    aus der lehre an der uni (produkt design) meine ich: Es ist sehr schlimm, wenn jemand, der kein Talent hat, sehr fleißig ist. Lernen tut er allerdings mehr als der faule talentierte. Aber der würde mit weitaus geringerem Lernaufwand tolles vollbringen.

    Wahres Können ist ja nicht nur, ob jemand ein für sich okees Ergebnis erzielen kann, sondern ob da etwas entsteht, was sich im gesellschaftlichen Kontext hervorhebt, herausragt (so was wollten wir immer als Lehrende an der Uni fördern, logisch).

    Ob ein “Dranbleiben” an den Talenten allerdings als Fleiß bezeichnet werden kann, bezweifle ich.

    Man kann sich ja wunderbar in den Thema verheddern…merke ich gerade…

    AntwortenAntworten

  • 2
    13. Februar 2008 - 13. Februar 2008 14:15 | Permalink

    gg

    ging mir gestern auch so, als ich mal drüber anfing nachzudenken …

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    Ich glaub, das war's.