Ermäßigter Erwachsener als Personenbeförderungsfall

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Ich fahre nicht schwarz, aus Prinzip nicht. Es gibt ein paar Situationen, da erscheint es mir legitim, wie z.B. wenn ich in die falsche U-Bahn spring und wieder zurück muss, da fände ich drei Fahrten zu zahlen Irrsinn. Früher machte man mal mit, wenn die anderen deiner Jugendclique alle einfach reinsprangen. Heute laß ich sie einfach springen und hol mir in Ruhe mein Ticket und nehm die nächste. Für mein persönliches Empfinden hat sich da viel getan. Früher fühlte ich mich cool, wenn andere dachten, ich wäre cool und ich dachte, andere denken, ich wäre cool. Heute mache ich einfach was ich für richtig halte und die Meinung der anderen interessiert mich dann nur noch bedingt.

Nicht-Schwarzfahren ist vielleicht eine Mischung aus Moralvorstellung, Einsicht in die Notwendigkeit, Obrigkeitshörigkeit und schlicht das Bedürfnis mich vollkommen unaufgeregt in die S-Bahn werfen zu können, ohne dass Panik aufkommt, jedesmal wenn im letzten Moment einer noch zusteigt. Und so saß ich also unaufgeregt da, als der Zugbegleiter (ich nahm mal den Regionalzug und da sind die Kontrolleure die Schaffner Zugbegleiter) zum Rapport Vorzeigen des Belegs für die ordnungsgemäße Entrichtung des Beförderungsentgelts bat. Er musterte mich (vielleicht saß ich wirklich in meinem Anzug und meinem Langmantel auch einen Tick zu desinteressiert da, aber hey! es war abend und ich müde!), dann meinen Fahrschein, dann zögerte er. „Warum ermäßigt? Sie fahren ja mit einem Kinderfahrschein!“ … das saß und Schluß war mit der Gelassenheit, innere Ausgeglichenheit ade. „Was?!“

Ich frage mich ja oft, warum man in solchen Situationen so bescheuert und belanglos mit Füllfragen reagiert, aber man braucht ja eben auch mal Zeit um sich auf die neue Gegenbenheit einzustellen. Meine Selbstkritik hielt sich also in Grenzen. Ich brauchte auch tatsächlich um a) zu erkennen, dass ich mich wirklich nicht beim Ticket-ziehen vertan hatte und b) eine hinreichend fundierte Theorie aufzustellen, was in aller Welt in dem Hirn des Herrn Kontrolleur denn da gerade tickte.

Das „ermäßigt“ irritierte ihn wohl, aber was kann ich dafür, dass der RMV seine vergünstigte Zeit außerhalb der Stoßzeiten mit „Erwachsene ermäßigt“ betitelt. Dieses kleine Detail, das im RMV solange ich denken kann bereits eingeführt ist, ist dem Kontrolleur offenbar nicht geläufig gewesen. Und ich frage mich: Was, wenn nicht das, könnte einem Kontrolleur eigentlich sonst in seiner beruflichen Laufbahn geläufig sein?

Auf den Umstand der vergünstigten Tarifzeit wies ich ihn freundlich aber bestimmt hin. Und er sah mich dabei an – lange, unverständig – und irgendwo in der Leere des Raums seiner Selbst spürte man förmlich, dass bei ihm irgendwas klingelte, aber leise. Dann ging er.

Als ich ausstieg sah ich ihn noch einmal, denn Kontrolleure in Regionalzügen sind ja Zugbegleiter in Personalunion und kontrollieren an jedem Bahnhof das, was S-Bahnen zwanghaft ohne fremdes Zutun erledigen: Das Schließen der Türen. Er ging an mir (oder ich an ihm) vorbei und er sah mich noch einmal direkt an, mit diesem Blick, den man nicht vergisst, dieses „Ich behalte dich im Auge“.

Ich fahre jetzt für längere Zeit wieder S-Bahn und versuche innerhalb der Stoßzeiten zu bleiben.