Dabeisein ist alles – Olympia made in China

Bild © Endl 2008

Jetzt schlagen sie wieder zu, die Apostel der deutschen Restmoral, im wiederentdeckten Gefühl dieser komischen Rechte, die man am liebsten bei anderen anprangert, diese „Menschenrechte“. Und wer könnte und sollte da besser die moralischen Lorbeeren einfahren als unsere „Olympioniken“. Boykott, iss klar, wer kann schon sportlern wenn daneben in Tibet die Mönche vom Berg getrieben werden?

Scheinheiligkeit as usual in diesem mittlerweile morallosen Land, das einzig die Toleranz noch auf ihren Fahnen zu stehen hat. Toleranz vor allem und jeden – was auch nicht schwierig ist, wenn man keine eigene Position mehr hat, die man gegen andere verteidigen kann mangels Identität. Also mal hübsch alles tolerieren, was einem nicht an den Kragen will, und hübsch opponieren, wenn es politisch weit weg ist und in der Konsequenz von allem nur nicht einem selbst umzusetzen wäre. China und Olympia, das ist da so eine passende Sache. Boykott! Der Aufschrei quasi als redliche Bürgerpflicht. Und wenn kein Boykott, dann wenigstens die Forderung nach Wut und Brandreden am Siegertreppchen – man muss ja nicht selbst reden sondern nur im TV zusehen und ein „Jawoll“ dazu rülpsen.

Dass dabei die eigenen politischen Heroen nie die Klappe aufbekamen, dort im fernen China bei offiziellen Besuchen, und maximal so zwischen Tür und Angel und womöglich auch nur wenn sichergestellt ist, dass nur West-Stationen auf Sendung sind, ein „aber in Ordnung ist das nicht“ rauspressen und nachschieben „also das mit den Menschenrechten und so“, um dann mit dem mitgeführten Tross von Vertretern aus Großindustrie und Mittelstand zum Buffet zu schlendern, wird irgendwie hingenommen. Schließlich geht es ja hier um Business und nicht um die Rettung der Welt und vor allem nicht dieser Welt dort in den Bergen mit den komischen Mönchen.

Apropos Wirtschaft: Ja, wie sagte einst Herr Schrempp (oder war es einer aus dem Siemens-Clan?), es sei ein viel zu großes Risiko in China nicht dabei zu sein, jedenfalls wäre das Risiko mitzumachen nicht so groß wie nicht mitzumachen. Oder so ähnlich. Aber was meinte er denn damit? Wahrscheinlich meinte er, dass die Aussicht ein Krümelchen vom Aufschwung des Ostens abzubekommen um die einzige gültige Währung dieser Generation zu befriedigen: Wachstum. Wachstum um jeden Preis. Auch wenn es bedeutet, dass man auch die letzten Innovationen eines ehemaligen technischen Kreativ-Staates auf dem Silbertablett übergibt. Aber auch das ist ja was, immerhin mal ein Zeichen gesetzt, dass man dem großen Bruder aus dem Westen nicht alles übergibt was man je ersonnen hat. Die meisten Innovationen werden sonst ja übern Teich geschippert und verwertet.

Das Risiko nicht dabei zu sein … ja, das werden sich die Olympioniken vielleicht auch denken. Was nützt es ihnen, wenn sie – vielleicht gerade in der Form ihres Lebens – einmal was Selbstgebasteltes auf’s Regal stellen können – Marke: Goldener Olympia-Verweigerer-Zweig am Bande, Olympiasieger der Herzen sozusagen. Wer erinnert sich eigentlich an die Olympiaverweigerer der vergangenen Olympiaden?

In China hat sich doch nicht wirklich viel getan, seit der Vergabe der Spiele? Oder irre ich mich? Nur weil man nun die nie verhohlene politische Marschrichtung gegen Dissidenten und Widerstand jeder Art einmal mehr demonstrierte? Mit Vergabe der Spiele nach China wurde der Grundstein gelegt, die Olympioniken dafür nun moralisch vor die Wahl zu stellen ist das übliche Muster der Scheinheiligkeit dieser Gesellschaft. Am Ende soll doch der Sportler die Moral zeigen, die man sich (sport-)politisch nicht zu zeigen traute.

Woran erinnert mich das nur? Genau! Das ist doch das gleiche Syndrom wie im Konsumentenverhalten. Wir Verbraucher sollen/müssen ja jetzt die Kohlen aus dem Feuer holen. Durch Konsumverzicht gegen Versicherer, Handyhersteller, Ölpreiskollaborateure und Internet-Großkonzerne sollen wir moralisch maßregeln, wozu Politik und Gesellschaft offenbar nicht mehr in der Lage ist. Welch Armutszeugnis, welch ein Gefangensein in Sachzwänge einer globalisierten Welt in der die wirtschaftliche Sanktion der eigenen Überzeugung und Wertvorstellung der Gesellschaft vor geht – und welch Bankrotterklärung der eigenen Handlungsfähigkeit.

Also einfach hinnehmen, was da in China passiert und brav den Sportlern zujubeln bei einer Veranstaltung von der sich China natürlich nichts anderes verspricht als das Feiern von sich selbst? Gute Frage. Ebenso gut wie die Frage, die die Sportler sich selbst stellen müssen, ob und wie sie an so einer Olympiade teil nehmen können und wollen. Aber einen öffentlichen Druck auf die teilnehmenden Sportler aufzubauen ist für mich definitiv falsch. Ein Olympiaboykott wird unser gesellschaftliches Versagen nicht kompensieren.

Vielleicht sollte einfach jeder, der sich bemüßigt sieht den moralischen Finger zu heben, sei es um die Teilnahme an Olympia zu kritisieren, sei es um Unternehmen zu kritisieren, die in China Geschäfte machen, sei es um Blogger zu kritisieren, weil sie Werbung machen für Firmen, die in China Geschäfte machen, mal den eigenen Haushalt durchforsten und Ausschau halten nach Produkten Made in China und sich kritisch selbst fragen, was genau dem System China seine Nahrung für Wachstum gibt. Und was wir entdecken, so eingestanzt im Plastikboden, eingenäht in Kleidungsstücken oder aufgeklebt auf Etiketten, ist ja nur der Teil, den man sieht. Die verbauten Kleinteile in unseren Geräten dürften die eigentliche Masse sein, die uns Made in China umgibt.

Also ein Aufruf zum Boykott chinesischer Produkte? Nein. Ein Aufruf seine eigene Position, das eigene Moralverständnis einmal selbst zu überdenken und daraus die eigenen Schlüsse zu ziehen. Wer kritisieren will, sollte wenigstens wissen, ob er selbst den Boden nährt, auf dem das, was er so anprangert, wächst…