Das Leben endet manchmal mit dem Tod

Bild © Endl 2008

Manchen bleibt das aber auch erspart, denn sie haben eh nie gelebt und ohne Leben fällt ein Tod ja auch gar nicht so auf.

Manche haben vielleicht daran gerochen, manchmal bei anderen ein wenig mitgelebt, aber das ist nicht das Gleiche.

Bei anderen ging es früher zu Ende, irgendwie mitten im Leben. Vielleicht als man etwas verlor, als einem etwas genommen wurde. Oder mit einer eigenen Entscheidung nun zum Ernst des Lebens zu kommen und die Flausen zu beenden. Und damit begruben sie zusammen mit ihren Träumen und Idealen sich selbst gleich mit.

Bei manchen kommt ein spätes Erwachen. Oft dann, wenn das, wofür sie einst alles begruben, plötzlich weg ist. Wenn die Kinder außer Haus sind, man vom Partner verlassen wurde, der Job gekündigt oder man in die Rente eintritt, die man – vielleicht aus gutem Grunde – fast mehr fürchtete als den Tod. – Und dann passt oft die ‚eigene Jacke‘, dieses neue alte Leben, dass man nun mit sich selbst fortsetzen soll, gar nicht mehr, das Ich der vergangenen Jahre ist weg, ein neues nicht in Sicht und man ist auch zu müde um darum zu kämpfen, und das alte Ich früherer Tage wirkt fremd – wie aus einer blassen Erinnerung von etwas, das einem wie aus einem Film vorkommt, in dem man zwar die Hauptrolle spielte, was aber nichts mehr mit dem Hier und Heute zu tun hat. Ein Schauspieler, der ausgedient hat, in einem Film der nicht mehr gezeigt wird.

Vielleicht sollte man sich daher nicht zu schnell von sich selbst trennen und alles über Bord werfen. Denn eine Konstante ist klar: Wer es auf jeden Fall bis zum Ende mit sich aushalten muss … ist man selbst.

Mag dem einen das ein kindischer Spleen sein, wenn der Mann mit dem blauen Hemd und dem Sacko übers Wohlstandsbäuchle auf der Heimfahrt im Zug sich seine alten Tekkno-Scheiben via iPod und Konsorten in die Ohren bläst, oder wenn die Mutter von vier Kindern mit der alten Schulfreundin auf das SAGA-Konzert nach Aschaffenburg fährt. Mag es einem unverständlich sein, warum man sich – als sonst so vernünftiger Zeitgenosse – im Stehblock 7 das Bier vom Nebenmann beim Torjubel über die Haare im Überschwang gießen lässt und sich dabei noch in den Armen liegt. Mag sein, dass das manchen seltsam vorkommt, weil man seine eigenen kleinen Dinge doch so vernünftig wegrationalisierte.

Das kleine bisschen Kind bleiben, dieses sich selbst bewahren mit seinen Macken, seinen Leidenschaften, das ist das, was nochmal was ganz wichtiges wieder werden kann. Irgendwann. Das ist vielleicht dann ‚die Jacke‘, die immer passte und passt, damals wie heute. Die, mit der man sich selbst nie vergessen hat, auch wenn sie lange Zeit meistens im Schrank hing. Meistens, aber eben nicht immer. Und das ist der Unterschied.

Ich würde sowas wie meine alte Platten-Sammlung nicht wegwerfen, auch wenn ich nicht mal mehr weiß, wo der Plattenspieler ist und ob er überhaupt noch ginge – und selbst wenn ich partout darauf keine Antwort habe, warum ich in Zeiten von CD und mp3 überhaupt noch eine alte Schallpatte auflegen sollte.

Und so lief ich die Tage wieder mit Musik im Ohr vom Bahnhof zur Arbeit und zurück und hörte Pixies und Anne Clark. Und ‚die Jacke‘ passt, das bin noch ich, das ist keine Geschichte aus längst vergangenen Tagen, diese „als wir noch jung waren“-Geschichten, das ist hier und jetzt und noch immer „meine Musik“. Das prägt mich noch heute, das gehört zu mir. Weil ich es nie aufhörte immer wieder mal rauszukramen, weil ich es nie als etwas von gestern hinter mir ließ.

Und ich würde es nicht aufgeben wollen, weil es ist wie zu sich heimkommen und man war eigentlich gar nicht weg.

Das ist das Ich, dass nicht aufgegangen ist in dem was ist, den Gegebenheiten, dem Älterwerden, den Funktionen, die man ausübt und auszuüben hat. Aber es ist auch kein Ich, das rebelliert, und kein Ich, das trennt oder das separiert. Keine Fluchtzone, kein Vorbehalt. Das ist einfach das Ich, das definiert: Mich.