Paid Review: Exklusivinterview zum neuen Album von Wolfgang Michels

[Trigami-Review]

Bild © Endl 2008

Zum Erscheinen der neuen Platte „zuhause“ von Wolfgang Michels konnte Zielpublikum Weblog mit dem bekannten Musik- und Medienkritiker Alexander Endl ein Exklusiv-Interview führen:

  • Herr Endl, sie wie finden Sie die neue Scheibe, die heute ja auf den Markt kommt?
  • Ist das wichtig?
  • … ja, äh, dafür sind sie ja nun mal Kritiker, oder?
  • Sie müssen da mal lernen Meinung und Kritik zu trennen.
  • Fangen wir anders an, wie war ihr erster Eindruck
  • Die Frage kommt der Sache schon näher. Als ich die Demo zum ersten mal in Händen hielt war ich zugegebenermaßen schon sehr gespannt. Wenn man um eine Kritik gebeten wird, dann ist das bei einem kreativen Werk einfach doch was anderes, als wenn man bspw über eine Waschmaschine schreibt. Da steckt ja Emotion, Leidenschaft und ne ganze Menge Persönliches in der Musik. Und da dachte ich mir schon: „Wie sag ich es nur, wenn ich es grausam finden würde.“
  • Darf ich hier nachhaken?
  • Das tun sie ja bereits…
  • Mal ganz unverblümt gefragt: Kannten Sie denn Wolfgang Michels nicht?
  • Nein. Und das ist ja auch der Punkt, zu dem ich vielleicht noch einmal komme, wenn ich darf. Aber ich hatte die Möglichkeit einer kurzen Hörprobe vorab, das war ein Eindruck, aber nur ein erster.
  • Dann nur zu!
  • Das erste mal hörte ich die Demo-CD im Player meines Wagens. Und ich war erstaunt. Und beruhigt.
  • … erklären sie uns das!
  • Die ersten Beats des Liedes „sehnsucht“ kamen mir sofort fast vertraut vor, ein klarer stimmiger Schlagzeugtakt, der mich an einen alten Pixies-Song an dieser Stelle erinnerte. Du dumm, du dumm dumm, du dumm dumm, du dumm dumm… Es folgte ein Gitarrenintro wie aus guten alten Alternativ-/Independent-Zeiten. Melodisch-stimmige Gitarrenabfolgen, die aber bereits einen gewissen Biss zu erkennen geben. Melodiös, aber nicht weichgekocht. Michels Gesang holt einen da direkt ab und führt einen stimmlich in eine Rundreise eines Anklangs von Westernhagen, vielleicht sogar eine Spur Lindenberg, vor allem aber die fast schnotterige berliner Art eines Rio Reisers sind unverkennbar. Michels variiert akustisch zwischen betont gesetzten musikalischen Dissonanzen und einer runden, fast schon kitischigen Harmonie. Daraus entsteht – jedenfalls in diesem Song – eine Mischung, die sofort persönlich wird, fast eine Geschichte, die emotional erzählt wird, ein Widerstreit der Gefühle bei der Erinnerung des Erzählten. Das hat mich – da bin ich ehrlich – sofort abgeholt.
  • Das klingt doch sehr positiv! Warum hat sie das so erstaunt?
  • Das will ich Ihnen sagen. Weil es – ohne den Background von Michels zu kennen und ich hatte den Namen davor tatsächlich noch nie bewusst gehört und konnte ihn auch nicht einsortieren – eine Art musikalische Vertrautheit auslöste, ohne dabei als Plagiat zu wirken. Es war kein Wiederentdecken alter Musikstücke, sondern ein Wiedererkennen einer alten Schule vielleicht. Das hat mich so erstaunt.
  • Und danach? Haben Sie recherchiert?
  • Ich wäre ein schlechter Musikkritiker hätte ich das nicht getan. Als ich dabei erfuhr, dass Wolfgang Michels kein später Newcomer ist, sondern eine ganz bemerkenswerte musikalische Historie hat und musikalisch sogar schon Erfolge feierte, als ich noch nicht einmal geboren war, wurde mir einiges schlagartig klarer. Was so vertraut klang waren Musikfragmente, die durch meine Kindheit und Jugend bis heute mich begleiteten. Diese Wurzeln im Akustik- Folkrock und Independent, die Zusammenarbeit mit Rio Reiser, das alles spürt man der Musik an, auch wenn man vorher kein bisschen sensibilisiert darauf war.
  • Also ein gelungenes Album?
  • Bisher hörte ich ja nur zwei Songs davon, wobei zum zweiten Song auch etwas zu sagen ist. Im ersten Moment irritierte er mich und ich dachte spontan: „Rumba?“. Ein ganz eigenwilliger Song, der fast zu melodiös und glatt kommt und sich dabei – anders als im Stück Sehnsucht – ganz offensichtlich musikalischer Anleihen bedient. Aber schon da fragte ich mich: ‚Endl, ist das nun ein Indiz dafür, dass der Titel sehnsucht ein ‚positiver Ausrutscher‘ war, oder ist das ein Auszug aus einem breiten musikalischen Repertoire?‘ Und ich sagte ja schon, ich kannte die Antwort da noch nicht. Danach wurde mir klar, dass meine Intuition richtig war. So wie Rio einst in dieser Breite die Benchmarks belegte und ausnutzte, ist hier Michels auch vorgegangen. Das heisst nun nicht, dass mir der zweite Song wie der erste gefiele, aber es erklärt ihn mir.
  • Werden Sie die Platte kaufen?
  • Na [lacht], vielleicht kriege ich sie ja für diese kreative Rezension geschenkt. Wer weiß!
  • Würden Sie die Platte denn empfehlen?
  • Wer mich kennt weiß, dass ich mich von Geschenken und Vergütungen nicht kaufen lasse, meine Meinung nicht und meine Kritik auch nicht. Ich würde sagen: ‚Hört euch das Stück mal an!‘ Ich denke, nach so vielen Jahren deutschsprachiger Musik in der musikalischen Bedeutungslosigkeit (nimmt man die NDW einmal als Sonderfall aus, sowie Liedermacher und Einzelkämpfer eines Westernhagen oder Grönemeyer nebst Mundart-Bands), hat sich deutsch Gesungenes nicht erst seit Naidoo und die Fantastischen Vier oder die Toten Hosen wieder in der Breite etabliert. Junge Bands, wie Silbermond, aber auch Unheilig oder Grossstadtgeflüster, sind – neben vielen anderen Bands natürlich – feste Größen der Musikkultur in Deutschland. Vielleicht genau der richtige Zeitpunkt für einen ‚alten Hasen‘ im Musikbiz den Jungen zu zeigen, dass guter deutscher Akkustik-Pop-Rock keine Frage von jung oder alt ist, sondern von gut oder schlecht. – Ich hab den Song jedenfalls nun auf dem mp3-Player dabei und hörte ihn bisher gute 20-30 mal, kein Scherz.
  • Vielen Dank für das freundliche Interview! Wollen Sie abschließend noch etwas sagen?
  • Ich bedanke mich auch. Ich wünsche Wolfgang Michels mit dem Album viel Erfolg und für mich selbst bleibt die Erkenntnis, dass es tatsächlich noch Musiker auch aus meiner Zeit gibt, die mir komplett durch die Finger geflutscht sind. Ich muss mal einige alte Scheiben von Michels und seinen Bands mal anhören. Allen Lesern rate ich mal die Hörproben auf der myspace-Site zu laden und mir ihre Meinung zu sagen, vor allem zu „sehnsucht“, denn auf den Song beziehe ich mich hier im Wesentlichen.

Cover Wolfgang Michels “Michels.Zuhause” - Alle Rechte vorbehalten