Ich glaube nicht an Twitter

Mein zweiter Eindruck über Twitter hat auf jeden Fall was gebracht.

Man „muss“ es ausprobieren und sich mal reinfallen lassen, um zu verstehen, was daran denn so cool sein soll.
Und das ist es tatsächlich: Twittern ist cool, hip, in, angesagt – wie man mag. Und es ist ne andere Art der Kommunikation, eben was Neues.

Kein „neues Bloggen“

Eher wie Chatten, vielleicht auch wie in einem Forum, einem Board. Aber das mag am Ausschnitt liegen, den ich zu sehen bekam.

Was ich sah: Der eine schreibt wirklich alles auf was er so tut und bedient dabei das Twitter-Klischee des Belanglosen, der Banalität. Wen interessiert es, fragen sich viele, wann einer morgens aufwacht, was er ißt, wann er auf’s Klo geht und wann er müde wird und er dann endlich sein Haupt zur Neige legt. Es gibt aber auch andere: Die, die kluge Dinge sagen, spontan und ungefiltert, so wie sie ihm in den Sinn kommen. Wieder andere nutzen Twitter zum Verabreden und um Sozialkontakte zu pflegen. Und viele, das hat es wieder mit Bloggen gemein, reden andauernd über Twittern.

Viele sind quasi süchtig danach, und es hat auch Suchtpotenzial, keine Frage.

Dennoch. Ich glaube, dass es ein Hype ist. Dass es als weiteres Kommunikationmittel bestehen bleibt, aber nie die Bedeutung gewinnen wird, die man einst Blogs zuschrieb.

Blogs. Da war doch was. Blogs haben ein Problem: Wachstum in der Breite. Es gibt immer mehr Blogs von immer mehr Menschen und man verfällt in eine wahre Blog-Sammelwut.

Der Feedreader quillt über, man kann sich aber nicht von den lieb gewonnenen Menschen und ihren Blogs trennen und ständig kommen neue hinzu. So ertappt man sich, dass immer mehr liegen bleibt, man nur noch aus dem Augenwinkel scannt und Headlines überfliegt.

In der Konsequenz?

Reißerische Headlines werden zum Vorteil um gelesen zu werden, besser kurze populistische prägnante Texte und Aussagen statt einer Abwägung. Woher kommt einen das nur bekannt vor?

Keine Zeit mehr sich mit einem Artikel vertraut zu machen, ja am Ende gar noch den Artikel zu öffnen und zu kommentieren oder – was es auch schon mal gegeben haben soll – in einem eigenen Artikel darauf einzugehen. Das so oft gescholtene selbstreferenzielle Verhalten der Blogosphäre ist schon wieder Geschichte.

Statt zunehmende Vernetzung in der Blogosphäre nun quasi ein Stillstand, eine Verknotung an nur wenigen Punkten. Einzelne Blogs scharen Kommentatoren um sich wie ein Forum seine Gemeinde. Es gilt das alte Motto: Wo Leben ist, kommt mehr Leben hinzu, wo wenig Trubel, dem wird wenig Beachtung geschenkt.

Sicher auch eine Folge der „erwachsen“ gewordenen Blogosphäre: Haben ‚große‘ Blogs früher noch einen Artikels eines vermeintlich kleinen Blogs als Ausgangspunkt genommen, reduziert sich dies heute auf Einzelfälle, manchmal noch gerade so ein „via“. Bosheit der Großen? Ich denke eher eine Frage der Wahrnehmung: Dem Zeitproblem zollen auch diese Blogger Tribut. Schon genug zu tun um selbst seinen engen Zirkel zu scannen fehlt schlicht die Zeit für den Blick über den Tellerrand und erst recht für den in die Niederungen.

Zu viel zu lesen, zu viel Gutes, zu viel um es in Einklang zu bringen.

Also werden lieber die Blogs gelesen, die selten und kurzes schreiben. Warum? Weil es demotiviert nur den Ordner anzuklicken, wenn schon wieder 30 oder 40 Artikel neu zu finden sind, noch schlimmer, erstrecken sie sich auch noch auf epische Ausmaße.

Vielleicht war das der wahre Grund des beginnenden Twitter-Hypes.

Das Bedürfnis, die lieb gewonnen Mitmenschen, die man nun aus der „Szene“ kennt und schätzt, nicht aus den Augen zu verlieren. Der Drang, das eigene Kommunikationsbedürfnis zwar weiter zu befriedigenm, dies aber doch in den gestreßten Tagesablauf zu pressen.

Weniger ist mehr, quasi, weniger Inhalt ist die Lösung. Ist sie das?

Jedenfalls nicht bei Twitter. Auch wenn man sich tunlichst zurückhält beim Kreis derer, die man „verfolgt“, also die Twitterati, deren Output man in der eigenen Übersicht angezeigt wird, man erstickt in Kürze in Information. Nahezu unmöglich auch bei 30 oder 40 ständig am Ball zu bleiben, alles zu lesen. Dazu kommen manchmal technische Probleme. Das Ergebnis: Man versucht es erst gar nicht. Aber wird dann das Ganze nicht per se zufällig und belanglos?

Wer nur nach einem Schwarmverhalten sucht, wird das sicher finden. Man wird berieselt und es rieselt durch die Finger. Die Masse vermischt Hochgeistiges mit Banalitäten zu einem Grundrauschen, dass durch den Twitter fällt, was nicht rechtzeitig konsumiert. Das ist nicht verkehrt, aber zeigt die Wertschätzung, die Bedeutung der einzelnen Aussage. Teil eines Schwarms eben, der einzelne nur ein Teil einer Masse.

Muss man ja nicht.

Eine strenge Selektion seines Twitterkreises ist ja jedermanns eigene Entscheidung. Und doch nimmt genau Selektion und Einschränkung dem Ganzen den Reiz, den Charme. Vielleicht bleibt einem auch nur die Erkenntnis, dass man nicht in der Lage ist, einer Masse zuzuhören, wenn sie nicht geordnet spricht. So wie man nicht in einem Raum gehen kann, wo 100 Menschen reden man sich zuwenden muss, um wenigstens einige zu verstehen.

Fasse dich kurz.

Vielleicht lehrt uns das ganze aber auch, dass die Botschaft „fasse dich kurz (sonst wirst du nicht gelesen)“ berechtigt ist. Dass der Boulevard uns längst voraus war und erkannte, dass man mit Feingeist und geschliffenen Worten untergeht und man die Masse nur erreicht, wer den Nebensatz streicht und polarisiert, statt philosophiert.

Twitter wird die Welt nicht verändern, wie das Blogs vielleicht hätten tun können. Am Ende setzen sich originäre Bedürfnisse des Menschen durch – und seine Menschlichkeit.

Das schlechte Gewissen über eigene Bequemlichkeit wird durch die Twitter-Ersatzdroge beruhigt, das Bedürfnis nach digitaler Kommunikation durch digitale »Fast(-Food)-Communication« gestillt. Viel geredet, wenig gesagt. Viel gelesen, wenig zugehört. Viel beschäftigt, nichts getan.

Ich beobachte mich und die Netzwelt weiter. Bin viel zu neugierig, viel zu begeistert, viel zu sehr ein Kommunikations-Freak. Aber auch ernüchtert, ein wenig desillusioniert und geerdet.

Am Ende fand man mit dem Internet halt doch keine neue Welt, sondern nur ein neues Haus. Und Twitter ist darin vielleicht der Korridor/der Hausflur, bei dem man sich, während der eine gerade kommt, der andere gerade geht, so eben beim Vorbeigehen noch schnell etwas zuruft. Das hat Charme, da wird kurz gelacht, da wird noch was zugerufen, vielleicht kurz was geklärt, und schon ist man wieder unterwegs.

Bildzitat © Twitter.com