Deutschland gegen die Türkei

Bild © Endl 2008

Darf man das so überhaupt sagen, ‚gegen‘ die Türkei? Bei Clubfans.de schrieb ich – ganz aus fußballerischer Sicht – »Halbfinale unter Freunden« und die Nähe zum Motto der WM 2006 »Zu Gast bei Freunden« ist da kein Zufall.

Fußball ist in der Lage zu trennen und zu verbinden. Einerseits holt sie – für viele mit argwöhnischen Blick beäugt – ein bis dato verbrämtes öffentlich zur Schau getragenen Nationalbewußtsein zu Tage, was mir bereits zur WM 2006 einen längeren Artikel wert war (»Die Sache mit dem national stolz«), doch führt das nicht zwanghaft zu einer Distanzierung, sondern eher zu einer Art völkerübergreifenden Schicksalsgemeinschaft. Alle leiden, alle fiebern, alle haben die gleichen Probleme zu Hause, warum man denn nun wirklich auch noch dieses Vorrundenspiel unbedingt ansehen muss, wo Cousine doch nicht jeden Tag Geburtstag hat.

Bei der WM 2006 war das jedenfalls so. Und dass ausgerechnet in Deutschland dieses gemeinsame Fan-Gefühl, wenn nicht geboren, so doch zumindest ‚wiederentdeckt‘ wurde, hat uns wirklich viel Sympathien eingebracht. So viel Sympathie, dass uns gar ein englischer Fan im aktuellen 11Freunde-EM-Sonderheft den EM-Sieg gönnen würde. Das macht einen ja fast schon wieder skeptisch.

Ein deutsch-türkisches Zusammenleben funktioniert in einer Großstadt wie Frankfurt eigentlich ohne Probleme, ich würde sogar soweit gehen, dass die türkischen Elemente der Stadt längst einen eigenen Stempel gegeben haben, es zum Gemeingut machte.

Doch von Sympathie für die Türkei, ja gar Freundschaft zu sprechen, erfordert eine nicht unkomplizierte Diversifizierung. Denn in der Wahrnehmung des Deutschen gibt es drei, eigentlich sogar vier Arten des „Türken“, die Unterteilung beginnend mit seinem Lebensmittelpunkt. Da ist zum einen der Türke, der in der Türkei lebt, und der in Deutschland lebende Türke, dank Herrn Koch von der hessischen CDU jetzt ja in der öffentlichen Wahrnehmnung wieder sauber als »Person mit Migrationshintergrund« einsortiert. Der in der Türkei lebende Türke wird wiederum gedanklich sortiert in die zwei Gruppen, die entweder für den europäischen Integrationsprozeß sind, oder eben dagegen – die sich der westlichen Welt öffnen, oder eben irgendwie doch als islamische Fundamentalisten angesehen werden – oder eben gar geographisch sortiert, die auf der asiatischen oder der europäischen Seite des Bosporus leben. Der Deutsch tut sich schwer, wenn er an das aktuelle Kopftuch-Urteil denkt oder das Vorgehen gegen die Kurden – es befremdet ihn, und Fremdheit macht Angst, und es entrüstet ihn, denn das militärische Vorgehen gegen die Kurden widerspricht seinem Verständnis vom Lösen von Konflikten und Menschenrechten.

Doch wäre das nicht schon kompliziert genug, so hat man auch mit den »in Deutschland lebenden Personen mit türkischen Migrationshintergrund« so seine Probleme mit der emotionalen Einsortierung. Da ist zum einem der integrierte Türke, der sich an Deutschland schön ordentlich angepasst hat, so lustig höchstens noch einen Akzent hat und vorwiegend in Döner-Buden arbeitet bis hin zum Typus ’smart, politisch engagiert‘ eines Cem Özdemir, die sind gern gesehen und mit den würden wir uns auch freuen, wenn sie uns im Halbfinale nach tollem Spiel besiegen (naja, ein kleines Lächeln könnten wir uns dann abringen, vielleicht), anders die nicht-integrierten Türken, die auch im Jahre 2008 noch im Auto sitzen bleiben, ihren Sohn neben sich am Beifahrersitz, während die Frau, die besser auch gar kein Deutsch spricht und sich gesellschaftlich nur in türkischen Kreisen aufhält, und die Tochter nach gemeinsamen Großeinkauf die Sachen nach oben tragen müssen. Auch die gibt es in Deutschland – und gerade die sind immer wieder der Anknüpfungspunkt für die vielen und langen Diskussionen über gescheiterte Integrationsbemühungen in einem Land, dass selbst oft ganz offenbar bis heute ein Problem mit seiner eigenen Identität hat.

Zwei Kommentare von »Clyde« drüben bei clubfans.de gefielen mir ausgeprochen in dem Zusammenhang:

Er schrieb: »Ich hab so das Gefühl dass meine Generation (Ü20, aber U30) ein bisschen unbefangener damit umgeht. Ist auch gut so…« und gesagt hat er das in dem Zusammenhang: »egal wo man einschaltet (N24, n-tv…) immer soll der bessere gewinnen und feiern egal wer gewinnt… das nervt aber auch alles. die glauben doch nicht wirklich dass ich nach einem verlorenen halbfinale mit den türken über den plärrer tanze!!!«

Dabei trifft er wahrscheinlich den Nagel ziemlich auf den Kopf: Während alle noch ringen um die political correctness bei der öffentlichen Kommunikation, würden viele der Jüngeren die ganze Sache endlich einmal unkompliziert und normal sehen. Und wenn dann ein türkischer Spieler von »deutsche Panzer in die Knie zwingen« spricht, dann sollte man das vielleicht einfach ohne gesamtgesellschaftlichen Aufschrei als stinknormale bloße provokante Redewendung nehmen können (denn für die Türken sind wir halt die Panzer wie für die Österreicher die Piefkes, kein Grund also gleich ein Boulevard-Faß aufzumachen wie SPON). Und dann will ich mich auch nicht mit den türkischen Nachbarn zusammen über deren Sieg über Deutschland freuen müssen, möge er dann noch so fußballerisch verdient gewesen sein. Die Mär »Deutschen Türken ist der Sieger egal« mag da glauben wer will – da ist wohl mehr der Integrationsbeauftrage der Vater des Gedankens.

Normalität ist manchmal viel einfacher, wenn man nicht über alles nachdenkt. In dem Sinne: Allen einen schönen Fußball-Abend und hoffentlich schmeißen wir die Türken hochkant raus. 😀

Mein Mitgefühl hätten sie dann trotzdem, aber nicht weil es just die Türkei wäre, sondern weil sie durch Leidenschaft und Begeisterung bisher meinen Respekt auf dem Platz erworben haben. Vielleicht ist das auch ein Stück Normalität.