Sie lacht

40-50 Menschen, die mit mir auf die nächste Bahn warten. Trotzdem ist es bemerkenswert still. Der graue Himmel sieht nach Regen aus. Nur von weiter entfernt hört man ein Kleinkind seine Monologe führen. Eine attraktive Blondine nestelt an ihrem Handy, dann entdeckt sie einen Bekannten am anderen Bahnsteig und lächelt ihm zu, doch ihr Lächeln ist nicht schön und ihre Attraktivität verliert sich beinahe in ihrer kurzen höflichen Fröhlichkeit.

Die meisten Blicke sind stumpf, als wenn für uns die Natur in unserer Grundstellung die Melancholie vorgesehen hätte. Neben mir steht eine Frau – wohl in den 60ern -, gut gekleidet, was immer das heißen mag, eben wie viele Frauen in diesem Alter meinen, dass eine apricot-farbene weite Bluse mit beigfarbener Hose die unten eng zuläuft modern ist. Sie hat keine Haare, ich vermute Chemo-Therapie.

Ein anderer einfahrender Zug bringt die fast wie in einem Bild gefangene Situation in Unruhe, die auch nach seiner Abfahrt bleibt. Wie auf gemeinsames Geheiß beginnen mehrere kurze Dialoge, dann geht ein kurzer kräftiger Regenguß runter und für einen kurzen Moment ist die Stille zurück, um dann nicht wiederzukehren.

Unser Zug fährt ein und man hört nun auch die Frau ohne Haare mit ihrer Begleitung reden. Heißer, rauchig, fast ohne Stimme – und sie lacht.