Der Verlust einer Bank

Es gibt sicher bessere Artikel als diesen über die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank. Es gäbe auch wichtiges zu sagen, über Kostenoptimierung, Synergieeffekte und Positionierung im internationalen Bankenvergleich zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit – aber das können andere besser, wie unsere OB Roth:

In Deutschland entstehe mit Sitz am Finanzstandort Frankfurt ein weiteres führendes Finanzinstitut, das stark genug sei, sich gegen Übernahmen ausländischer Investoren zu wehren. Mit dieser Stärke könne sich die fusionierte Bank auch im Inland weitere Marktanteile erschließen und bereits mittelfristig zu einer ersten Adresse für den deutschen Mittelstand werden.

Für mich belasse ich es bei dieser Randnotiz, dass die Banken und ihre Rolle in der Gesellschaft einen schleichenden, aber nachhaltigen Wandel vollzogen haben. Man müsste genau genommen fein differenzieren, unterscheiden zwischen den einzelnen Bankgeschäften. Das Kreditgeschäft, das schon immer dem Image anlastete im Spagat zwischen Notwendigkeit und Übel – im Christentum sogar einst als moralisch verwerflich und sündig betrachtet für verliehenes Geld einen Zins zu erheben, heute die Säule des Bankwesens schlechthin. Oder das Immobiliengeschäft, die Fondsverwaltung oder das Börsengeschäft. Und natürlich das klassische Geldanlagegeschäft. Doch warum eigentlich? Ich muss gar nichts unterscheiden, ich darf einfach aus meiner Sicht bewerten, wie es bei mir ankommt.

Am 31. Oktober anno domini 1984 stand ich vermutlich – wie ich das oft an diesem Tag des Jahres tat – mit einem kleinen roten Büchlein in meiner Bank. Es war Weltspartag und es gab immer irgendein Goody, wenn man an diesem Tag etwas einzahlte. Das Sparen auf ein Sparbuch galt für mich – und vermutlich die breite Gesellschaft – als die klassische Vermögensanlage des kleinen Mannes. Ein Festgeldkonto zu haben, mit langfristigen Anlagen, war da schon die Sache der saturierten Wohlstandsbürgers, der auf Eventualitäten des Lebens noch auf andere Reserven zurückgreifen konnte. Risiken gab es da im Empfinden des Bürgers keine. Die Zinsen und die Einlage waren garantiert, Bankenkrisen kannte man nur aus Übersee oder den Geschichtsbüchern. „Eine Bank“ zu sein ging in den Sprachgebrauch über als eine vollkommen unverrückbare und sichere Option, etwas, was dem „Amen in der Kirche“ fast gleichkam.

Heute ist das anders – und nicht nur wegen der Fusion. Als ich als Student ein Konto bei der Advance Bank hatte, tat ich das vor allem, weil man einen kostengünstigen Einstieg in das Börsengeschäft bekam. Nicht, dass ich Ahnung oder Geld gehabt hätte, aber es erschien so unglaublich einfach und sicher Gewinne an der Börse zu machen, dass es fast fahrlässig gewesen wäre, es nicht wenigstens zu probieren. Man hörte nur von einem Newcomer, wartete auf den voraussichtlichen Ausgabepreis und lugte dann im Internet auf den ominösen grauen Markt, der bereits vorher das Papier im Wert definierte, noch bevor es an der Börse platziert war. War hier der Wert höher (und das war er in der New Economy eigentlich immer), begann der Run auf die Zeichnung – und je mehr man bekam, desto höher der Gewinn durch simples sofortiges Verkaufen nach Zuteilung. Eigentlich hätten da allen die Lichter aufgegen müssen, dass sowas einfach nicht gehen kann auf Dauer, aber was keiner sehen wollte, sah eben keiner.

Der kleine Ausflug um das zu zeigen: Die Advance Bank wurde irgendwann von der Dresdner Bank geschluckt, die heute von der Commerzbank geschluckt wurde. Hätte ich also das Konto/das Depot noch, wäre ich höchstwahrscheinlich Kunde der dritten Bank, ohne es wirklich zu wollen. Die Bindung zu einer Bank meines Vertrauens ist so natürlich per se nicht gegeben – mein Geld (wenn man denn solches besitzt) wird mit mir verschoben. Ich kann aussteigen, verhindern kann ich es nicht.

Die Börsenspekulationen erfassten die halbe Republik, Anlagen wie Sparanlagen waren dagegen ein Witz. Doch nach dem Witz sehnen sich heute sicher viele, denn leider sind die versprochenen Zinsen heute auch ein solcher – ohne Lacheffekt. Denn heute gehe ich nicht in die Bank um mein Geld einfach da abzugeben und einen Zins zu erhalten, der nicht nur wenigstens die Inflationsrate abfängt, sondern auch moderate Gewinne verspricht, heute gehe ich in eine „Beraterbank“, wie sich just die Dresdner gerne selbst nannte. Ich werde beraten, wie ich mein Geld ideal anlegen kann, wie ich Steuern umgehe, Risiken verteile und meine Zukunft gestalte. Klingt toll, aber ist für den Durchschnittsbürger vollkommener Nonsense.

Wer auch immer auf die Idee kam, diesen Strukturwandel der Kunde-Bank-Beziehung bis hin zum Kleinanleger als Gewinn zu verkaufen, sollte den Münchhausen-Baron-Orden am Bande bekommen. Denn gewinnen tun nur die Banken dabei – und das müssen sie ja auch, sind sie ja längst nicht mehr den Kunden sondern meist ihren eigenen Anlegern verpflichtet, die den Shareholder-Value eben viel interessanter finden als Omis Spargroschen. Sie gewinnen, weil sie das, was sie früher über den garantierten Zins abfingen, heute dem Kunden als Risiko weitergeben – ohne dass der diese Risiken ernsthaft abwägen könnte. Mag man mir doch nicht erzählen, dass selbst nach einem noch so bemühten Beratungsgespräch der Kunde in der Lage wäre, bei unserer komplexen Wirtschaft- und Finanzsituation mit beständigen Richtungswechseln auch der politischen Landschaft, ein Risiko ernsthaft beurteilen zu können. Augenwischerei.

Die Bank garantiert nichts mehr, sie verdient einfach immer. Verliert die Anlage, verliert der Kunde. Wäre meine Bank so gut, wie sie behauptet, müsste sie mich gar nicht beraten, sie würde einfach all die tollen Möglichkeiten ideal abwägen und mir ein Versprechen geben können, wie viel Zins/Rendite sie mir versprechen kann. Denn nur die Bank mit all ihren Experten und Brokern und Rechtsabteilungen kann doch am ehesten einschätzen und damit auch etwas versprechen, als der kleine Mann auf der anderen Seite des Schalters.

Dass trotzdem die Banken noch in Krisen geraten, darf wohl der unersättlichen Gier nach noch mehr Geld geschuldet sein, ihren eigenen riskanten Investitionen. An den Einlagen der Kunden kann es ja nicht liegen. Und auch nicht an den Kleinkrediten, da ja schon beim simplen Autokauf vom kleinen Mann die Hose runter und Sicherheiten (wie Bürgschaften und Immobiliensicherung) gefordert werden – Informationen und Absicherungen, die eigentlich schon so hoch sind, dass ein Risiko fast nicht mehr besteht.

Die Bank wird in meinem Empfinden mehr und mehr wieder zu dem, was sie im alten Christentum einst wahr: Eine unmoralische Institution. Sie handeln mit Geld, dass ihnen nur geliehen ist, und lassen das Risiko dabei bei denen, die das Geld geliehen haben. Sie führen die Gewinne nicht denen zu, die mit ihren Einlagen für die Basis sorgen, sondern ihren Managern und Aktien-Anlegern. Sie diktieren unsere Wirtschaft und ruinieren durch ihr Verhalten wie bspw. am Immobilienmarkt in den USA ganze Existenzen und Märkte. Sie nehmen Einfluß auf Politik und Wirtschaft, um ihren Zwecken zu dienen.

Eine Bank hat für mich nur noch wenig Vertauen. Sie ist für mich wie eine Versicherung (kein Wunder, dass das oft Hand in Hand geht), also ein notwendiges Übel, um sich in diesen Zeiten, da der Staat nicht mehr kann oder will als die Grundversorgung (= überleben, irgendwie) zu gewährleisten (ob das gut oder schlecht ist, sei mal dahingestellt), abzusichern und doch irgendwie immer im Hinterkopf zu haben „hoffentlich braucht man es nicht“ – weil man sich der Sache nicht sicher ist, dass – wenn der Fall der Fälle eintritt – man sich nicht doch in den Fallstricken von Klauseln und Paragraphen verirrt und am Ende leer ausgeht. Geld zur Bank zu bringen ist da nicht viel anders wenn man mit effektiv weniger rauskommt als man reinging. Ob die Anlageform morgen noch so steuerideal ist, wie gestern versprochen anhand der aktuellen Situation mit einer nach besten Wissen und Gewissen einkalkulierten Zukunftsbetrachtung in einem Beratungsgespräch als Option vorgestellt, weiß niemand – und ob die sicher Fonds-Anlage auch morgen noch so kraftvoll zubeisst, wer weiß es schon. Der Berater jedenfalls nicht, denn bereits in der New Economy munkelte man schon spöttisch: Wenn Dein Anlageberater so gut ist, wie er behauptet, warum muss er dann noch als Anlageberater arbeiten?

Daher – wie lautet schon einst der zum geflügelten Wort gewordene Spruch: „Aus Raider wird Twix, sonst ändert sich nix“. Was damals als Claim für die Erhaltung bewährter Qualität stehen sollte, steht hier für mich in einer achselzuckenden Resignation. Zwei Unternehmen fusionieren, das ist alles. Banken, wie man sie früher kannte und schätzte, Banken als echte Institution der Gesellschaft, gibt es schon lange nicht mehr.